Byung-Chul Han schreibt Bücher, wie der Deutsche sie mag. Jedes der gefühlten 500 Bändchen, die der in Seoul geborene und an der Universität der Künste in Berlin lehrende Kulturphilosoph geschrieben hat, liest sich bei aller Tiefgründelei weg wie Heidegger für Manager. Sein neues Buch Die Austreibung des Anderen ist gerade erschienen.

Han schreibt über alles, was der Feuilleton-Leser für wichtig hält: Buddhismus und Globalisierung, Aufmerksamkeit und Pornografie, Burn-out und Entschleunigung, Schwarmintelligenz und Flüchtlingskrise. Gäbe es Byung-Chul Han nicht wirklich, Botho Strauß hätte ihn erfinden müssen, den fernöstlichen Zivilisationskritiker mit Standbein im germanischen Kernland: Studium der Metallurgie in Seoul, dann Studium der Philosophie, deutschen Literatur und katholischen Theologie in Freiburg im Breisgau; Start-up-Mutation vom bergwerkskundigen Existenzschürfer zum transdisziplinären Medienphilosophen; ostentativ zurückgezogen lebend, aber haltlos publizierend; meinungsfreudig wie Sloterdijk und von distanzierter Coolness wie ein asiatischer Mystery-Regisseur.

Seine bevorzugte Stilform ist die komatöse Parataxe: Behauptung folgt auf Behauptung, ohne dass sich irgendetwas daraus ergibt. Mittels Zufallsgenerator ließen sich seine Bücher vollständig auseinandernehmen, rekombinieren und neu veröffentlichen, ohne dass es auffiele. Bei ihm steht jeder Satz, in vollendeter Parodie von Adornos Diktum über die Form des philosophischen Essays, gleich nah zum Mittelpunkt, in dem Han die Achse der leerdrehenden Rede montiert hat. Talentierte Phraseologen könnten sie zum Modell für 500 weitere kulturkritische Traktate im Pocketbook-Format nehmen. Wer es versuchen möchte, braucht nur sieben Maximen zu beherzigen.

1.Melancholie als Habitus: Für das essayistische Schreiben des frühen 20. Jahrhunderts, bei Walter Benjamin, Siegfried Kracauer, Robert Walser, Joseph Roth, war Melancholie, als Reflexion der Verstelltheit richtigen Lebens, Triebkraft eines unreglementierten Blicks auf die Wirklichkeit. Bei Byung-Chul Han ersetzt sie, zum Habitus erstarrt, deren Erfahrung und wird zur Klage darüber, dass alles irgendwie den Bach runtergeht: "Die Zeit, in der es den Anderen gab, ist vorbei. Der Andere als Geheimnis, der Andere als Verführung, der Andere als Eros, der Andere als Begehren, der Andere als Hölle, der Andere als Schmerz verschwindet."

Er verschwindet allerdings nicht in der Wirklichkeit, sondern in der Rede, die seine Substantialität in leerer Reihung untergehen lässt. Die Monotonie der Rede, in der sich die Unfähigkeit zur Erfahrung ausdrückt, wird auf die Wirklichkeit, in der "der Terror des Gleichen" herrsche, zurückprojiziert: "Die Wucherung des Gleichen macht die pathologischen Veränderungen aus, die den Sozialkörper befallen."

Dem Gesellschaftskrebs, der ihm in Computerspielen und Internetpornos der westlichen Welt entgegenwuchert, begegnet der Kulturkritiker, weil er von Heidegger die Friedensliebe gelernt hat, nicht ätzend, sondern homöopathisch: durch Verbreitung von Gastfreundschaft ("Gastfreundschaft verspricht Versöhnung"), durch "Arbeit am Konflikt" ("Konflikte sind nicht destruktiv. Sie haben eine konstruktive Seite") und durch Sensibilisierung für das "Gegenüber" ("Die totale Abwesenheit des Gegen ist kein idealer Zustand, denn ohne Gegen fällt man hart auf sich selbst"). Durch eine Arbeit am Selbst mithin, die den Melancholiker zum seinsdurchfluteten Zeremonienmeister läutert.

