Wann immer die deutsche Literaturkritik etwas als "authentisch" lobt, meint sie in der Regel Geschichten, in denen nicht erzählt wird, dass Paare etwa im Frankfurter Westend vornehm leidend eine Wohnung suchen. Sondern dann heißt es: echtes Leiden, echter Abgrund, naja, echtes Leben halt von Menschen mit echten Problemen und echter, ungekünstelter Sprache. Das alles wird meist an Orten vermutet, die von allen bürgerlichen Selbstlügen und heiter amourösen Verwicklungen unberührt sind. Wo die Figuren noch wirklich etwas mehr erleben, als im Geiste Gartenstühle zu arrangieren. 

Also: Sogenannte Romane vom "Boden der Gesellschaft", wie es zum Beispiel damals über Als wir träumten, das brillante Debüt des Leipzigers Clemens Meyer hieß, in dem nicht ätherisch herumgeredet wurde. Stattdessen gab es dort ordentlich auf's Maul. In der deutschen Gegenwartsliteratur, in der in den vergangenen Jahren viel über Arztsohn- und Richterstochterprosa geredet wurde, kann das ja immerhin als kleine Sensation gelten, wenn der Alltag nicht in Hypotaxen bewältigt wird, sondern mit den Fäusten.

Nun ist Philipp Winklers Debüt Hool erschienen. Ein harter, zupackender Roman, der es vor Veröffentlichung aus dem Stand auf die Longlist des Deutschen Buchpreises geschafft hat und mit allerhand Vorschusslob von Winklers Schriftstellerkollegen bedacht wurde.

Die ebenfalls vorab begeisterte Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung fand: "Ein Buch wie ein Schlag." Schließlich geht es ja ums Prügeln und Verprügeltwerden. Um den Moment, "in dem im Bauch etwas zu schweben beginnt", wie Heiko Kolbe, der Ich-Erzähler, es gleich zu Beginn sagt, bevor er in die erste Schlacht zieht. Heiko gehört zu einer Gruppe Hooligans des Fußballvereins Hannover 96. Ein Exemplar der hiesigen Bordsteinbourgeoisie, die ihre Tage im Fitnessstudio verbringt oder in einer rustikalen Kneipe namens "Timpen" in der Fußgängerzonentrostlosigkeit der Stadt. Wo man neben den Säufern am Tresen sitzt und große Sätze über im Grunde nichtige Dinge sagt. 

Heiko allerdings bedeuten sie alles: der nächste Kampf, das nächste Spiel, die Rivalen aus Braunschweig und wie man es denen richtig zeigen kann. Ein ungerichteter Zorn tobt in Heiko, den er kaum verbergen oder kontrollieren kann. Heiko erscheint als die zeitgemäße Version des wütenden, jungen Mannes, dessen Leben irgendwie aus der Kurve getragen wurde. Er stammt aus einfachen Verhältnissen, seine Mutter hat sich aus dem Staub gemacht, der Vater ist ein hoffnungsloser Trinker. Heikos Schwester hat sich in ein Vorstadtleben mit Gartenzaun geflüchtet. Und mit der heroinsüchtigen Ex-Freundin ist auch Schluss. Hier heißt man nicht wie im Berlin-Roman Luna, Jonte, Jonas oder Emilia und hat es sich nicht im Weltekel gemütlich gemacht, sondern man heißt Ulf, Kai, Axel, Jojo, und das Leben ist Kampf. Wer man ist, hängt davon, ob man zu Boden geht oder der letzte ist, der noch steht.

Körperlich bedrängende Szenen

Die Hooliganfreunde fungieren als Heikos Ersatzfamilie, mit der er trinkt, andere verprügelt oder die Tage versummst. Die Hells Angels kommen vorbei, es gibt Anabolika, Nazis und Außenseiterstolz. Man nennt Leute "Homos", "Pimmelköppe" oder "Flachwichser", man trinkt Bier, das "Elefantenpisse" heißt, und Träume sind nur dazu da, um verraten und verkauft zu werden.    

Heiko erzählt von den Fahrten auf niedersächsischen Landstraßen, den öden Wohngegenden und Fußballplätzen meist in einem trotzig drastischen Ton, der sich vom Leben nicht mehr zu erhoffen scheint, als Hannover in der Hooliganszene bekannt zu machen, es endlich "auf die Karte zu setzen". Heikos Sprache ist, wenn es im Roman zur Sache geht, körperlich oft geradezu bedrängend. Ihre lakonische Härte: Wald, Parkplätze, Tritte und Fäuste, Adrenalin, aufplatzende Wunden, gebrochene Kiefer und Blut. In einer völlig illusionslosen, entzauberten Welt ist der Schmerz das letzte, was noch heilig ist.

Philipp Winkler ist Jahrgang 1986. Er hat in gewisser Hinsicht einen negativen Bildungsroman geschrieben, von einem Verblendungszusammenhang, den man kaum noch für blinde Rebellion halten kann: Heiko will bleiben, wer er ist. Trotz aller Rückschläge, trotz seiner Umwelt, die ihm zeigt, dass der Weg in die Gewalt böse enden könnte. Er will bloß aufsteigen in der Hooliganhierarchie. Egal, auf welche Kosten.

In Hildesheim hat Winkler "Literarisches Schreiben" studiert, was die souveräne Dramaturgie erklärt, mit der er seinen Roman aufgebaut hat: einer zwischen dem Heute und dem Gestern wechselnden Kapitelabfolge; Andeutungen, die sich erst später auflösen, kleine Tretminen, die der Autor ausstreut, damit sie hundert Seiten später explodieren. Das nordisch klimatisierte Kneipendeutsch der Dialoge, das "Vaddern", Mien Jung" und "Machstn Du hier?" klingt für sich genommen nicht wie ein mundartliches Convenience-Produkt oder fremdenverkehramtliche Urigkeit. Und im Sentimentalen, wo harte Männer große Herzen haben und Biere wortlos getrunken werden, schwelgt auch dieses Buch zwar bisweilen, aber nie so, dass es Kitsch wäre.