Bücher über das Internet sind schrecklich. Dem Buchmarkt mangelt es weder an vorwurfsvollen Pamphleten über die vermeintliche Unkultur noch an weihevollen Andachten an die angeblich revolutionäre Kraft des Internets, in der Gadgets das Leben ausschließlich bereichern, Social Media Diktaturen stürzen, Streaming die Kultur befreit und Suchmaschinen gewissermaßen die Fortführung von Immanuel Kant mit anderen Mitteln sind.

Für die Akteure von Kritik und Affirmation sind die Schmähbegriffe Netzskeptiker und Netzapologeten üblich geworden, als ginge es beim Internet und der Digitalisierung um einen quasireligiösen Endkampf, der auf dem Büchertisch ausgetragen wird. Wobei die Kritik an den Folgen der Digitalisierung des Lebens mittlerweile eine größere Müdigkeit hervorruft als die Autoren, die pausenlos in eine digitale glorreiche Zukunft hineinjubeln, als wäre eine da.

Das hängt damit zusammen, dass die Kritik am Internet – noch immer oder schon wieder ­– meistens im besorgten Ton vorgetragen wird, mit dem sich sonst gegenwärtig nur Ohrensesselapokalyptiker zu Themen wie Europa, Euro, Migration und allgemeinem Werteverfall erleichtern. All das hilft möglicherweise, um die Begeisterung zu verstehen, die Jarett Kobeks Roman in den USA ausgelöst hat, obwohl er den nicht sonderlich subtilen Titel trägt: I Hate the Internet. Jarett Kobek ist 38, Amerikaner mit türkischen Wurzeln, früher arbeitete er in San Franciscos Technologiebranche, wo er laut Selbstauskunft Jobs für wenig und für sehr viel Geld gemacht habe.

Die Stadt hat Alzheimer

Der Roman I Hate the Internet ist sein drittes Buch, und es landete als erstes Buch, das im Selbstverlag erschienen ist, auf der Seite eins des Literaturteils der New York Times. Das war Anfang dieses Jahres. Dort verglich der Kritiker Kobeks moralische Gnadenlosigkeit mit Michel Houellebecq, seinen Gerechtigkeitssinn mit Thomas Piketty und seine feine Sprachkritik mit Ambrose Pierce. Im Grunde also wurde Kobek aus dem Nichts auf eine literarische Landkarte geworfen, auf der er, wie er in einem Interview sagte, das Meiste sowieso nicht ertragen könne.

Ohnehin kann Kobek an der Gegenwart, der digitalen zumal, sehr wenig ertragen. Er ist ein Autor, der Sätze schreibt wie: "Nichts verheißt mehr Individualität als 500 Millionen elektronische Geräte, die von Sklaven gebaut wurden. Willkommen in der Hölle." Mit kalter Wut wirft sich Kobek in seinem Roman dem kalifornischen Zeitgeist entgegen, den Erlösungslehren des Silicon Valley, der Vorstellung, die neuen digitalen Unternehmer seien die Heiligen einer neuen freien Welt. Kobek schreibt an gegen den allgemeinen Verblendungszusammenhang, den er in unserem Umgang mit Technologie vermutet.

Der türkisch-amerikanische Autor Jarett Kobek, 38, hat in der Technologiebranche gearbeitet, bevor er zu schreiben anfing. © privat

Sein Roman spielt in San Francisco, seine Protagonistin heißt Adeline, eine mehr oder weniger erfolglose Comiczeichnerin, die in einem aufgesetzten Akzent Englisch spricht und deren größtes Vergehen es war, im Internet etwas Dummes zu sagen. Seither wird sie auf Twitter und in anderen sozialen Netzwerken mit Hass verfolgt. Es geht im Buch auch um Adelines Freundschaft zu Jeremy, einem Afroamerikaner, ein ebenso erfolgloser Zeichner. Es geht um unmoralische Söhne von Scheichs und ehrgeizige Start-up-Unternehmer und um den Verfall der Stadt San Francisco, in der die Ärmeren von Tech-Arbeitern verdrängt werden. Die Stadt sei, schreibt Kobek, als hätte sie Alzheimer. Alles sei wie immer, nur etwas fehle.

