Feine Knicke durchziehen die Umschläge. An ihren Rändern sind die Bücher, die Markus Brüggenolte aus einem Regal in seiner Praxis holt, bräunlich verfärbt. Sie sind durch viele Hände gegangen, der Therapeut verleiht die Bücher an seine Patienten. Zu dem Berliner Heilpraktiker kommen vor allem Menschen mit psychischen Problemen. Manchmal, wenn er glaubt, dass es einem Patienten helfen könnte, selbst etwas für die Verbesserung seines Zustands zu tun, empfiehlt Brüggenolte eines seiner Bücher. Zum Beispiel das Buch einer Hirnforscherin, die einen Schlaganfall hatte und dadurch neue Dimensionen ihres Bewusstseins entdeckt haben will. Auch die Märchensammlung für Frauen mit Essstörungen soll bereits einigen Patientinnen geholfen haben.

Was man für einfache Lektüretipps halten könnte, ist eine Methode, für die es einen Namen gibt: Bibliotherapie. Auf seiner Website hat Brüggenolte, der ein paar Semester Literaturwissenschaft studiert hat, eine Liste mit mehr als 100 Titeln veröffentlicht. Die Bücher sind in Kategorien wie "Depression", "Trauer" oder "Trauma" eingeteilt. Die Liste enthält sowohl Sachliteratur als auch Romane. Einen Unterschied macht der Therapeut da nicht.

Seit dem Ende der neunziger Jahre arbeitet Brüggenolte bibliotherapeutisch. Die Methode ist allerdings viel älter. Bereits im 18. Jahrhundert verordneten Ärzte ihren Patienten Bücher. Literatur und Medizin galten schon vor Jahrhunderten als verwandte Disziplinen. Die Annahme, dass Worte eine heilende Wirkung haben können, schlägt sich in dem alten Glauben an Magie, Hexen und Zaubersprüche nieder. Schon in der antiken Mythologie war Apoll sowohl der Gott der Dichtkunst als auch der Heilkunst. Aristoteles beschrieb in seiner Poetik die reinigende Wirkung von Dichtung. Dafür verwendete er einen Begriff aus der Medizin: Katharsis. Die Bibliotherapie kann man als reading cure nicht zuletzt auch als Verwandte von Sigmund Freuds talking cure sehen. Ähnlich wie das Sprechen über Träume in der Psychoanalyse, soll das Lesen und Reden über Bücher dazu führen, dass die Patienten über sich sprechen.

Boris Vian für Krebspatienten

Etwa 160 Therapeuten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sind heute in der Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie Mitglied, die vor mehr als 30 Jahren gegründet wurde. Die "Poesie" im Namen steht nicht für die Arbeit mit Gedichten. Dieser Begriff bezeichnet die Therapiemethode, bei der die Patienten selbst schreiben sollen. Dabei kann ein vorhandener Text als Impuls dienen. Die meisten Therapeuten arbeiten sowohl mit der rezeptiven als auch mit der produktiven Methode. Die deutschen Krankenkassen übernehmen die Kosten für eine Bibliotherapie allerdings nicht, ihre Wirksamkeit ist bisher nicht ausreichend durch wissenschaftliche Studien bewiesen.

Nicht nur für psychische, sondern auch für körperliche Leiden wie Schmerzen oder Krebs hat Markus Brüggenolte Lektüreempfehlungen. "Kürzlich habe ich einem Lungenkranken die Kameliendame von Alexandre Dumas empfohlen und Thomas Manns Zauberberg", sagt er. Das Problem oder die Krankheit des Patienten muss in den Büchern jedoch nicht direkt genannt werden. Der Schaum der Tage von Boris Vian steht zum Beispiel in der Kategorie "Krebs". "Die Protagonistin erlebt darin, wie in ihr eine Blume wächst", sagt Brüggenolte. Er empfiehlt dieses Buch Patienten, die mit dem Thema Krebs zu tun haben, obwohl es darin nicht direkt darum geht. Brüggenolte ist bewusst, dass er die Lektüren schon allein durch seine Kategorisierung beeinflusst. Wenn ein Patient seiner Interpretation nicht folgt, nimmt er ihm das nicht übel.

Documenta - Lesen ist Luxus Auch im 21. Jahrhundert werden in vielen Ländern Bücher zensiert. In diesem Video zeigen wir, was wo verboten ist. © Foto: Ben Stansall / Getty Images

Baumelnder Flip-Flop

In einem sehr blauen Hemd sitzt Brüggenolte auf dem gelben Sessel in seiner Praxis mit den lilafarbenen Wänden. Er hat die Beine übereinandergeschlagen, an seinem Fuß baumelt ein Flip-Flop. Brüggenolte wirkt wie jemand, der sich begeistern kann, für Bücher, aber auch für die Menschen, die den Weg in seine Praxis finden. Es sind Menschen, die an die Wirkung der Arzneimittel glauben, die Brüggenolte in kleinen braunen Fläschchen in einem Schrank aufbewahrt, dessen Tür mit einer Milchglasfolie überzogen ist. Und manche glauben auch an die Wirkung der Bücher, die Brüggenolte ihnen vorschlägt. Die Arbeit mit Literatur ist in der Praxis des Heilpraktikers jedoch nur einer von vielen Aspekten der Behandlung.

Es gibt auch Fälle, in denen ein Buch nicht hilft: "Ich habe einem Mann, der gefoltert wurde, Die Narben der Gewalt von Judith Herman gegeben", sagt Brüggenolte. "Der Patient konnte es nicht lesen." Brüggenolte riet daraufhin zu einem Buch, in dem die Situation von Folteropfern beschrieben wurde, mit denen sich der Patient weniger stark identifizieren konnte. "Das Ähnliche ist manchmal besser als das Gleiche", sagt Brüggenolte.