Landkarten, Stadtpläne, Schienennetzpläne – Johanna, die Ich-Erzählerin von Paula Fürstenbergs Debütroman Familie der geflügelten Tiger, hat eine Vorliebe für Dokumente, die Klarheit und Übersicht vermitteln: Seit sie als Neunjährige mit ihrer Mutter stundenlang im Auto durch Karlsruhe irrte, hat Johanna das Heft in der Hand und weiß immer, wo es lang geht. Ein Bedürfnis, wohl auch gespeist aus einer grundlegenden Unsicherheit, die in Johannas familiärer Konstellation verankert ist. Geboren wurde Johanna in der ehemaligen DDR. Am 4. Oktober 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, verschwand ihr Vater aus ihrem Leben, da war sie zwei Jahre alt. Ihre Mutter – eine studierte Veterinärmedizinerin, die nach der Wende nicht in ihren Beruf zurückgekehrt ist und stattdessen für wenig Geld in einem Streichelzoo arbeitet – hat ihr erzählt, er habe in den Westen "rübergemacht", um dort ein berühmter Musiker zu werden.

Außer einer Postkarte, die damals aus Westberlin kam, hat Johannas Vater keine Spuren hinterlassen. Und scheinbar auch keine quälenden Fragen – jedenfalls hat Johanna sich ganz gut eingerichtet ohne ihn. Gerade hat sie in Berlin eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin begonnen, als eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter sie dann doch umzutreiben beginnt. Nach 19 Jahren bittet Jens seine Tochter auf reichlich merkwürdige Weise, sich bei ihm zu melden.

So setzt Paula Fürstenberg, die mit ihrer Protagonistin das Geburtsjahr 1987 teilt und in Potsdam aufgewachsen ist, eine biografische Spurensuche in Gang, bei der Johanna zunächst fast obsessiv die Wahrheit über ihren Vater herausfinden will. Eine Suche, im Verlaufe derer sie zugleich mit einer Sicht auf die DDR konfrontiert wird, die durchaus überraschend ist. Ein Staat, der ebenfalls verschwunden ist und doch das Leben ihrer Mutter bis heute prägt und somit auch sie selbst mehr beeinflusst hat, als der jungen Frau bislang bewusst war. Die DDR ist vergangen, aber eben nicht spurlos verschwunden.

Weiße Flecken ausmalen

"Ich hatte eine Neugier im Bauch, die gestillt werden wollte, und eine Frage auf der Zunge. Wie ein Haar im Mund, das man nicht zu fassen bekommt." Johanna wird das Haar auch dann nicht zu fassen bekommen, als sie sich mit ihrem Vater trifft. Er leidet an Krebs im Endstadium, und nach nur einem Besuch verliert er seine Sprachfähigkeit. Sie begegnet ihrer Halbschwester Antonia, die im Westen aufgewachsen ist und den Vater ebenfalls erst als Erwachsene kennenlernte, sich aber mit ihrer Variante seiner Geschichte gut arrangieren konnte: Demnach ist Jens an jenem 4. Oktober verhaftet worden, weil er mit seiner Band subversive Staatskritik betrieben hatte. Und schließlich taucht auch noch Jens' Mutter, Johannas unbekannte Großmutter, am Krankenbett auf und erzählt eine wieder andere Version.

Videolesung - Paula Fürstenberg liest aus "Familie der geflügelten Tiger" Johanna wurde kurz vor dem Mauerfall geboren, über die DDR und ihren Vater weiß sie wenig. Mit einem Anruf schaltet der sich plötzlich wieder in ihr Leben ein. © Foto: Zehnseiten

"Ist es denn so wichtig, dass Du weißt, was wirklich passiert ist?", fragt Karl, den sie vielleicht liebt, Johanna. Und sie antwortet: "Wie könnte das nicht wichtig sein?" Paula Fürstenberg schickt ihre Figur auf genau jenen schwierigen Weg, an dessen Ende die Erkenntnis steht, dass sie eine endgültige, eine wahre Geschichte über ihren Vater nicht erfahren wird. Es bleibt ein weißer Fleck, ähnlich den Flächen auf Johannas Lieblingskarte, der mittelalterlichen Ebstorfer Weltkarte, auf der die Mönche die unbekannten Regionen mit Fabelwesen ausmalten, darunter die geflügelten Tiger, die dem Roman seinen Titel geben.

