Sie sind noch nicht weit gekommen, haben gerade einmal den Brenner passiert, Leonie Palm sitzt am Steuer, da greift Reither nach dem Buch, das sie mit auf die Reise genommen hat, und will daraus vorlesen. Leonie Palm tritt auf die Bremse, fährt auf den Standstreifen und wird scharf im Ton: Was er glaube, warum sie hier gemeinsam in diesem Auto säßen? Wegen eines Buchs? "Wir sitzen hier", sagt sie, "wegen Menschen, die es in unserem Leben nicht mehr gibt oder noch nie gab", und Reither weiß nicht, was er dem entgegnen soll, also fahren sie weiter.

In der Theologie bezeichnet der Begriff des Widerfahrnis ein Ereignis, das einem Menschen ohne erklärbare Kausalität zustößt und das sein Leben von diesem Zeitpunkt an entscheidend verändert oder prägt. Ein Blitzschlag, eine Krankheit, eine Begegnung. In Bodo Kirchhoffs Novelle, einem schmalen Buch nach zwei umfangreichen Romanen, das aber alles andere als ein Nebenwerk ist, ereignen sich gleich eine Reihe solcher einschneidender Vorkommnisse. Da ist Reither, ein Mann in den späten Sechzigern. Seinen Kleinverlag mit angeschlossener Buchhandlung in Frankfurt am Main hat er verkauft, um sich in einer Wohnanlage an einem Tiroler See zur Ruhe zu setzen. Eines Tages glaubt er, leise Schritte vor seiner Wohnungstür zu hören; irgendwann öffnet er die Tür, und davor steht Leonie Palm, eine Nachbarin. Sie hatte bis vor Kurzem, wie sich herausstellt, einen Hutladen, den sie schließen musste, weil es keine Hutgesichter mehr gibt.

Zwei alleinstehende ältere Menschen mit aussterbenden Berufen, die bald niemand mehr braucht. Palm leitet den Lesekreis in der Wohnanlage. Reither fürchtet zu Recht, dass sie selbst auch schreibt und eines jener berüchtigten unverlangt eingesandten Manuskripte in der Tasche hat. Stimmt auch. Und doch ist mit diesem Buch alles ganz anders. Man merkt schon in der Anfangsszene, in der Reither und Palm sich sprachlich umtänzeln, dass Bodo Kirchhoff ein ungemein versierter Autor ist, der im Grunde alles kann: Wunderbare Dialoge schreiben. Szenen aufbauen, entwickeln und, das ist wichtig, mit traumhafter Sicherheit im richtigen Moment abbrechen. Zudem verfügt er über eine Sprache von seltener und traditioneller Eleganz, die im Erzählen selbst, schließlich ist Reither Verleger und Lektor, permanent auf ihre Bedeutung und Berechtigung abgeklopft wird.

Das passende Auto

Da sind also zwei Menschen, die, das wird sich herausstellen, nichts mehr zu verlieren und nur noch etwas zu gewinnen haben. Genau die richtige Konstellation, um noch einmal etwas zu wagen. Einen kleinen nächtlichen Ausflug zum Achensee, warum nicht, in Leonie Palms 3er-BMW-Cabrio (das Auto passt so exakt in diese Geschichte wie jedes andere kleine Detail auch), um den Sonnenaufgang zu betrachten. Die beiden steigen ein und fahren los. Eine Reise, die erst in Sizilien enden wird. Nach und nach und nach erzählen sie sich die großen und kleinen Katastrophen ihres Lebens und kommen sich dabei auf vielfache Weise näher. In der Erinnerung an erlittenen Schmerz, in der Aufzählung der persönlichen Verluste, entsteht wie von selbst ein intimer Raum, der von Bodo Kirchhoff dankenswerterweise nicht zugequatscht, sondern als das belassen wird, was er ist: ein zartes Gebilde aus unausgesprochenem Einverständnis.

Widerfahrnis, das ist unter anderem eine dezent und rührend erzählte Altersliebesgeschichte, die zu Beginn melancholisch daherkommt, sich dann aber zu einem temporeichen Roadmovie voller ironischer Wendungen entwickelt. Die Palm, wie sie nur genannt wird, macht dem eher lethargischen Reither ganz schön Dampf. Keine Spur von machohaften Protzereien, die Bodo Kirchhoff so oft und bereits seit sehr langer Zeit zu Unrecht vorgeworfen werden. In diese Annäherung, in das Spiel der Worte, Gesten und in den Konsum unglaublich vieler Zigaretten bricht unvermittelt die Gegenwart, die Realität ein. Und um auch diesen Vorwurf gleich zu entkräften: Widerfahrnis ist kein Kommentar zur Flüchtlingskrise.

Helfen als Egoismus

In Catania begegnen Reither und Palm einem Flüchtlingsmädchen. Rotes Kleid, vielleicht zwölf Jahre alt. Eine Kette will das Mädchen ihnen verkaufen. Und in den beiden erwacht das Helfersyndrom. Von nun an geht es nicht mehr nur um Reither und Palm, sondern auch darum, wie zwei gealterte und wohlmeinende Kulturmenschen in all ihrer Hilflosigkeit gegenüber einem fremden Schicksal geradezu zwanghaft und beispielhaft Gutes tun wollen an einem Mädchen, das darauf offenbar überhaupt keine Lust hat. Die vermeintliche Nächstenliebe kann, von außen betrachtet, ebenso gut als purer Egoismus gelesen werden: Da sind zwei, die die Chance wittern, die Lücken in ihrem Leben doch noch zu schließen.

Und dann gibt es da noch eine Metaebene in diesem an Motiven, Themen und Stimmungen unglaublich reichen Buch. "Diese Geschichte", so hebt Widerfahrnis an, "die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen?" Der Konjunktiv. Vielleicht ist all das auch gar nicht geschehen. Vielleicht ist es nur das, was der einsame Reither sich in seiner leeren Alterswohnung als Geschichte ausdenkt, aufschreibt als ein neues Leben, das er, weil er nicht anders kann, währenddessen auch gleich noch lektoriert. Das ist vielleicht der tragischste und zugleich tröstliche Gedanke: Dass diese ambivalent schöne Geschichte mit todtraurigem Ausgang sich nur in Reithers Kopf abgespielt hat. Weil sie eben durch und durch Literatur ist. Große.

Bodo Kirchhoff: "Widerfahrnis". Novelle. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt/Main 2016, 224 S., 21 €