Wer Ende der sechziger Jahre auf den schmutzigen Straßen der anderen Seite des East River spielte und auf Manhattan blickte, hatte den amerikanischen Traum direkt vor sich: ein Gefühl des anything goes, ausgebreitet auf diesen paar Quadratkilometern – das große Geld, das hektische Treiben, die hochgewachsene Skyline. Wer etwas auf sich hielt, musste schleunigst zusehen, sich möglichst bald in den polierten Fenstern einer der Bürotürme zu spiegeln.

So erging es auch Donald Trump. Der Sohn eines Unternehmers wollte um jeden Preis raus aus Jamaica, dem unglamourösen Stadtteil von Queens. 20 Kilometer Luftlinie sind es von dort bis zur Fifth Avenue am Central Park, der Topadresse der Stadt. Eine Strecke, die man ganz einfach zurücklegen kann und die trotzdem ihren Preis hat. Manhattan ist ein anderes Pflaster. Hier sind die Ellenbogen spitzer, der Spott beißender. Wer hier von ganz oben auf die Stadt gucken will, muss eine bestimmte Abgebrühtheit an den Tag legen.

In Donald Trumps Fall ist es ein zweifelhafter Ruf, den er sich erarbeitet hat, um in Manhattan mitzumischen. Er ist in dubiose Machenschaften und faule Steuerdeals verwickelt, trickst und mauschelt. Es sind Geschichten aus der Schmuddelecke des Kapitalismus, in denen es vor Mafiosi und Mätressen nur so wimmelt. Das behauptet zumindest ein neues Buch, das nicht nur Trumps Sinn als Geschäftsmann anzweifelt und ihm noch einmal (eine Reihe bekannter) Verfehlungen vor die Füße kippt: Es stellt grundsätzlich dessen Eignung als Präsidentschaftskandidat infrage.

US-Wahlkampf - Republikaner warnen vor Trump Einen Tag nachdem Donald Trump seine Wirtschaftspläne verkündet hat, distanzieren sich 50 führende Republikaner von ihm als Präsidentschaftskandidaten. In einem öffentlichen Aufruf bezeichneten sie ihn als Sicherheitsrisiko.

Geschrieben hat The Making of Donald Trump der Pulitzer-Preisträger David Cay Johnston. "Der Mann ist ein Hochstapler. Ich habe keinen Grund anzunehmen, dass Trump Milliardär ist", sagt Johnston. Mit der linken Hand in der Hosentasche steht der Journalist und Autor an einem Donnerstagabend im August am Pult in einem kleinen, schmucklosen Konferenzraum in der Hauptstadt Washington und stellt sein Buch vor. Das nicht mehr ganz so strahlend weiße Oberhemd spannt über dem Bauchansatz. "Es fehlt ihm an Grundwissen. Trump denkt sich Dinge schlichtweg aus oder legt sich Zahlen zurecht, die seiner Geschichte den richtigen Dreh geben."

Dass er es mit Zahlen und Fakten nicht immer genau nimmt und selten für Sachinhalte interessiert, hat Donald Trump oft genug bewiesen, seitdem er im Juni 2015 die Rolltreppe ins Foyer des Trump Tower an der Fifth Avenue herunterfuhr, um seine Kandidatur für das höchste Amt im Weißen Haus bekannt zu geben. Auf die Interviewfrage beispielsweise, ob es eine Bibelstelle gebe, die sein Handeln beeinflusse, antwortete Trump einmal umständlich "Auge um Auge", was aber doch etwas sehr brutal sei, fügte er hinzu. "Trump dachte tatsächlich, der eine sticht dem anderen das Auge aus", sagt Johnston, "und nicht, dass dieser Satz bloß darauf hinweist, einem Verbrechen eine angemessene Strafe gegenüberzustellen."

Krumme Dinger, Skrupellosigkeit

Der Autor kennt Trump seit Jahrzehnten, er hat ihn mehrfach interviewt, zuerst als Lokaljournalist beim Philadelphia Inquirer, später bei der New York Times. In 24 kurzen Kapiteln versucht Johnston nun, Trumps Charakterzüge zu entschlüsseln. Angefangen bei den allenfalls halblegalen krummen Dingern, die Trumps deutschstämmiger Großvater Friedrich drehte, um sich ein paar Groschen dazuzuverdienen, bis hin zu Donald Trumps eigenen ersten Ausflügen in die Geschäftswelt als Casinobesitzer in Atlantic City. Die Trumps, legt das Buch nahe, gehen seit Generationen für den eigenen Vorteil mit einer berechnenden Skrupellosigkeit durchs Leben. Wer sich ihnen dabei in den Weg stellt, wird mindestens in kostspielige, nervenaufreibende Prozesse verwickelt, in denen die Milliardärsfamilie oft den längeren Atem beweisen kann.

Dass Trump sich aus Erhabenheit eine gewisse Denkfaulheit zugelegt hatte, wird Johnston gleich bei ihrem ersten Treffen bewusst: "Trump war grandios eingebildet. Ich habe sofort herausbekommen, dass er eigentlich gar nichts über das Casinobusiness wusste, vor allem kannte er die Regeln der Spiele an seinen eigenen Tischen nicht, geschweige denn die Wettchancen. Was als Casinobetreiber fatal ist, wenn man das Geschäft am Laufen halten will."

