Martin Mosebach ist wohl einer der letzten großen Wahrnehmungs- und Sprachkünstler unserer Literatur. Von Heimito von Doderer, diesem kauzig-skurrilen austriakischen Meister deutscher Sprache, hat er die Gewissheit übernommen, dass völlig egal sei, was jemand erzähle. Allein auf das Wie des Erzählten komme es an.

Die große Mehrheit der Lesenden dürfte trotzdem weiter an einem Inhalt interessiert sein, der eine gewisse Schlüssigkeit und sinnvolles, wenn nicht in sich notwendiges Arrangement besitzt. In Mogador, dem neuen Roman von Martin Mosebach, geht das in etwa so: Ein Banker, der sich schuldig gemacht hat, steigt aus dem Fenster und somit aus seinem bisherigen Leben heraus, und flieht spontan ins Ungewisse, nach Marokko, in eine Hafenstadt mit dem märchenhaften Namen Mogador.

Nicht, dass den Autor die Vorgänge in einer international agierenden Bank nicht interessieren würden. Auch über die Seelenlage seines aus dem moralisch-einwandfreien Gleis gesprungenen Bankers namens Patrick Elff macht er sich so seine Gedanken. Letztlich war wohl die wohlhabende Ehefrau, der unausgesprochene Erwartungsdruck, schuld an dessen kriminellem Finanzgebaren.

Der deutschen Gegenwart allerdings, die den Autor in seinen vorangegangenen Werken bewegte, vor allem in dem formidablen Was davor geschah (2010), hat er sich mit dem Sprung seines Helden aus dem Fenster des Polizeipräsidiums gewissermaßen erfolgreich entledigt.

Das erste Kapitel des neuen Mosebach-Romans beginnt sinnigerweise in einem Hamam, wo der Mensch sich traditionell "häutet". Hier, am Ende des ersten Kapitels, verrät der Autor außerdem sein künstlerisches Vorhaben: ein Roman schwebe ihm vor, "mit Wirklichkeiten gemischt", der "doch im Ganzen unwahrscheinlich" sei.

Eine sich wiegende Sprache

Das liest sich durchaus prächtig, wenn man an einem prachtvollen und sprachschwelgerischen Fabulieren seine Freude hat. Mehr noch als den Mosebachschen Figuren und ihren Schicksalen folgt man nämlich dem Mosebachschen Erzählen selbst, das zwischen moderner Eleganz (mit einer Vorliebe für die Metzgervokabel "entfleischen") und schräger Antiquiertheit (Mosebach schreibt "Sopha" statt "Sofa") die Schwebe hält.

Dies verlangt vom Leser freilich eine Art der Zugewandtheit, die in einer allein auf Informationsverarbeitung gerichteten Zeit fast schon neu gelernt werden will – im Idealfall mit der erstaunlichen Erfahrung zeitlosen Leseglücks, wie es nur eine sich in ihren eigenen Rhythmen wiegende und ergehende Sprache zu erzeugen vermag.

Etwa, wenn sein Held über mehrere Seiten hinweg das ewige Naturtheater des Meeres beschaut und die dem Strand entgegenziehenden schaumbekrönten Wellenreihen mit den gewappneten Reitern der antiken orientalischen Armeen vergleicht: "Poseidon hieß nicht umsonst der Rossebändiger, aber diese Wellenrosse, die unermüdlich einen Angriff nach dem anderen ritten, sie sanken am Strand dahin, fielen in sich zusammen, lösten sich in Schaum und zarte Wasserschleier auf, die dem Strand eine Oberfläche von flüssigem Glas verliehen, bevor sie zurückwichen."