2. Mut zur ersten Person: Das Ich und das Wir, in der essayistischen Form vormals selten und mit Vorsicht verwendet, muss inflationieren, wo die Sprache autosuggestiv eine in Gastfreundschaft und Schönheit versöhnte Gemeinschaft herbeiredet. "Ich" wird dann immer gesagt, wenn dem Leser etwas angedreht werden soll: "Ich muss zunächst den Anderen willkommen heißen, das heißt den Anderen in seiner Andersheit bejahen. Dann schenke ich ihm Gehör."

"Wir" dagegen wird verwendet, um die irre Vorstellung, die das Selbst sich von der Wirklichkeit macht, zur Eigenschaft der Wirklichkeit selbst umzulügen: "Wir richten uns heute in einer Wohlfühlzone ein, aus der die Negativität des Fremden eliminiert ist. (...) Wir hören heute viel, aber wir verlernen immer mehr die Fähigkeit, Anderen zuzuhören." Wer solche Sätze mit einem "Du vielleicht, aber ich nicht" beantwortete, würde das "ich" zwar korrekt verwenden, gegen die Rede der ersten Person aber nichts ausrichten. Deren einziges Movens ist die zum existenziellen Schicksal aufgespreizte Behauptung.

3. Nur das Heute zählt: "Heute" ist eines der meistbenutzten Worte in Byung-Chul Hans Büchern. Es ersetzt jede Zeitdiagnose, verhindert aber auch jede Erkenntnis dessen, was früher tatsächlich besser oder schlechter war. Es schmiert selbst dann den Mechanismus des kulturkritischen Räsonnements, wenn die Feststellung, die es einleitet, genauso gut auf andere Epochen übertragen werden könnte: "Heute ist viel von der Authentizität die Rede. (…) Heute will jeder anders sein als Andere. (…) Heute werden die libidinösen Energien vor allem ins Ich investiert. (…) Charakteristisch für die heutige Gesellschaft ist die Beseitigung jeder Negativität. (…) Heute sind viele von diffusen Ängsten geplagt. (…) Heute geben wir uns einer grenzenlosen Kommunikation hin. (…) Wir leben heute in einem postmarxistischen Zeitalter." 

Das "Heute" solcher Apodiktik zielt nicht polemisch auf die Gegenwart, sondern darauf, der Plattitüde durch die Behauptung, sie zeuge von Zeitgenossenschaft, kulturkritische Relevanz zu erschleichen. Das repetierte "Heute" unterbindet die Frage, ob es sich heute wirklich so verhält, und verhindert das Urteil darüber, inwiefern sich das Heute vom Gestern unterscheidet.

Das muss wohl der Terror des Gleichen sein

4. Binsenweisheit als Erkenntnis: Zu dieser Rhetorik passt die Verkündung von Banalitäten als Einsichten in den Lauf der Zeit. Sätze, die in einem Monty-Python-Film für Gelächter sorgen würden, weiten sich, verkündet von Byung-Chul Han, zur existenzialontologischen Fundamentalkritik: "Die Erkenntnis im emphatischen Sinne ist verwandelnd. (…) Das Gefühl der Leere ist ein Grundsymptom der Depression (…). Der Geist gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. (…) Schwellen können erschrecken oder beängstigen. Aber sie können auch beglücken und bezaubern. (…) In der Hölle des Gleichen ist die poetische Einbildungskraft tot."

Möglichst viele solcher Sätze parataktisch aneinandergereiht, mit allerlei "Heute" zusammengeleimt und mit ein paar Wirs und Ichs geschmiert, ergäben schon fast einen neuen Traktat.

5. Kein Sartre ohne Hitchcock: Das Prinzip, sich nie nur auf kanonische, sondern ebenso auf massenmediale und sonst wie unseriöse Kulturerzeugnisse zu berufen, um das eigene Geraune dem Lebensalltag zugänglich zu machen, hat nicht Byung-Chul Han erfunden. Jean Baudrillard, Slavoj Žižek und viele andere haben es vor ihm so gehalten. Es heißt bei Byung-Chul Han: "Charlie Kaufmanns Puppentrickspielfilm Anomalisa bildet schonungslos die heutige Hölle des Gleichen ab."

