Man erinnert sich noch gut an "den Jugo" in Fürstenfelde. An diesen verweichlichten Schriftsteller, der eine Zeit lang im Dorf war und die Geschichten mitgenommen und aufgeschrieben hat, was wiederum dafür gesorgt hat, dass Literaturtouristen angeradelt kamen, "auf den Spuren des Buchs". Eine kleine ironische Selbstreferenz. 2014 veröffentlichte Saša Stanišić seinen flirrenden, wunderbaren und zu Recht mit Preisen dekorierten Roman Vor dem Fest, der in dem fiktiven, aus mehreren realen Dörfern zusammenkomponierten Dorf Fürstenfelde angesiedelt war.

Die Titelgeschichte seines neuen Erzählbandes Fallensteller, mit knapp 100 Seiten auch die deutlich längste des Buchs, kehrt dorthin und zu der chorischen Erzählweise zurück. Der Schriftsteller ist weg. Allerdings taucht nun eines Tages der Fallensteller auf, "hinten Zopf, vorne Glatze, schwarzer Mantel mit hohem Kragen wie aus einem Jahrhundert, in dem Männer 'Beinkleider' trugen". Der geheimnisvolle Fremde, der ausschließlich in Reimen spricht, ist ein Problemlöser. Jedenfalls behauptet er das. Konflikte kann er beilegen, unliebsame Tiere einfangen, ohne dass ihnen etwas geschieht. Doch tatsächlich ist alles vielleicht auch ganz anders. Und was heißt bei einem Autor wie Stanišić überhaupt "tatsächlich"?

Stanišić selbst ist der Fallensteller. Und in jeder Erzählung geht man ihm irgendwie auf dem Leim. Vor allem seiner Sprache. Es stellt sich schnell das Gefühl ein, es mit einem Schriftsteller zu tun zu haben, der fast alles kann: Menschen durchschauen und beschreiben, Pointen setzen oder gezielt ins Leere laufen lassen, in Andeutungen erzählen, um kurz darauf überraschend explizit zu werden. Stanišić hat ganz eindeutig Vergnügen am Schreiben und dieses Vergnügen überträgt sich unmittelbar auf die Lektüre. Kleine Illusionsmaschinen sind die Geschichten. Und sie verhandeln, das übersieht man leicht, bei aller Verspieltheit durchaus existenzielle Themen, die in Variationen immer wieder aufblitzen: die Einsamkeit, der Umgang mit dem oder den Fremden (syrische Flüchtlinge geistern als Referenz an die Gegenwart durch die Texte), die Entfremdung gegenüber sich selbst.

Jeweils drei der insgesamt zwölf Erzählungen lassen sich als Fortsetzungsgeschichten mit identischen Protagonisten lesen. Da ist beispielsweise ein Mann namens Georg Horvath, ein Justiziar, der aber auch schon unter Pseudonym einen Gedichtband veröffentlicht hat. Horvath reist nach Rio, um dort Übernahmeverhandlungen mit einer Brauerei zu führen. Horvath geht verloren, er verliert sich, indem er das Verhältnis zu seiner eigenen Sprache verliert. Sie verweigert ihm, wie es heißt, den Dienst. Er ist ein Mann, der neben sich steht und sich selbst dabei beobachtet. Und der sich konsequenterweise ständig mit sich selbst verwechselt. In Rio gerät er in die Hände eines dubiosen Chauffeurs, der ihn überall hinbringt, nur nicht dorthin, wo er eigentlich hinwill. Unter anderem zu einem Germanistenkongress in Bukarest. Oder so etwas Ähnlichem. Horvath versteht nur Begriffe wie "kafkaeskul" oder "groteskul". Warum er eigentlich hier sei, wird er gefragt. "Weil er sich gern verwechseln und entführen ließ. Weil er als der, der er dann war, nicht mehr dorthin musste, wohin er als der, der er gewesen war, gemusst hätte."

Stanišićs Erzählungen sind voller Komik und Formulierungsbrillanz. Hin und wieder gibt es von alldem etwas zu viel. Der zweite Dreiteiler folgt einer Icherzählerin und deren Freund Mo auf ihren Abenteuern durch die Welt. Man landet in Stockholm, wo die beiden ein Gemälde klauen. In den Mo-Erzählungen bekommt Stanišić' Tonfall hin und wieder etwas allzu Souveränes. Da ist er sich seiner Weltsicht und seiner Mittel, diese Welt schreibend zu beherrschen, so unendlich sicher, dass es etwas Altklügelndes hat: "Nach gefühlten drei Stunden tanzt ein Kellneralbaner mit unseren Pizzen wendig an. Er schwitzt freundlich. Die Bude ist voll, Zeit und Sauerstoff sind Mangelware. Am Hals etwas Mehl, ein Knutschfleck unserer Speise, denke ich lyrisch vor Hunger." In solchen Absätzen steckt so viel sprachliche Instrumentierung, dass man sie ein wenig auseinanderzerren möchte, um einen ganzen Roman daraus zu machen.

Mehr als ein begnadeter Illusionist

Andererseits: An Variationen von Tonfällen herrscht kein Mangel. Eine Erzählung, möglicherweise ein eher frühes, relativ konventionell durchgestaltetes Stück, handelt von einem alten Mann, der sich bei einem Betriebsfest als Zauberer (was sonst!) versucht und dabei nichts als eine traurige Figur abgibt, während niemand ihm Aufmerksamkeit schenkt, noch nicht einmal das. Das ist entscheidend bei Stanišić: In all der Komik, die er zu erzeugen weiß, lässt er die Traurigen traurig sein. Stanišić ist kein Faxenmacher, sondern ein heiterer Melancholiker. Man darf nicht vergessen, dass er, 1978 in Bosnien geboren, erst als Vierzehnjähriger nach Deutschland kam. Und so tragen auch viele seiner Figuren einen spürbaren Riss in sich.

Am deutlichsten wird das in der Abschlussgeschichte, die nicht die beste, aber bestimmt die unverstellteste des ganzen Buchs ist. Da erinnert sich ein Ich, das mit einer Gruppe von Freunden durch Frankreich reist, an die vaterlose Kindheit in einem Kriegsland, aus dem er schließlich mit der Mutter flieht, während der Großvater zurückbleibt. Nun liegt der Großvater im Sterben und der Enkel schickt ihm einen letzten Gruß. Da kommen sie möglicherweise in einem kurzen Moment zusammen, die vielen Wirklichkeiten, die der Schriftsteller Stanišić in sich trägt. Er hat sie alle parat und er hat Worte dafür. Jemand, der das kann, ist mehr als ein begnadeter Illusionist.

Saša Stanišić "Fallensteller". Luchterhand Literaturverlag, München 2016, 288 Seiten, 19,99 Euro.