Über das Leben von Gabriele Tergit wäre viel zu sagen. Als Elise Hirschmann 1894 in Berlin geboren, später verheiratete Reifenberg, promovierte Historikerin, gelegentliche Feuilletonistin, als Gerichtsreporterin eine Starjournalistin, dann auch Romanautorin. Sie schrieb in der Weltbühne, vor allem aber fürs Berliner Tageblatt. Nicht nur als Jüdin, sondern auch als scharfe Nazi-Kritikerin musste sie Hals über Kopf noch im März 1933 fliehen. Zunächst nach Prag, dann nach Palästina, von dort schließlich nach London. Nach 1945 schrieb sie auch wieder für deutsche Zeitungen, fand aber nicht mehr die frühere Aufmerksamkeit. Besonders betrübte sie, dass ihr noch immer wunderbarer Roman einer jüdischen Familie, Effingers, bei weitem nicht so erfolgreich war wie kleine Auftragsbüchlein übers Bett oder über Blumen. 1982 ist sie gestorben.

Nun erscheint Käsebier erobert den Kurfürstendamm, ihr Roman von 1931, in einer Neuauflage. Wieder einmal. 1977, 1988, 1997, 2004, 2008 war er bereits in den verschiedensten Verlagen wiederaufgelegt worden. Und jeweils verschwand er, trotz bester Rezensionen, sehr schnell ins moderne Antiquariat. Lag das vielleicht am fürchterlich berlinpiefigen Namen im Titel? Wäre der Roman unter dem Titel "Heil und Sieg und fette Beute" erfolgreicher geworden? Ihr Kollege Rudolf Olden hatte den vorgeschlagen. Ein Spruch, den die Journalisten im Roman sich unentwegt zuriefen, den Tergit dann aber der einschlägigen Assoziationen wegen strich.

Erich Kästners Roman Fabian, unlängst in der unzensierten Fassung mit dem Originaltitel Der Gang vor die Hunde wiederaufgelegt, derzeit in der französischen Übersetzung ein Hit, gilt dem Lesepublikum immer noch als non plus ultra frecher Darstellung des Berlins der Weimarer Republik. Hans Falladas Kleiner Mann – was nun?, für März angekündigt in erstmals ursprünglicher Fassung, gehört zum stabilen Inventar der Romanbibliothek jener Zeit. Irmgard Keuns Das kunstseidene Mädchen, die Ikone der scheinglänzenden Tempojahre, ebenfalls mehrfach wieder veröffentlicht, hat es schon schwerer in der Käufergunst; gar Martin Kessels, vor einiger Zeit ebenfalls neu aufgelegter und bald wieder vergessener, Roman Herrn Brechers Fiasko, bestimmt der klügste unter allen.

Verquere Lust am Konsum

Man kann die Liste fortsetzen: Ruth Landshoff-Yorck, Wilhelm Speyer und so fort: Damals erfolgreiche, allermeist durch die Nazizeit ins Vergessen geratene Romane ebenso wie Reportagen, Feuilletons oder sogenannte Tatsachenberichte jener Jahre oder etwa die gemeinfrei gewordenen Texte Joseph Roths, von Kritikern lebhaft empfohlen, von Literaturwissenschaftlern längst kanonisiert – sie werden von Verlagen immer mal wieder ins Programm aufgenommen, erhalten literaturkritischen Zuspruch, finden aber in der Regel kein stabiles Publikum.

Dennoch sind gerade kleinere Verlage unermüdlich damit beschäftigt, Vergangenes, Verdrängtes, Vergessenes auszugraben. Inzwischen sind es auch die fünfziger bis siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die vor allem auf damals Unverstandenes, Skandalöses oder vermeintlich zu Schwieriges, Anspruchsvolles durchsucht werden. Aber noch immer ist es die Weimarer Republik, die die meisten Neuauflagen liefert. Zum einen mag die Faszination an der frechen Leichtigkeit der Liebes- und Alltagsverhältnisse, an der verqueren Lust am Konsum und am Unglücklichsein der Grund hierfür sein. Häufig sind es Romane von Frauen, in deren Tradition all die heutigen Sternschnuppen stehen, die eine Saison lang bestsellern. Zum anderen ist es die scharfe Kritik, die noch immer reizt, sei es in den Antikriegstexten, die aus gegebenem Anlass gerade wieder neuaufgelegt werden – der apokryphe Elektrische Verlag z.B. bietet da eine ganze Reihe auf –, sei es in der Kritik politischer und sozialer Verhältnisse.

Konkurrierende Neuerscheinungen

2013 erschien Ernst Haffners 1932 als Roman titulierter Bericht Jugend auf der Landstraße Berlin neu. Unter dem zündenderen Titel Blutsbrüder wurde er ein – auch international – großer Erfolg. Geradezu zwangsläufig zog er ein Jahr später Georg Finks soziale Anklage Mich hungert nach sich. Kein Erfolg. Der entdeckungsfreudige Metrolit Verlag wurde inzwischen vom Markt genommen. Wir werden sehen, wie es den fürs Frühjahr angekündigten Neuauflagen von Alexander Stenbock-Fermors Deutschland von unten (vbb) oder Erich Grisars Mit Kamera und Schreibmaschine durch Europa (klartext) ergehen wird.

Alle diese Bücher konkurrieren ja nicht nur mit den allfälligen, für sich schon unüberblickbaren deutschen Neuerscheinungen und aktuellen Übersetzungen, sondern mindestens noch mit den Neuausgaben und -übersetzungen von Klassikern der Weltliteratur wie Wiederauflagen vermeintlich oder tatsächlich unverstandener Meisterwerke.