Der Kulturkritiker und Romancier Roy Scranton hat den USA unlängst eine Traumafixierung attestiert: Sie beschäftigten sich mit den eigenen Wunden, um einer imperialen Amnesie den Boden zu bereiten. Man kann Scrantons Diagnose auf US-Kultur generell ausweiten: Der Mythos vom Trauma wird so gerne bemüht, um Literatur vom Vergangenen her zu erklären, aus den Kriegen, aus dem Abstieg der Mittelschicht, aus dem 11. September. Vielleicht müsste man diese Kultur aber – mittlerweile? ab einem bestimmten Punkt? – aus der Zukunft kommend erklären. Nicht von 2001 her, sondern von 2043 her – dem Jahr also, in dem die Weißen nicht mehr die Mehrheit der US-Bevölkerung ausmachen werden. 

Aus dieser Sicht wäre die Gnosis des Verlusts eines Philip Roth, eines Don DeLillo, eines David Foster Wallace, eine Spielart des Rückzugs. Das ist plausibel: Denn in der US-Politik  hat der Pessimismus mittlerweile eine klar ethnische Komponente. Auf Twitter ätzte einmal jemand, dass Donald Trumps Slogan "Make America Great Again" der Zusatz fehlte: "für Menschen wie mich". Schwarze, Hispanics, Asiaten, Schwule, Frauen, sie alle finden sich in der paradoxen Situation, dass sie einerseits mit Pessimismus in Amerikas Zukunft schauen sollen, und dass sie andererseits spüren, dass ihnen diese Zukunft einmal gehören wird.

Wieso sollte es in der Literatur anders sein? Dort drängt sich die Frage auf, wie sich der Pessimismus in der amerikanischen Literatur zu der Tatsache verhält, dass alte weiße Männer den Roman nicht mehr im gleichen Maße dominieren wie noch vor 20 Jahren. Muss man Behauptungen, mit dem amerikanischen Roman, der Leserschaft, mit den Schreibschulen gehe es bergab, ebenfalls hinzufügen: "für Menschen wie mich"? Ist ihre Nostalgie ein Existenziell, oder eine ethnische Melancholie?

Jung, liberal und sehr links

Die Literatur kann an den weißen Männern vorbeierzählen, genauso wie Barack Obama an den weißen Männern vorbeiregieren konnte, ohne gleich in die Schmuddelecke gestellt zu werden. Während Jonathan Franzen sich im Fernsehen in wohlfeilem Kulturpessimismus ergeht, tauscht sich die neue Literatur auf Twitter oder in Blogs aus. Die Romane der jungen Literatur erzählen in der Vorblende von einem neuen Amerika, das im Kommen ist.

Das mit der Vorblende ist wörtlich zu nehmen: Man kann diese Verschiebung selbst in den angewandten narrativen Techniken verfolgen. Zum Beispiel einen plötzlichen Stimmungswandel, den diese Texte sich erlauben, das Aufblitzen einer trotzhaften Affirmation, die einem anderen Amerika gilt als die ethnische Suada des alternden weißen Mannes. 

An der Zeitenwende steht Keith Gessens 2008 erschienener Roman auch All die traurigen jungen Dichter (2009 auf Deutsch bei Dumont). Gessen ist zwar weiß, aber er ist jung, liberal, und sehr links. Der Roman spielt in den dunklen Jahren der Ära Bush und erzählt Geschichten vom Erwachsenwerden junger, literarisch ambitionierter Männer in New York. Das Ganze hat etwas betont Kleines, große Gesten sind dem Text fremd – er erinnert an die Fernsehserie Girls oder die Filme Noah Baumbachs.

Aber am Schluss gestattet Gessen seiner Hauptfigur eine durchaus Brooklyn-untypische Geste. Sams Freundin ist dabei, das gemeinsame Baby abzutreiben, um die ewige Adoleszenz endlos fortsetzen zu können. Sam rennt ihr nach, um sie aufzuhalten. Der Roman endet mit der Rede, die er für sie vorbereitet – ob er sie je hält, erfahren wir nicht. In Sams Rede geht es nicht darum, dass ein Baby für ihn oder für seine Freundin wichtig sein könnte. Sein Land braucht dieses Baby:

"Und jetzt war es zu spät, wie ich gesagt hatte, aber gleichzeitig war es eben auch noch nicht zu spät. Wir mussten leben. Und wir waren genug, dachte ich, wenn wir uns zusammentaten. Wir konnten das Weiße Haus zurückerobern und die Parlamentsgebäude und Ratshäuser und Stadträte. Wir würden den Kongress behalten. Und um eine dauerhafte linke Mehrheit zu sichern, Gwyn, meine Liebste, würden wir viele linksgerichtete Babys machen."

Willen zum Glück

Etwas knistert in der Maßlosigkeit dieses Optimismus. Die fast biologistische Utopie, die der zur Abtreibungsklinik hechelnde Sam hier entwirft, ist in ihrer malthusischen Monomanie bewusst unzeitgemäß. Wir müssen uns vermehren, an Menschen wie uns wird die Welt genesen. Eigentlich eine erschreckende Geste, schockierend am Ende eines Romans, in dem es um hyperindividualistische Hipster geht. Das Zu-Spät und das Doch-Noch existieren unmittelbar nebeneinander – Hoffnung, die man gerade explizit weggewischt hat, keimt doch noch einmal auf.

Diese Geste ist nicht ubiquitär, aber sie findet sich doch immer häufiger – zum Beispiel bei drei interessanten jungen Autoren, denen ein asiatisch-amerikanischer Background gemein ist: Alexander Chees Roman The Queen of the Night (dieses Jahr in den USA erschienen), der von der Zirkusartistin und Opernsängerin Lilliet erzählt, hält eine fantastische Zukunft und ein realistisches Ende in der Schwebe. Lilliet stellt sich vor, wie alles aussehen müsste, wenn sie mit ihren Attrappenflügeln wirklich abhöbe, und erzählt von dort aus, wie es in Wahrheit ausgeht. Patricia Parks Re Jane (2015), eine humorvolle Nacherzählung von Jane Eyre, endet, ganz nach dem Brontë-Modell, mit einem sorgsam verschnürten Bündel von Vorgriffen und Happy Ends. Sowohl Chee als auch Park schöpfen ihre Schlussgesten bewusst aus dem Fundus des 19. Jahrhunderts – sie erzählen ihre modernen Geschichten mit einem seit dem Naturalismus verpönten Willen zum Glück.