Eine der besten, lustigsten Anekdoten ist dann auch die Geschichte, wie der selbsternannte König Midas von Manhattan, dem alles gelingt, der die tollsten Frauen und die besten Ideen hat, in einer Nacht der Schweiß ausbricht, als ihn sein oberster Manager anruft: Akio Kashiwagi, ein damals berühmter Glücksspieler, der ausschließlich mit hohen Einsätzen hantierte, spielt in Trumps Casino am Baccara-Tisch die großen Beträge ein. Seine Glückssträhne und Trumps mangelndes Spielverständnis bringen den Laden für Momente in existenzielle Nöte. Am Ende schuldet der Japaner Trump aber fast sechs Millionen US-Dollar.

Trump und die Vernunft

Eine lapidare Momentaufnahme, könnte man denken, wenn man das große Ganze betrachtet. Allerdings lässt einen bei der Lektüre von Johnstons Buch das Gefühl nicht los, dass Trump als Präsident das Land wie eines seiner Casinos führen könnte: "It’s all about money" – in Geld und Reichtum, beziehungsweise dem Vermehren davon, sieht Johnston den einzigen wirklichen Antrieb für Trumps Streben. Die Präsidentschaft, ein Amt, für das man sich ohnehin nicht ohne Narzissmus bewirbt, ist zwar kein gutgezahlter Job. Aber den Wertgewinn für die Marke Trump dürfte die unentwegte Aufmerksamkeit in den vergangenen zwölf Monaten nur gesteigert haben. Selbst für den Fall, dass er im November unterliegen sollte, werden sie sich um ihn reißen.

Trump ist kein Politiker, er ist Unternehmer. Falls er die Wahl gewinnen sollte, würde er ohne Frage die Amtsgeschäfte anders angehen als seine demokratische Herausforderin Hillary Clinton. Das Problem dabei, schreibt Johnston, sei die Art und Weise, wie Trump sich jedoch als Geschäftsmann aufführe: "Wer Trump widerspricht, ist im Unrecht. Das ist eine Lebensphilosophie, die man womöglich als Unternehmer an den Tag legen kann (wenn ihm ein Deal nicht passt, kann er davon zurücktreten und muss sich nicht mit den Leuten rumscheren, die ihm nicht passen), aber Regierungschefs haben diesen Luxus nicht. Besonders nicht der Präsident der Vereinigten Staaten."

Rache als Lebensprinzip

Was also, wenn auf internationaler Bühne ein Konflikt schwelt und der Russe zuerst zuckt? Bliebe Präsident Trump cool und gelassen? Barack Obama sagte kürzlich, auf Clintons Erfahrung gemünzt, niemand könne wirklich wissen, wie es sei, an dem Schreibtisch im Oval Office zu sitzen – bis man selbst eines Tages dort sitze. Vielleicht würde Trump dann Vernunft walten lassen.

So wie er sich im Wahlkampf bislang aufgeführt hat, darf man das jedoch getrost infrage stellen. Zumal, da Johnston ein entscheidendes Hauptmerkmal in Trumps Biografie herausarbeitet: "Trump lässt gar keinen Zweifel daran, dass Rache ein Lebensprinzip für ihn darstellt – 'Mein Motto ist: du musst es den Leuten immer heimzahlen. Wenn dich einer übers Ohr haut, ziehst du ihm das Fell über die Ohren.'"

Johnston nennt Beispiele zuhauf, wann sich Trump in seinen 70 Jahren menschlich danebenbenommen und geschäftlich fragwürdig verhalten hat. Sein Buch erzählt von impulsivem Temperament und kapitalistischer Gier, und es liest sich oft absurd, manchmal unfreiwillig komisch, nicht selten haarsträubend. Mit dem Ausdruck "action is character", die Handlung bestimmt das Wesen, versucht er allerdings erst ganz am Ende zu umschreiben, worin seiner Meinung nach das "Making of Donald Trump" nun eigentlich besteht.

Abgesehen von den nicht kleinen, beinahe Trump'schen Ego-Anfällen, die sich Johnston immer wieder beim Schreiben herausnimmt ("Ich besitze die größte Aktensammlung über Donald Trump"), bleibt die Schwäche dieser 240 Seiten jedoch die fehlende Einordnung dieser bestimmenden Handlung: Trump will raus aus Queens, der König von Manhattan werden, um sich dort als großer Zampano zu profilieren – aber warum macht das aus einem wie ihm einen Macho mit Mauerfantasien? Reagieren Trumps Anhänger so wütend, weil er ihnen die Vorlagen liefert? Oder hat er doch so etwas wie ein politisches Gespür und reagiert bloß am gewieftesten auf den Zorn der weißen Mittelschicht?

Falls er sich noch selbst entzaubern will, wird Trump noch die kommenden Monate bis zur Wahl am 8. November nutzen, um uns genau das mit seinem eigenen Verbalschutt zu erklären.

David Cay Johnston: "The Making of Donald Trump", Melville House, New York 2016, 246 Seiten

USA - Trump bedauert seine rhetorischen Entgleisungen Manchmal wähle man in einer hitzigen Debatte nicht die richtigen Worte oder sage etwas Falsches, verkündete Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung. "Ich habe das getan."