Guter Sex findet im Kopf statt. Diesen Satz haben wir wohl alle schon mal gehört oder sogar selbst benutzt. In ihrem virtuosen neuen Roman In den Wäldern des menschlichen Herzens spürt Antje Rávic Strubel diesem Mythos nach, und zwar gründlich. Man könnte auch sagen: so tiefgehend wie die schwebenden Wurzeln im schwedischen See Stora Le, die an manchen Uferstellen bis zum Grund reichen.

Dort, in Dalsland, an der Grenze zwischen Schweden und Norwegen, eröffnet der Episodenroman mit René und Katja, die im Rahmen eines Sommercamps Kanutouren machen. Sie schlafen in Tipis aus gekreuzten Fichtenstämmen, eine Art der Behausung, die sie immer wieder subtil daran erinnert, "dass nichts und niemandem ein fester Platz auf der Welt vorherbestimmt war". Sätze wie dieser geben die Tonart des Buches vor: melancholisch und sehnsüchtig, zugleich aber auch voller Aufbruchsstimmung.

Die Liebe zwischen René und Katja indes scheint erschöpft. Katja fühlt sich nicht gemeint durch Renés Begehren – so als sei das, was René berührt, nicht ihr Körper, sondern eine Projektion, die wenig mit ihr zu tun hat. Ihre Wege trennen sich, doch werden die beiden wieder auftauchen in Strubels perfekt choreografiertem Figurenreigen, der leichtfüßig durch die verschlungene Romanhandlung trägt.

Faszination für Ränder

René arbeitet an einem Buch über den Norden, eine Hybridform zwischen Reisejournalismus und fiktiver Reise. "Alle Gewissheiten, die man sich mühsam erarbeitet hat, werden außer Kraft gesetzt", wird die Journalistin mit dem Skandinavienfaible, die unschwer als Alter Ego der Autorin zu erkennen ist, in einem späteren Kapitel sagen. Genau darüber wolle sie schreiben. Der Norden hat es René angetan, weil für sie oberhalb von 55 Grad nördlicher Breite "Koordinatenfreiheit" herrscht, "die uferlose Tiefe jenseits der Kartographie".

Um ihren Figuren ein Stück dieser Koordinatenfreiheit zu gewähren, reißt Strubel sie aus ihren gewohnten Umgebungen und versetzt sie an Orte, die auf keiner Karte verzeichnet sind, bei denen vermutlich auch jedes Navi versagen würde: Der Sequoia-Nationalpark oder die Mojave-Wüste in Kalifornien, die undurchdringlichen Wälder Skandinaviens, die Mecklenburgische Seenplatte. Nicht zufällig wählt Strubel Schauplätze, die den Rand der Zivilisation markieren, an denen Wasser und Land zusammenstoßen, an denen sich Kontinentalplatten aneinander reiben. Immer wieder ist von Rändern und Übergängen die Rede, von der Angst der Menschen davor, aber auch von der Faszination, die diese Ränder ausüben.

Gefühlte Geschlechtsidentität

Im Sequoia-Nationalpark begegnen sich Emily, die ihre Wurzeln – ein wohlhabendes, aber emotional unterkühltes Elternhaus – rigoros gekappt hat, und Leigh, der in einem Trailerpark am Rande von Los Angeles aufwuchs. Seit einer Weile ist Leigh ganz sicher, ein Junge zu sein. In einem biologisch weiblichen Körper, darf man vermuten – doch so deutlich spricht Strubel das nicht aus. Was Emily sieht, ist "ein gebräunter, muskulöser Körper, nackt auf einem weißen Stein", ganz ohne geschlechtliche Zuschreibungen. Emily fühlt sich zu ihm hingezogen, doch auch hier besteht ganz offensichtlich eine Schieflage. "Jemand muss es entzünden", sagt Leigh. Ob dieses "es" das Begehren, die gefühlte Geschlechtsidentität oder beides meint, wird offen gelassen.

Schon in ihren Vorgängerwerken hat sich Strubel als Meisterin der verführerisch-sinnlichen Verdichtung von Körpern, Sex und Natur erwiesen. Erstaunlich eigentlich, dass das (fast) nie in Kitsch ausartet. Vielleicht liegt es daran, dass Strubel das Wahrgenommene immer wieder bricht, auflöst, neu zusammensetzt. Gerade dann, wenn Körper, Begehren und Landschaft aufs Schönste verschmelzen: "Und sie sah, wie das Meer aus seinem Nacken floss, und dass es weit draußen wirklich porös war und keine Ähnlichkeit mehr mit Wasser hatte." Oder daran, dass der Sex mit einer ähnlich liebevollen Präzision beschrieben wird wie das Ausrollen eines Windschutzes oder das Anbringen eines Mückennetzes. Was nicht heißen soll, dass Erotik bei Strubel nüchtern oder nebensächlich klänge, sondern vielmehr, dass jedem Handgriff und jedem Blick, sei er auf Menschen, Dinge oder Landschaften gerichtet, ein vergleichbar sinnliches Potenzial innewohnt.