Für ungefähr ein Drittel des Buches hat Kleeman Werbespot-, Talk- und Gameshowdramaturgien erdacht, die sie ihre ausgezehrte Ich-Erzählerin schauen lässt. Spots für Pflegecremes, die irgendwann mal so durchaus gesendet hätten werden können, aber immer einen surrealen Verlauf nehmen. Wenn A diese Werbeclip- und Talkshowabfolgen beschreibt, setzt der bekannte restnostalgische Schauer ein, den man bereits als ganz ähnlichen Effekt in Teilen der jüngst kanonisierten Vaporwave-Video-Ästhetiken (verzerrte, verlangsamte Zusammenschnitte aus 90er Jahre TV-Material) beobachten konnte. 

Zentral sind die Kandy Kake-Spots, die eine abgemagerte Katze in immer sadistischeren Zeichentrick-Episoden bei ihrer Jagd auf Kandy Kakes zeigen. Die vorgelebte Obsession für Kandy Kakes – Gerüchten zufolge enthalten sie Plastik – überträgt sich schnell auf A und nistest sich in ihrem Bedürfnishaushalt ein. Wie einen zuckersüßen, unergründlichen MacGuffin lässt Kleeman den Kuchen in der gesamten Erzählung immer wieder auftauchen und verschwinden. Etwa im Sortiment der dadaistischen Supermarktkette Wally's, wo Produkte nach keinem nachvollziehbaren Konzept alle paar Tage neu verteilt werden und die Mitarbeiter über den Verbleib nur vage Auskünfte geben dürfen.  

Verwirrend ist auch die zeitliche Verortung. Aus dem anachronistischen Fernsehapparat erfahren wir von Durchbrüchen in der Krebstherapie. Bei As zermürbendem Teilzeit-Korrekturjob ("Sinnsuche verhinderte ein effizientes Korrektorat") stapeln sich Kayak Quarterly-Ausgaben und ein sonderbares Heft namens New Age Plastics. Endzeitlich wird es, wenn A mit leerem Magen ihren vierzigminütigen Arbeitsweg abläuft, vorbei an den immergleichen Tankstellen und Supermärkten. 

Der A4-Hüftumfang

Zudem häufen sich mysteriöse und gleichzeitig lustige Vorkommnisse. Väter verschwinden und fügen sich nahtlos in eine andere vaterlose Familien ein, nur um ein paar Monate später, in unförmigen Chinos in einem dreihundert Kilometer entfernten Gap Store, von zivilcouragierten Mallbesuchern aufgelesen zu werden. Im Fernsehen spricht man vom "Disappearing Dad Syndrome". Auch die Nachbarsfamilie verschwindet und hinterlässt eine kryptische Botschaft am Garagentor. In dieser Atmosphäre stolpert A in einem übergeschnappten Plottwist in den Schoß einer Sekte. Auf den Infobroschüren prangt als Logo wieder: die Rubinsche Vase. 

Ein überdrehtes Draußen gegen ein monotones Innen, also. In Kleemans entschlackter Sprache wird das assoziative Festbeißen zu einer Form großer radikaler Introspektion. Die besten Passagen entstehen, wenn Kleeman ihre Erzählerin mit derselben Dosis Faszination und Abscheu auf Nahrungsmittel, Make-up und Körper blicken lässt. Wie seltsam eine Orange oder Lipgloss ist, wenn man nur lange genug darüber nachdenkt, wie befremdlich der eigene Körper sein kann, der immer auch eine Zumutung ist, erfährt man hier. Nicht anprangernd, eignet sich A wie B und C als Parabel oder Satire auf die Schönheitsindustrie und Abnehm-Memes (Thighgap, Bikini-Bridge, A-4 Hüftumfang) nur bedingt. Aber es ginge natürlich. Glücklicherweise gilt Ähnliches für das Thema Essen. Nichts im Buch drängt sich als übereifriger Witz über gegenwärtige Ernährungsstile auf.

Sicher, es geht hier wie so oft um große Themen wie Entfremdung, Selbstauflösung, Identität, Konsum, spiritueller Halt und das alles in Amerika, diesem großen Hologramm von einem Land. Aber im Grunde geht es darum, auf der Couch im Licht des Fernsehers zu sitzen, Werbespots zu schauen und diesen Satz zu denken: "Ich wurde traurig, dann wieder nicht mehr." Darum geht es.