Wenige Hundert Meter und das Ende der westlichen Welt war erreicht: Diesen beklemmenden Eindruck vermittelte die Kreuzberger Eisenbahnstraße zu Zeiten der Berliner Mauer. Unweigerlich heftete sich der Blick auf den hässlichen runden Wulst, mit dem die materialisierte Staatsgrenze der DDR an ihrem oberen Ende abschloss. Wie eine Filmkulisse oder ein Bühnenbild nimmt auch Georg Autenrieth, der klassisch gebildete Ich-Erzähler aus Gerhard Falkners Roman Apollokalypse, die Teilstadt wahr – als einen Ort der Ekstase und des Identitätswechsels bis hin zur Ich-Auflösung. Von dort zieht er sich immer wieder ins ordentliche heimische Franken oder nach München zurück.

Autenrieth teilt die Wohnorte Berlin und Franken sowie seinen Jahrgang 1951 mit dem Autor. Der Nachname Autenrieth wiederum verbindet ihn mit dem Arzt von Friedrich Hölderlin, wie es ohnehin in Apollokalypse vor Anspielungen nur so wimmelt: angefangen mit dem Titel, der Apollo, den Gott der Dichtkunst, gemeinsam mit der verführerischen Nymphe Kalypso zum Straucheln bringt, über Ovids Metamorphosen, Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, E. T. A. Hoffmann, Chamisso,  Freud oder Kleists Todesgefährtin Henriette Vogel. Deren halbnackte Namensvetterin, allerdings in bayerischer Schreibweise "Vogl", erwartet Georg Autenrieth in einem Kreuzberger Abrisshaus zum Stelldichein und taucht dann in RAF-Zusammenhängen ab.

Gemeinsam mit seinen Nürnberger Jugendfreunden Dirk Pruy, einem Großbürgersohn, und dem psychisch labilen Künstler Heinrich Büttner, dem er die Aura des jungen Rimbaud attestiert, sucht Autenrieth in West-Berlin nichts weniger als die "zweitfeste Wirklichkeit". Der schillernd unbestimmte Ich-Erzähler wird geradezu süchtig nach SO 36: "Wir wussten, dass Berlin alle brauchen konnte, die unfertig waren – und wir waren unfertig. Berlin bot außerplanmäßiges Existieren. 'Avanti! Die Hosen runter, smarte Geister / an Spree und Jordan großer Samenfang!' Berlin war immer noch geschlossene Anstalt, mit ein paar Normalen, die man dort eingemauert hatte, und den vielen Verrückten, die unbedingt dazustoßen wollten."

Hinter jeder Kachel heult ein Toter

Handelt es sich bei Literatur um eine bloße Nebenwirkung von Sexualität? "Ist wohl so", meint Gerhard Falkner mit einem freundlichen Achselzucken. In seinem großen Berlin-Roman wird diese Frage erst gegen Ende diskutiert, und doch grundiert der "West-Berliner Priapismus jener Jahre, also die permanente Versteifung des stadtdurchpulsten Penis als seelische Fehlhaltung" fortlaufend den Text. Inspiriert durch Günter Grass' Blechtrommel hatte sich der 18-jährige Georg Autenrieth an einer Novelle mit dem Titel Die zersungenen Schwänze versucht. Im eingeschlossenen West-Berlin findet er das geeignete Erprobungsfeld für dieses theoretische Phänomen, aber auch auf einem wilden Kalifornien-Trip mit der "Passauer Wucht" Isabel. Währenddessen wird Isabels Freund Heinrich Büttner in der Psychiatrie behandelt.

Überhaupt die Frauen: Zuweilen haben ihre Beine die "tadellose Farbe frisch halbierter Tafelbirnen", dann heißt es, "ihre kurzen, rübenförmigen Beine steckten in Springerstiefeln". Ob der Erzähler eine sexuell frustrierte Nürnberger Handarbeitslehrerin taxiert oder in der frühmorgendlichen S-Bahn eine Kreuzberger "Nachtpflanze mit Laufmaschen und walnußgroßen Löchern über den schrecklichen Plateauschuhen": Gerhard Falkners Beschreibungen entbehren nicht der Klischees, sind aber von einer fast schon schmerzhaften Schönheit und Genauigkeit. Sie wirken wie kurze, jähe Aufblendungen auf ein West-Berlin, das so unmittelbar höchstens in den frühen Romanen Bodo Morshäusers präsent ist.

Selbst ein derart trivialer Ort wie der Steglitzer Kreisel erlangt bei Falkner so etwas wie Transzendenz: "Nachts ist er bloß ein ungeschlachtes Gebäudesyndrom, tangiert von den mächtigen Betonplanken der Stadtautobahn, die vom Kreuz Schöneberg herabsaust wie eine Asphaltpranke und hier endet. Man steigt hinab in die U-Bahn mit ihren delirisch gestalteten Decken, und es gibt nichts, was über sein bloßes Vorhandensein hinaus auch nur einen Funken ästhetischer Anschaulichkeit besäße. Allein die Ausgestorbenheit betreibt um die vorgerückte Stunde ihr tückisches Verschwörungswerk. Hinter jeder Kachel hallt das Heulen irgendeines Toten oder Verstoßenen, der hier eingemauert wurde, um die Erde mit den sie durchwühlenden Zügen der Berliner Verkehrsgesellschaft zu versöhnen."