Selbst innerhalb der Spezies des britischen Exzentrikers muss David Garnett eine herausragend schillernde Gestalt gewesen sein. Er gehörte der legendären Bloomsbury Group um Virginia Woolf, E. M. Forster und John Maynard Keynes an, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts das verstaubte viktorianische England intellektuell und künstlerisch auf Vordermann brachte. Er hatte unzählige Affären mit Männern und Frauen, pflegte das Leben eines Dandys. Mit der Illustratorin Rachel "Ray" Marshall, der Schwester der Übersetzerin Frances Partridge, war er einige Jahre lang verheiratet.

Später ehelichte er Angelica Bell, zum Entsetzen ihrer Eltern. Sie war die Tochter der Malerin Vanessa Bell – der älteren Schwester Virginia Woolfs – und von Garnetts ehemaligem Liebhaber Duncan Grant. Die Ehe hatte sich schon bei der Geburt von Angelica angedeutet. Da schrieb er einem Freund, er überlege sich, das Kind eines Tages zur Frau zu nehmen. "Wenn sie 18 ist, werde ich 46 sein – klingt das skandalös?" Skandal hin oder her – Garnett hatte sich jedenfalls einen gewissen Ruf erarbeitet, der auch in reiferen Jahren noch intakt schien. Einmal, da war er schon in seinen Siebzigern, ging er auf Reisen mit Frances Partridge. Die schrieb in ihrem Tagebuch, sie sei wohl die einzige Frau, mit der er kein Zimmer teile. "Ich hoffe, er fühlt sich vor dem Hotelier nicht gedemütigt."

David Garnett (1892–1981), der in den zwanziger Jahren eine Buchhandlung und später einen Verlag betrieb, hat sich aber nicht allein durch diese Gossip-Geschichten verewigt – sondern auch durch eine ganze Reihe von Romanen. Der schönste – sein Debüt aus dem Jahr 1922 – ist nun wiederentdeckt worden vom Zürcher Dörlemann Verlag, der für solche wunderbaren Ausgrabungen bekannt ist: Lady into Fox. In den fünfziger Jahren gab es schon einmal eine Ausgabe bei Rowohlt, erschienen als Meine Frau die Füchsin.

Stoische Contenance

Nun heißt der schmale Roman, eigentlich eine Novelle, wörtlich übersetzt Dame zu Fuchs. Genauer könnte ein Titel nicht fassen, welch ungeheuerliches Ereignis hier geschildert wird: Ein jung verheiratetes, hochgradig verliebtes Paar unternimmt in den ersten Tagen des Jahres 1880 einen Spaziergang durch das oberhalb ihres Anwesens gelegene Wäldchen. In der Ferne sind Signalhörner von Jägern zu hören, Jagdhunde bellen. Im Gegensatz zu ihrem Mann Richard findet Silvia Tebrick – geborene Fox! – keinen Gefallen an dieser Freizeitbeschäftigung englischer Gentlemen. Mr Tebrick möchte gerne einen Blick auf die Jagdgesellschaft erhaschen, eilt zum Rande des Waldes, und als er hinter sich einen Schrei hört und sich umdreht, ist das Unglaubliche geschehen: "Wo eben noch seine Frau gewesen war, stand, mit leuchtend rotem Fell, ein kleiner Fuchs." Zehn Jahre nachdem Franz Kafka seinen Gregor Samsa in ein unwürdiges Insekt verwandelt hatte, findet hier eine ebenso merkwürdige Metamorphose statt: Dame zu Fuchs.

Wundersame oder übernatürliche Begebenheiten seien weniger ungewöhnlich als vielmehr unregelmäßig in ihrem Auftreten, heißt es ganz am Anfang des Romans. Tatsächlich wird dieser wunderliche Vorfall von Mr Tebrick zwar mit einiger Verzweiflung aufgenommen, aber erstaunlicherweise auch mit einer fast schon stoischen Contenance erduldet. Der wohlhabende Gentleman arrangiert sich, so gut es eben geht, mit den Gegebenheiten: Das Personal wird entlassen, damit es keinen Verdacht schöpft; die das wilde Tier im Haus witternden Hunde werden erschossen; das nackte Füchslein wird mit einem Morgenjäckchen bekleidet, das seine Frau in Menschengestalt immer so gern getragen hatte; und Richard liest seiner Fähe aus Büchern vor.

Fesseln der Zivilisation

Die Überlegung, warum sich die junge Mrs Tebrick in ein Tier verwandelt hat, spielt in den Gedanken des Erzählers und Tebricks nur eine geringe Rolle. Das Mysteriöse soll weder aufgeklärt noch der Vorgang pathologisiert werden. "Obwohl du eine Füchsin bist, lebe ich lieber mit dir als mit irgendeiner anderen Frau, das schwöre ich dir", sagt der treu sorgende Mann. Die Liebe wird bis zum Ende nicht infrage gestellt.

Das Zusammenleben aber gestaltet sich schwieriger als erhofft. Die Füchsin wird nach und nach von ihren animalischen Instinkten überwältigt. Der Prozess der Verwilderung schreitet voran. Reißt sich das Tier am Anfang noch zusammen, sich erinnernd an ihr Dasein als Lady, sucht es zusehends seine Freiheit von den Fesseln der Zivilisation. Einmal stellt Mr Tebrick seine geliebte Fähe auf die Probe: Er lässt die Füchsin mit einem Blumenstrauß und einem geöffneten Körbchen, in dem ein Kaninchen sitzt, im Zimmer allein – und hofft, seine Frau möge sich über die Blumen freuen, den Leckerbissen aber ignorieren. "Als er aber hineinging, fand er ein grauenhaftes Schlachtfeld vor." Mrs Tebrick entgleitet dem Liebenden.