Plötzlich verschwunden

Ähnlich fantasievoll wie die Mönche wird sich Johanna schließlich der Situation stellen: Auf einer alten Schreibmaschine entwirft sie Verhörprotokolle, Polizeiberichte und Einschätzungen der Stasi nach einer möglichen Verhaftung des Vaters. Sie schreibt auch eine Vermisstenanzeige, die ihre Mutter aufgegeben haben könnte, nachdem Jens so plötzlich verschwand. Diese Abschnitte sind als Typoskripte im Roman von den anderen Kapiteln abgesetzt, und nur ganz zu Beginn meint man als Lesende, jetzt kämen endlich Fakten auf den Tisch. Mithilfe der Versatzstücke aus den Erzählungen ihrer Mutter, Antonias und ihrer neu gefundenen Großmutter probiert Johanna verschiedene mögliche Abläufe aus – dabei werden die vermeintlichen Protokolle im Ton bald ziemlich persönlich, auch komisch und ironisch.

Es ist schon viel über die Notwendigkeit einer zusammenhängenden, sinnvollen Geschichte des eigenen Lebens geschrieben worden. Darüber, dass diese immer eine Erfindung sei, schon weil den Erinnerungen nicht zu trauen ist. Paula Fürstenbergs Roman verhandelt dieses Grundmotiv aber in zweierlei Hinsicht auf besondere Weise: Zum einen hat ihre Protagonistin an eine entscheidende Stelle ihrer persönlichen Geschichte gar keine eigenen Erinnerungen, eine Zuspitzung, die ein anderes Agieren erfordert. Und zum anderen verkoppelt die Autorin die persönliche Spurensuche Johannas mit einem darüber hinausgehenden Blick auf den gesellschaftlichen Umgang mit einem Land, das recht plötzlich "verschwunden" zu sein scheint – und doch keine abgelegte Vergangenheit ist.

Klug und vielschichtig

Und obwohl der Generation von Johanna auch hier keine eigenen Erinnerungen zur Verfügung stehen, weil sie zu jung dafür ist, stößt sich Johanna an einem Erinnern, das die DDR wie ein Relikt für das Museum behandelt und darin ausstellt: "(...) ich blieb noch einen Moment vor der Vitrine stehen. Die Erinnerungen, dachte ich, sind nicht für die gemacht, die damals gelebt haben. Hier werden künstliche Erinnerungen produziert. Für Menschen, die nicht dabei waren. Für Menschen wie mich. Dennoch wurde ich den Eindruck nicht los, in diesem Museum fehl am Platz zu sein. Ich gehörte nicht in die Vitrinen, aber auch nicht davor."

Paula Fürstenberg hat in Familie der geflügelten Tiger eine kluge und vielschichtige Erzählkonstruktion entworfen und ihr gelingt eine überzeugende Verwebung der Erzählebenen.

In einer knappen, beinahe einfachen Sprache erzählt Fürstenberg über die durchaus harten Konflikte mit der Mutter, die Johannas Spurensuche auslöst, über Johannas eigenes Hadern, über das wortwörtliche aus der Bahn geworfen werden – einmal gefährdet sie gar ihren Arbeitsplatz, als sie aufgewühlt die Straßenbahn stehen lässt, die sie eigentlich steuern soll. In dieser Lakonie blitzen immer wieder trockener Witz und leise Melancholie auf. Die starken Emotionen, die Erschütterungen liegen in der Aussparung. Das ist zweifelsohne beabsichtigt. Und es ist eine Kunst. Vielleicht ist es auch ein Zurückweichen vor einem Erzählen, das sich die Darstellung starker Gefühle traut und sich zutraut, dabei nicht in Pathos oder abgegriffene Sprachbilder zu rutschen.

Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger. Kiepeneuer & Witsch, Köln 2016. 240 Seiten, 18,99 Euro.