Es gibt kaum etwas Ungerechteres als Listen. Das gilt umso mehr für jene des Deutschen Buchpreises, was vor allem daran liegt, dass es sich bei der Long- und der nun bekannt gegebenen Shortlist nicht nur um bloße Nominierungen für einen Preis handelt, sondern um Orientierungsmarken: Feuilleton und Buchhandel nehmen sie dankbar an, um sich an ihnen entlang durch die unübersichtliche Masse an Neuerscheinungen zu hangeln. Doppelt ärgerlich mithin für alle, die nicht auf dieser Liste auftauchen.

Das Problem ist altbekannt, allerdings nicht nur ein strukturelles, sondern auch ein unlösbares. Irgendwer fehlt immer. Oder wollte man ernstlich glauben, dass in einem Bücherjahr nur 20 beziehungsweise sechs Titel erscheinen, die einer Nominierung würdig wären? Insofern dient das in den vergangenen Jahren entstandene Feuilleton-Subgenre der Listenkritik vor allem der parasitären Aufmerksamkeitsgenese. Wer gegen die Liste des Buchpreises wettert, wird mit Sicherheit wahrgenommen. Dass die Autorinnen und Autoren, jene auf und jene außerhalb der Listen, dabei zu Mitteln zum Zweck verkommen, wird notgedrungen ausgeblendet.

Insofern folgt an dieser Stelle der Versuch, nur auf jene Titel zu schauen, die in diesem Jahr von der Jury auf die Shortlist gehoben wurden und nicht darauf zu verweisen, wer denn alles fehlt oder anstelle dessen eigentlich und so fort. Und das ist wahrlich eine Herausforderung. Dass Eva Schmidt als einzige Frau neben fünf Männern steht, wird vermutlich von vielen beklagt werden. Ist ja auch wahrlich keine gute Quote.

Gegen den Modedruck

Großartig allerdings ist, dass Eva Schmidt es mit ihren stillen Prosaminiaturen Ein langes Jahr geschafft hat, sich inmitten sehr viel lauterer und auftrumpfenderer Bücher Gehör zu verschaffen. Und das, nachdem die 1952 geborene Österreicherin seit zwei Jahrzehnten keinen Roman mehr veröffentlicht hat. Für all die fidelen Buchpreis-Statistiker ein besonderes Schmankerl: Wiederum handelt es sich um einen Titel des kleinen österreichischen Verlags Jung & Jung, der während der zwölf Jahre, in denen der Buchpreis existiert, auf eine frappante Nominierungsdichte zurückblicken kann.

Ebenfalls ein stiller Roman, über dessen Nominierung man sich freuen kann, ist Fremde Seele, dunkler Wald des jungen österreichischen Schriftstellers Reinhard Kaiser-Mühlecker. Wie schon in seinen vorherigen Romanen Magdalenaberg, Roter Flieder oder Schwarzer Flieder reanimiert der 1982 Geborene auf eine vollends unkorrumpierbare und gegen jeglichen Modedruck gefeite Form des Dorf- und Familienromans. Tastend und zaudernd, mitunter beinahe bis zur Unerträglichkeit verlangsamt ist die Sprache von Kaiser-Mühlecker, wie eine schwere Last liegt das Sprechen-wollen-und-doch-nicht-können auf den Figuren, drückt sie nieder in ihrer abgeschlossenen Provinz-Existenz, aus der es kein Entkommen gibt. Dass Kaiser-Mühlecker sich diesen Menschen in ihrem hilflosen Verstummen zuwendet, ihnen eine fragile Stimme verleiht, macht ihn zu einem ganz besonderen Schriftsteller, gerade unter den jüngeren.

Nicht zu sperrig

Was gibt es sonst? Vor allem: die Träume alter und nicht ganz so alter Herren. Und das liegt nicht nur an der Verteilung des Geschlechterverhältnisses auf der diesjährigen Shortlist. André Kubiczek hat in Skizze eines Sommers die Ostvariante des in jüngster Zeit aufgeploppten freundlich-harmlosen, aber immens florierenden Weißt-du-noch-damals-als-wir-jung-waren-Trends geschrieben. Bemerkenswert und sicher nicht allzu schwer zu entschlüsseln, warum diese durchaus amüsante Nostalgieliteratur gerade in unserer Zeit ein so breites Publikum begeistert. Tschick und Auerhaus sind die Vorreiter jener Romane, in denen sich die verkappte Konsenssehnsucht dieser Tage festmachte. Irgendwie verständlich, wenn schon in der Gegenwart alles so wenig wohlig aussieht – dann lieber ein bisschen Lagerfeuerromantik.

Das mag der Buchpreisjury kaum anders gegangen zu sein. Ohnehin scheint man sich darauf geeinigt zu haben, auf allzu ästhetisch Sperriges oder intellektuell Herausforderndes zu verzichten. Vielleicht saß der Witzel-Schock vom vergangenen Jahr noch zu tief? (Fantastischer, inkommensurabler, komplexer Roman, übrigens.)