ES wird dreißig Jahre alt. Im September 1986 erschien Stephen Kings Roman und wurde noch in jenem Jahr ein Bestseller in den USA, 1987 auch in Deutschland. Ein Buch, das eigentlich gut gealtert ist. Aber auch ein Buch, das man weder als Klassiker, noch als Kultbuch bezeichnen würde. ES war einmal überall, heute ist es nirgendwo. Was bedeutet es, so ein Buch noch einmal zu lesen?

Ich sollte zugeben, dass ich ES damals verpasst habe. Als der Roman 1987 auf Deutsch erschien, durfte ich ES nicht lesen, aber die älteren Jungs, die ich bewunderte, lasen ihn, oder trugen ihn zumindest mit sich herum. Ich lernte die Geschichte von Derry, Maine erst durch eine VHS-Kassette der Filmversion kennen, die der ältere Bruder eines Schulfreunds uns eines Abends zeigte. Mein Pennywise war Tim Curry.

Ich habe das Buch irgendwann schon noch gelesen, in irgendeinem Sommerhaus, in dem nur alte, zerlesene Bestseller herumlagen, Shogun, Der Medicus und ähnliches. Bücher, die man nie jemanden lesen sah, an die sich kaum jemand erinnern konnte, die aber mysteriöserweise zerlesen und zerfleddert in jedem Wohnzimmer lagen. Zu denen gehörte ES für mich, aber ich kann mich nicht mehr genau entsinnen, wann ich eines der zerfledderten Exemplare aus seinem Schlaf erlöste.

Traumwandlerische Logik

Paradoxerweise hilft das vielleicht beim Zugang zu diesem Roman. Zumindest passt es irgendwie zur Spielart des Schreckens in ES, der weniger im Schock des Neuen, Plötzlichen beschlossen liegt, sondern im Schwindelgefühl des Widererkennens, in der Gebrechlichkeit des Gedächtnisses, der erschütternden, fantastischen Ferne der Kindheit. Derry, Maine ist ein Ort der Kindheit, in der der Schrecken immer schon offen zutage liegt, aber Gewöhnung und die traumwandlerisch hinnehmende Logik der Kindheit zollen ihm kaum Beachtung.

1957 wird dieses Derry von einer mit der Wucht einer Seuche grassierenden Mordwelle erfasst. Diese wird aber nie wirklich als solche wahrgenommen, immer wieder schockiert die (wie sich schnell herausstellt, vom Monster verursachte) sanfte Amnesie, die sich um alle Schrecknisse Derrys windet. Alle spüren, dass etwas nicht stimmt, aber dann vergessen sie das Gefühl und machen weiter – das hat etwas Fantastisches, aber in vielen amerikanischen Kleinstädten hat es auch etwas geradezu Dokumentarisches. Die Kindheit beschreibt es allemal.

In der Kanalisation

Als der Leser die sieben Schulfreunde, die sich den "Club der Verlierer" nennen, kennenlernt, stellt sich jeweils heraus, dass jeder von ihnen den Täter schon kennt, es aber irgendwie noch nicht weiß. Es, ein Monster aus der Vorzeit, das beliebige Form annehmen kann – Eltern, Schulkameraden, ein Vogel, ein riesiges Auge, aber vor allem eben den von Tim Curry so brillant verkörperten Killerclown Pennywise.

Als wir ihnen 1985 wieder begegnen, haben sie die Geschehnisse aus den fünfziger Jahren längst verdrängt. Doch Es ist wieder da, und sie müssen sich ihm erneut stellen – in beiden Zeitsträngen stoßen die Gefährten zu Es vor, das in der Kanalisation unter Derry sein Nest hat, um es endlich zu besiegen. Der Horror von ES hat nichts mit der Entdeckung von Unbekanntem oder Unvorstellbarem zu tun; sondern mit der Konfrontation mit dem allzu Bekannten, allzu Vorstellbaren. Man hatte ihn immer schon vor Augen, und gerade deshalb sah man ihn nicht.