Doch weil er nicht an der Oberfläche der Gegenwart kleben will, hat der Kulturkritiker auch Klassiker im DVD-Regal: "In seinem Film Rear Window inszeniert Hitchcock den Triumph des Blicks über das Auge." Was auf dem Umweg über den Existentialismus ("Der Andere kündigt sich auch für Sartre als Blick an") zielsicher zu George Orwell führt: "Der Big Brother ist als Blick allgegenwärtig auf den Teleschirmen." Was immer man liest oder glotzt, irgendwie hat alles mit dem Blick des Anderen zu tun: Das muss wohl der Terror des Gleichen sein. Womit durch Tautologie bewiesen wäre, was durch Entfaltung des Gedankens hätte gezeigt werden müssen.

6. Etymologie schlägt Wahrheit: Auch dieses Verfahren hat Han nicht erfunden, sondern bei Heidegger und den Poststrukturalisten entlehnt. Es gibt als begriffliche Erkenntnis aus, was als dadaistische Poesie durchaus Charme hätte: "Das Reflexivpronomen sich (soi) bedeutet, dass das Ich angekettet ist an einen lastenden, schweren Doppelgänger (…). Diese existenzielle Verfasstheit äußert sich als 'Müdigkeit' (fatigue). (…) Die Depression lässt sich als eine pathogene Entwicklung dieser modernen Ontologie des Selbst begreifen. Sie ist, wie es Alain Ehrenberg ausdrückt, die Fatigue d'être soi."

In dieses Register sprachphilosophischen Geraunes gehören auch der Gebrauch von Kursivierungen und Bindestrichen, der aus den Wörtern einen Saft pressen will, den sie von sich aus nicht hergeben ("Das totale Ver-Gleichen führt letzten Endes zu einer Sinnentleerung. (…) Selbst-Sein ist Mit-sich-selbst-beladen-Sein"), sowie die Vermanschung von Sprachgeschichte und Ontologie zwecks Erpressung verordneter Bedeutung: "Das Wort 'Objekt' stammt vom lateinischen Verb obicere, das entgegenwerfen, vorhalten oder vorwerfen bedeutet. Das Objekt ist primär also ein Gegen, das sich gegen mich wendet, das sich mir entgegenwirft". Womit automatisch auch die Regel 2 (Mut zur ersten Person) in Kraft tritt.

7. Erziehung zur Hörigkeit: Wer schreibt wie Byung-Chul Han, der schickt keine Flaschenpost in der Hoffnung ab, dass eine freiere Menschheit deren Botschaft empfängt, sondern wendet sich eine Gemeinschaft der Zuhörer, die als Gemeinschaft gar nicht anders als unfrei sein kann – hörig demjenigen, dem sie lauscht: "Zuhören ist ein Schenken, ein Geben, eine Gabe. Es verhilft dem Anderen erst zum Sprechen. (…) In gewisser Weise geht das Zuhören dem Sprechen voraus."

 Damit jemand überhaupt sprechen kann, muss es willig Lauschende geben, die sich allem, was sie empfangen, bedingungslos hinzugeben bereit sind. 

Eine solche "Ethik des Zuhörens" findet Byung-Chul Han in Michael Endes notorischem Kinderbuchklassiker Momo formuliert, in dem die Heldin ihre "besondere Zeit", ihre "Zeit des Anderen", den bösen grauen Männern, die zwar nicht Juden genannt werden, aber als solche figurieren, durch die "Fähigkeit des Zuhörens" abtrotzt: konkrete gegen abstrakte Zeit, authentischer Einstand mit dem Hier und Jetzt gegen die Leere von Zirkulation und Warentausch. Dem entfremdeten Draußen steht die Bande derer entgegen, die wissen, was richtig und falsch ist: "Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen." Wer Byung-Chul Han liest und nachspricht, kann sich mit ihm sagen: "Im Gegensatz zur Zeit des Selbst, die uns isoliert und vereinzelt, stiftet die Zeit des Anderen eine Gemeinschaft. Sie ist daher eine gute Zeit."


Einen besseren Grund kann es nicht geben, um Bücher zu lesen, bei denen es nichts zu verstehen gibt.

Byung-Chul Han: Die Austreibung des Anderen. Gesellschaft, Wahrnehmung und Kommunikation heute, Fischer: Frankfurt am Main 2016, 110 Seiten, 20 Euro.