Wenn man an einem Spätsommertag mit Matthias Brandt durch den Glienicker Park spaziert und von der Havel her immer wieder der Wind auffrischt, hat man sehr schnell vergessen, wie geschichtsträchtig dieser Ort ist. Nicht nur die teils maroden, teils sorgfältig renovierten Zeugnisse preußischer Baukultur und die Lennésche Gartenkunst. Auf der benachbarten Glienicker Brücke, auf der bis 1989 die Grenze zwischen BRD und DDR verlief, wurde der wohl spektakulärste Agentenaustausch zwischen Ost und West inszeniert.

Jetzt fühlt es sich eher an wie ein Tag am Meer. Man könnte ewig so weiterstapfen, unter knallblauem Himmel, ohne Blick auf die Uhr, und mit Brandt plaudern. Nicht unbedingt über seine Filmkarriere, über seine Rolle als DDR-Spion Günter Guillaume in Schatten der Macht, über den lernbehinderten Vater in In Sachen Kaminski, dem sein Kind weggenommen werden soll, oder über seinen Kommissar Hanns von Meuffels im Polizeiruf.

Lieber nicht, da schon so viel über den Schauspieler Matthias Brandt geschrieben wurde, und weil man ja auch kaum etwas anderes tun könnte, als die immer wieder berückende Feinsinnigkeit in seinem Spiel zu loben, das Zurückgenommene, das einen sehr viel genauer hinhören und zusehen lässt. Und am Ende würde einem noch etwas herausrutschen wie: dass man manchmal fast heulen muss beim Polizeiruf, weil das so traurig ist und gleichzeitig so schön, wenn Brandt als Hanns von Meuffels Sandra Hüller als Gefängnisdirektorin anschaut, vorsichtig von der Seite, oder seine alkoholkranke Kollegin (Barbara Auer), mit dieser fragilen, ungeschützten Sehnsucht im Blick, und irgendwie klar ist, dass das eh alles nichts wird, dass Meuffels allein bleibt, unaufgehoben, und weiter seine blütenweißen, noch mit dem Reinigungsschildchen versehenen Hemden in einen gesichtslosen Büroschrank hängen wird. Um Himmels willen!

Es gibt immer etwas zu entdecken

"Kommen Sie, im hinteren Teil des Parks ist es schöner. Da ist es wilder", sagt Brandt und kneift ein wenig die Augen zusammen. Das mag an der Sonne liegen, die ihn blendet. Ein wenig ist es aber auch dieses leise Brandt-Lächeln, das amüsiert wirkt, immer aber auch ein klein wenig spöttisch. Wobei unklar bleibt, ob die Belustigung seinem Gegenüber gilt oder sich selbst. Je länger wir an diesem Vormittag unterwegs sind, desto stärker wird der Eindruck: Weder das eine noch das andere ist der Fall, eher scheint es eine grundsätzliche Bereitschaft zu sein, sich von kleinen, unspektakulären Dingen überraschen zu lassen, eine sanfte Freude über nebensächliche Entdeckungen, die das Leben an jeder Ecke bereitstellt.

Mit dieser angenehmen Unverstelltheit erzählt Brandt auch über sein erstes Buch, das jetzt erscheint: Raumpatrouille. Eigentlich, das ist Brandt wichtig, ist Raumpatrouille Teil eines Projekts, das gemeinsam mit dem Musiker Jens Thomas entstanden ist. Mit Thomas zusammen hat Brandt bereits einige Bühnenprogramme konzipiert, über Angst oder über die Romanvorlage zu Hitchcocks Psycho. Untertitel: "Fantasie über das kalte Entsetzen". In ihrer neuen Zusammenarbeit widmen sie sich dem Thema: Kindheit. Memory Boy heißt das Album, auf dem sich Thomas musikalisch mit dieser frühen Lebensphase und der erinnernden Annäherung an sie auseinandersetzt. In dieser Kombination werden Brandt und Thomas auch auf der Bühne zu sehen sein: Text und Musik gibt es nur gemeinsam, keine klassischen Autorenlesungen.

Die gedämpften Nachmittage

"Geschichten", nicht "Erzählungen" lautet die Genrebezeichnung auf Brandts Buch, seinem Debüt als Schriftsteller. Der Umschlag zeigt einen Jungen im weißen Raumanzug, der auf den violetten Horizont blickt, neben ihm ein weißer Hund. Von diesem Jungen, mal ist er acht, mal zehn Jahre alt, mal weiß man es nicht so genau, erzählt Brandt in seinen Geschichten. Ein paar Stichworte, die zu Anfang der ersten Geschichte fallen, genügen, um den Leser hineingleiten zu lassen in eine Kindheit und in die alte Bundesrepublik der späten 1960er, frühen 1970er Jahre, diese etwas trägen, etwas langweiligen, von den Nachwirkungen der NS-Zeit überschatteten, aber irgendwie auch wohligen Jahre. Eine Zeit, in der gesellschaftliche Mentalität mit einem Kindheitsgefühl auf eigenartige Weise zusammengefallen sind.

Endlos gedehnt, gedämpft sind die langen Nachmittage, die Brandts Icherzähler häufig allein in dem riesigen Haus seiner Eltern verbringt und darauf wartet, dass endlich die nächste Folge Percy Stuart beginnt. Zwischendurch ein bisschen Fahrrad fahren (Bonanzarad, klar), ein bisschen bei dem Beamten rumhängen, der das Grundstück der Familie bewacht, mit ihm die neue James-Last-Kassette hören, das Teewurstbrot, das er anbietet, heimlich in der Jackentasche verschwinden lassen, weil es doch nicht so gut schmeckt, wie man dachte.

Das Schreiben selbst, erzählt Brandt, habe für ihn auch sehr viel mit Warten zu tun. Nicht ein Warten auf die berüchtigte Inspiration scheint er zu meinen, sondern das Warten darauf, dass sich der Ton, die Stimmung, die Bilder einstellen. "Irgendwie findet sich so ein Text ja vielmehr selbst. Man hätte das natürlich gern, dass man da wie mit einer Marionette herumspielen kann, aber meistens ist das nicht so. Ich glaube, es geht eher um ein genaues Hinhören und dem dann zu folgen." Wenn Brandt über dieses Warten erzählt, dann klingt es, als würde er sagen: Das war herrlich!