Suada auf Speed

Wenn die typische Romanfigur der Neunziger nicht wusste, in welchem Turnschuh sie in die Geschichte treten sollte und ob das Leben so ist, wie man denkt, oder doch nur, wie es aussieht, so vereint Kobeks Figur Adeline alle modernen Leiden der digitalen Existenz in sich: sowohl den Drang zur Dauerperformance als auch die Zumutungen des ständig bewert- und kommentierbaren Lebens. Die satirische Romanhandlung dient Kobek nur als exemplarischer Rahmen, den er mit Reflexionen über den moralischen Zustand der digitalen Welt füllt und zwischen denen er mit der gleichen Hyperaktivität herumspringt, die er am normalen Internetnutzer feststellt. 

Kobeks Begabung ist weniger die eines Romanciers als die eines gnadenlosen Beobachters, dessen Witz und Assoziationsgabe eine unterschwellige Verzweiflung kaum verstecken können. Das Buch ist eine Suada auf Speed, in der die humoristische Verachtung für die digitale Ökonomisierung aller Lebensbereiche mit großer Präzision und Wucht abgefeuert wird. In seiner rasenden Bewusstseinsschärfe erinnert das an Rainald Goetz.

Konstruktion weißer Privilegien

Wenn Kobek über die Größen des Silicon Valley schreibt, klingt das so: "Facebook made it's money through an Internet web and mobile platform which advertised cellphones, feminine hygiene products and breakfast cereals (...) Facebook was invented by Mark Zuckerberg, who didn't have much eumelanin in the basale stratum of his epidermis." Oder über Ayn Rand, die Schutzheilige aller libertären Kapitalisten: "Her endless novel Atlas Shrugged was about 800 pages long. The book was about money is awesome and rich people are awesome and everything is awesome except for poor people who are garbage who should die in the gutter."

Diese ins Satirische gewendete lexikalische Sprache vieler Passagen ist nicht nur von entlarvender Genauigkeit, sondern parodiert auch den Erklärstil der Wikipedia. Ähnlich wird in repetitiver (und gelegentlich enervierender) Manier dem iPhone bei jeder Erwähnung hinzufügt: It changed everything.

An anderen Stellen stellt Kobek Listen auf, die eindeutig auf das Portal Buzzfeed verweisen, das er eine wundervolle Seite nennt, auf der man viel über die Konstruktion weißer Privilegien lernen könne. 

"Fick dich, bis du auf der Straße liegst"

Am Anfang steht eine sogenannte Triggerwarnung, eine Praxis, die mittlerweile an amerikanischen Universitäten eingefordert wird, um Studenten vor möglicherweise verletzenden Wörtern und Inhalten zu warnen. Kobek allerdings zählt in seiner Triggerwarnung vornehmlich absurde Dinge auf wie "Berühmtheit", "Popkultur" oder das Sexleben von Thomas Jefferson, und nennt seinen Roman darin selbst "276 pages of mansplaining". Der Roman ist zwar mit den neuesten emanzipatorischen Diskursen grundiert, aber selbst die sind für den Autor gelegentlich Gegenstand von Spott.

Kobeks radikales Buch ist durchweg in der Vergangenheitsform geschrieben: Google ist kein Unternehmen, das seine Busse durch San Francisco schickt – es war eines. Schwer zu sagen, ob hier einer wie auf John Martins berühmtes Gemälde The Last Man auf die Trümmer einer Welt guckt und erzählt, wie es gekommen ist, oder ob es sich bloß um die resignierte Stimme eines Autors handelt, der mit allem nur nichts mehr zu tun haben will. Wer neue aphoristische, düstergefärbte Definitionen für die digitale Moderne braucht, findet bei Kobek jedenfalls alles, was er braucht. Und man muss nicht einmal jeder Volte und jeder Satzgirlande zustimmen, um sich bestens unterhalten zu fühlen.

