Die Figuren dieses Autors sind eingeschlossen. Eingeschlossen in ihre Herkunft, in ihre Sprache. Es gibt kein Entkommen aus der eigenen Vergangenheit, und der untergründige Drang, aus der Gegenwart herauszukommen, wird von der Alternativlosigkeit der Zustände absorbiert.

Da ist beispielsweise Jakob. Zu Beginn von Reinhard Kaiser-Mühleckers neuem Roman ist er 15 Jahre alt, und bereits ihn schließen, wie es in Gottfried Benns Gedicht Hör zu heißt, "ziemlich enge Wände von der Geburt bis diesen Abend ein". Der Abend, mit dem Fremde Seele, dunkler Wald einsetzt, nimmt seinen Verlauf in einer Kneipe, so wie auch in Benns Gedicht. Bei Kaiser-Mühlecker heißt es, etwas sei über Jakob gekommen; etwas schwer Aussprechliches, "hätte er es beschreiben müssen, hätte er gesagt, es sei etwas wie eine Müdigkeit. Als wäre irgendwann eine Tür zugefallen, war es ihm, denn tief in sich hörte er bisweilen ein Geräusch wie einen Nachhall, sah aber nicht mehr, wo sich diese Tür befunden hatte; und es kam ihm vor, als streiche er immer nur – suchend, suchend – entlang an einer glatten, fugenlosen Mauer."

Das ist eine niederschmetternde Selbstdiagnose, und das ist die Welt des mittlerweile 34-jährigen Reinhard Kaiser-Mühlecker, der 2008 mit seinem unglaublich guten Roman Der lange Gang über die Stationen debütierte und seitdem in insgesamt sechs Romanen an einem Werk schreibt, das zumindest in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur einzigartig ist. Jakob ist mit seinem Bruder Alexander in der Kneipe. Alexander wiederum ist auf Heimaturlaub. Er hat sich als Soldat verpflichtet und tut nun im Ausland im Rahmen einer internationalen Mission Dienst. Der Gedanke allerdings, es geschafft zu haben, sich herausgewunden zu haben aus den familiären Fesseln, ist eine Illusion, die Alexander noch nicht einmal selbst hegt.

Resignierendes Einverstandensein

In den Romanen Roter Fliederund Schwarzer Fliederhat Kaiser-Mühlecker die Geschichte und letztendlich auch den Niedergang der Familie Goldberger von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die Gegenwart als alttestamentarisch aufgeladenes Epos von Schuld und Zerstörung nachgezeichnet. Die Stoffe, die Kaiser-Mühlecker wählt, ähneln sich in jedem Buch, doch von Roman zu Roman verschiebt er die Perspektive, nimmt einen neuen Anlauf. Mehr als alle anderen Romane ist Fremde Seele, dunkler Wald ein Sehnsuchtsbuch, das umso schmerzlicher ist, weil es immer auch die Möglichkeiten andeutet, um die Sehnsucht umgehend wieder zu verstellen. Daraus resultiert ein resigniertes Einverstandensein mit den Dingen, das sich auf sämtliche Lebensbereiche ausdehnt: die Liebe, den Beruf, die Religion.

Jakob und Alexander leben in einem Drei-Generationen-Haushalt. Der landwirtschaftliche Betrieb, der noch die Großeltern bestens ernährt hat, befindet sich im Sinkflug. Die Zeitenwende hat eingesetzt. Der Vater muss das Land Hektar für Hektar verkaufen und versteigt sich zugleich in Hirngespinste, in vermeintliche Alternativprojekte und Investitionen, bei denen am Ende nichts herauskommt. Trotzdem schafft er weiterhin neue Maschinen an, fährt auf den Acker, bringt die Gülle aus, und doch "wusste er, dass etwas Entscheidendes und Unumkehrbares geschehen war. Vielleicht war es schon vor Langem geschehen, aber bis zu dem Augenblick hatte er geglaubt, alles wäre noch umkehrbar, irgendwann ließe sich alles wieder in Ordnung bringen." Auf dem Familienvermögen sitzen die Großeltern, und sie rücken nichts davon heraus.

Fortschritt als Gefahr

Eine Atmosphäre der latenten Aggression und Bösartigkeit umhüllt das Geschehen, und diese Atmosphäre stellt Kaiser-Mühlecker mit Subtilität her, in Andeutungen, Gesten, kleinen, scheinbar unwichtigen Handlungen. Ein Mann erhängt sich, und im Dorf wird darüber geredet, dass Jakob in die Sache verstrickt sein könnte. Eine ehemalige Geliebte Alexanders fungiert als Anführerin einer obskuren religiösen Sekte, die, auch das wird gemunkelt, in die Ermordung einer Frau verwickelt sein könnte. All das sind Handlungsfäden, die Kaiser-Mühlecker auswirft und weiterspinnt. Der Realismus seines Erzählens besteht darin, dass sie sich nicht alle glatt verknüpfen und rekonstruieren lassen. Manches geht nicht auf, manches bleibt in der Luft hängen, als Zustandsbeschreibung. Das sind keine Konstruktionsfehler, sondern die Abbildung eines verwirrenden Daseinszustandes.

Und eben weil das so ist, weil unter der scheinbar so ungerührten Erzählerstimme eine so aufgewühlte, unkontrollierbare Menschenlandschaft liegt, ist auch Fremde Seele, dunkler Wald ein zutiefst beunruhigendes Buch. Alexander hat bereits nach einem Ausweg gesucht, in der Religion, und ist gescheitert. Jakob begibt sich in stummem Fatalismus in einen neuen Familienzusammenhang. Sie suchen nach Erlösung, ohne dieses Ziel für sich selbst formuliert zu haben.

Kaiser-Mühleckers Figuren sind Menschen, die den Fortschritt (der im landwirtschaftlich geprägten Raum eher eine Gefahr darstellt) mit Staunen und Erstaunen betrachten, aber noch kein Vokabular dafür gefunden haben, wie und wo sie sich selbst in der neuen Zeit einordnen könnten. Der Stil, den Kaiser-Mühlecker perfektioniert hat und der in einer tief österreichischen Tradition steht, ist gewiss ein Anachronismus, aber er ist nicht manieriert altmodisch oder gekünstelt archaisch – er ist vielmehr das zwangsläufige Produkt einer Zeitverschiebung, einer Zeitlücke, in die all diese Menschen gefallen sind: Der äußere Wandel vollzieht sich mit größerer Geschwindigkeit als die innere Bereitschaft dafür. In exakt diesen Momenten hält Kaiser-Mühlecker sein Personal fest. Wie er aus der hilflosen Stummheit, die seine Protagonisten anfällt, Literatur macht, ist virtuos.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: "Fremde Seele, dunkler Wald". Roman; S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016, 302 S., 20,- €