Zu den Besonderheiten von Christian Krachts neuem Roman Die Toten gehört unter anderem diese hier: Die Erzählung folgt der dramaturgischen Struktur des japanischen No-Theaters. Was das bedeutet, erklären die Figuren selbst: "Das Essentielle am No-Theater sei das Konzept des jo-ha-kiū, welches besagt, das Tempo der Ereignisse solle im ersten Akt, dem jo, langsam und verheißungsvoll beginnen, sich dann im nächsten Akt, dem ha, beschleunigen, um am Ende, dem kiū, kurzerhand und möglichst zügig zum Höhepunkt zu kommen." Und diese Regeln hält der Roman auch mustergültig ein.

Im ersten Teil werden die beiden Protagonisten, der Schweizer Regisseur Emil Nägeli und der japanische Ministerialbeamte Masahiko Amakasu ausgiebig anhand von Kindheitserlebnissen und Mikro-Traumata in Position gebracht. Im zweiten Teil werden sie mitten in die politischen Tumulte ihrer Zeit geworfen, den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Und im dritten Teil werden sie schließlich so zügig wieder abgeräumt, als würde jemand mit der offenen Hand über ein Schachbrett wischen. 

Christian Kracht bewegt sich in den selbst gesetzten Grenzen des No-Theaters in großmeisterlicher Manier und auch die typische, leicht alberne Amüsiertheit ob seines bizarren Vorhabens ist hier wieder zu beobachten. Andererseits: So bizarr ist es vielleicht gar nicht. Schließlich sind Regelpoetiken auch heute gar nicht so selten, wie man vielleicht annehmen könnte.

Gleichförmige Muster

Nahezu jeder Drehbuchautor der westlichen Hemisphäre hangelt sich an den Anleitungen des amerikanischen Autors Robert McKee entlang, dessen Prinzipien des Drehbuchschreibens für den kommerziellen Film heute ungefähr das sind, was Lessings Hamburgische Dramaturgie für das bürgerliche Trauerspiel war. Auch die meisten Romane aus der Serienproduktion der großen Publikumsverlage folgen einem relativ gleichförmigen dramaturgischen Muster, das sich in letzter Instanz an der Poetik von Aristoteles orientiert. Man spricht nur nicht mehr darüber.

Narrative Konventionen hat Kracht zwar auch in seinen früheren Romanen sichtbar gemacht, allerdings bislang eher im Modus der Aneignung: Sein erster Roman Faserland war im Grunde ein Bret-Easton-Ellis-Roman, der in der BRD spielte, 1979 eine angespitzte Version von James Hiltons Lost Horizon, sein dritter Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ein Medley aus Motiven von Philip K. Dick und Joseph Conrad, und sein international bislang erfolgreichstes Buch, Imperium, lieh sich den Stil von Thomas Mann und das deutsche Kolonialismus-Setting von Otto Ehlers’ Reisebericht Samoa. Christian Kracht war nie ein Popliterat oder gar ein rechter Autor, sondern stets in erster Linie ein appropriation artist.

Kultureller Kippmoment

In diesem Sinne ist Die Toten sein bislang unabhängigster Roman. Er variiert kein Vorbild mehr, sondern steht auf eigenen Füßen. Er steckt sein Feld selbst ab. Das ist eine unbedingt gute Nachricht. Der Roman spielt in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts an jenem kulturellen Kippmoment, als der Tonfilm gerade im Begriff ist, den Stummfilm abzulösen.

An dieser Klippe balancieren die Protagonisten entlang: Nägeli, der sich von der deutschen Ufa ein Budget für seinen nächsten Film erschleichen will. Masahiko Amakasu, der den Deutschen vorschlägt, einen Regisseur nach Japan zu schicken, um den japanischen Film auf Vordermann zu bringen. Schließlich sei das faschistische Deutschland "der einzige Kulturboden, den man achten könne wie den eigenen".