Verkorkst, nur ohne Twitter

Über die nicht nur in der Unterwelt des Internets brodelnde Wut schreibt er:

"They were outraged about sports figures. They were outraged about politicians. They were outraged about injustice. They were outraged about the world events in countries thousand of miles away with complex and impenetrable political systems. They were outraged about comic books. They were outraged about the privilege of others. They were outraged about criminal cases. They were outraged about poor people. They were outraged about rich people. They were outraged about the death of the middle class. They were outraged about everything. And no one would stop tweeting about televesion."

Als Zustandsbeschreibung der digitalen Öffentlichkeit kann man das ohne größere Verluste stehen lassen, wie so vieles in diesem Buch. Es wurde auch schon mit der angeblich prophetischen Kraft von Dave Eggers Dystopie The Circle verglichen. Aber dieses Buch ist viel raffinierter konstruiert. Wofür Eggers 500 Seiten braucht, benötigt Kobek oft nur einen Absatz. Im Herbst soll das Buch auf Deutsch im S. Fischer-Verlag erscheinen.

Nun besteht bei solchen Rundumschlägen auch immer die Gefahr der Selbstgefälligkeit (von der Kobek auch nicht frei ist). Und sicherlich sollte man von Kobeks Jeremiade keine umfassende, intellektuell satisfaktionsfähige Kapitalismuskritik erwarten, und das will sie auch gar nicht sein, ebenso wenig ein Roman, den man mit empfindsamer Miene genießt. Doch ist die polemische Begabung des Autors, mit der er wie mit einem Bulldozer in unsere Gegenwart hineinbrettert und alles beiseiteschiebt, nicht nur bewundernswert, sondern entwaffnend.

Die Gleichgültigkeit des Zuckerbergs

I Hate the Internet ist kein handelsübliches kulturpessimistisches Pamphlet, das auf ein nebliges Früher zeigt und vielsagend seufzt. Stattdessen wird dieses Früher als genauso schlimm und verkorkst beschrieben, nur eben ohne Twitter. Ja, es ist großen Teilen ein Wutanfall, ein Rant, wie es im Internet heißt, wann immer einem vor Publikum der Kragen platzt. Es gehört zu den Fähigkeiten des Autors, dass er immer wieder Formen und Textarten aus dem Netz adaptiert und in Literatur überführt. Kobek ist gewissermaßen der unterhaltsamste Rant gelungen, den das Internet bislang außerhalb des Internets hervorgebracht hat.

Auch, weil das Buch ein Bewusstsein für die Selbstwidersprüche und Aporien hat, in die wir alle verwickelt sind. Kobek selbst bezeichnet sich als schlechten Autor. Auf den Seiten  fällt Kobek sich wieder selbst ins Wort und sagt, dass dies ein schlechter Roman sei, eine moralische Erzählung über das Internet, die auf einem Computer geschrieben sei, der nur durch Ausbeutung gebaut werden konnte.

Nicht zuletzt seinen eigenen Pessimismus führt Kobek im Roman noch einmal vor. Am Ende doziert eine Figur – in gewisser Hinsicht das Alter Ego des Autors, wie ein auf linksgedrehter John Galt aus dem von Kobeks gehassten Roman Atlas Shrugged – auf einem Hügel in San Francisco pathetisch auf die Stadt herab: über den Zustand der Welt, über die Zumutungen und die Verkommenheit des Internets, über die Gentrifizierung, das Patriarchat, die Gleichgültigkeit der Zuckerbergs und die Profitgier der Unternehmen. Ein Touristin starrt ihn nur an und sagt schließlich: "Fick dich, bis du auf der Straße liegst." Man kann die Szene natürlich wieder ironisch lesen. Oder vielleicht doch als Fatalismus.

Jarett Kobek: "I Hate the Internet. A useful novel against men, money, and the filth of instagram." We heard you like books, 2016. 14,99 Euro.

Die deutsche Ausgabe von "I Hate the Internet" erscheint im Oktober 2016 im S. Fischer Verlag.