Den Oscar hatte er in den vergangenen Jahren auf seinen Tourneen immer mit dabei. Die Statue thronte, klein und glänzend, auf einem Gitarrenverstärker – und sie war mehr als ein Maskottchen. Der Oscar schien eine Art Symbol für die Welt zu sein, die einem Teenager in der amerikanischen Provinz Mitte der fünfziger Jahre ziemlich verlockend vorgekommen sein musste. Eine strahlende Zukunft.

Bob Dylan erhielt ihn für seinen Song Things Have Changed aus dem Jahr 2001, und er war sichtlich stolz darauf. Der Oscar wurde sozusagen in der guten Stube aufbewahrt, auf der Bühne, die Dylan seit gut dreißig Jahren – so lange währt seine Never Ending Tour bald – nicht mehr verlassen hat. Nun muss auf der Verstärkerbox noch ein bisschen Platz geschaffen werden für eine weitere Ehrung: eine Medaille und eine Urkunde der Schwedischen Akademie in Stockholm. Der Literaturnobelpreis 2016 geht an den Songwriter, Schriftsteller, Maler, Filmemacher, Schauspieler, Radio-DJ, den song and dance man Bob Dylan.

Die Quoten der Buchmacher standen diesmal nicht allzu gut. Dylan war in den vergangenen zehn Jahren zwar immer wieder als Kandidat gehandelt worden, aber inzwischen glaubte man schon nicht mehr recht daran, dass er ihn tatsächlich einmal bekommen würde. Auf gewisse Weise fürchtete man sich auch ein wenig davor: Wird der größte Songschreiber des 20. Jahrhunderts damit nicht endgültig in einen Hochkulturkanon überführt, der die frühzeitige Verstaubung eigentlich garantiert? Will man seinen coolen Helden – und Dylan ist noch immer cool, man schaue sich nur das Video zu Duquesne Whistle an – mit jenen teilen, die nun die gesammelten Songtexte wie einen etwas zu voluminösen Gedichtband im Bücherregal entsorgen? 

Literaturnobelpreis - "Für die Schaffung neuer poetischer Ausdrucksformen" Der amerikanische Folk- und Rockmusiker Bob Dylan gilt als einer der einflussreichsten Songwriter des 20. Jahrhunderts. Nun wird er mit dem Literaturnobelpreis geehrt. © Foto: Jim Lo Scalzo/dpa

Shakespeare trifft Williams

Gut, seien wir ehrlich: Die Kanonisierung lässt sich nicht mehr aufhalten, sie hat ja längst begonnen. Nicht nur, dass Dylan im Laufe der vergangenen zwei Jahrzehnte etliche etablierte Preise und Ehrendoktorwürden verliehen wurden – viele Geisteswissenschaftler selbst haben sich inzwischen ihre Doktortitel mit Arbeiten über den ruhelosen Sänger und sein Werk erschrieben. Jedes Jahr erscheinen Dutzende Bücher zu Dylan, Kongresse werden abgehalten, Hunderte Artikel veröffentlicht. Man kann schier den Überblick verlieren.

Im Frühjahr erschien eine Studie des Literaturwissenschaftlers und Dylan-Verehrers Heinrich Detering, die sich mit seinem Spätwerk beschäftigte. Darin arbeitet Detering auf durchaus spannende Weise die vielen Bezüge in Dylans Songs heraus. Eigentlich sind diese Lieder rhizomartige Gewächse. Shakespeare trifft darin auf Tennessee Williams, Lewis Carroll auf F. Scott Fitzgerald, Merle Haggard auf Ovid, Robert Johnson auf Juvenal, Frank Sinatra auf Petrarca, ohne dass die einzelnen Gewährsleute in den Songs ihr Gesicht offen zeigen würden. Alles geht kreuz und quer und am Ende auf fantastische Weise in etwas Eigenem auf.

Der Vorwurf des Plagiats, dem sich Dylan immer wieder ausgesetzt sieht, zielt dabei ins Leere. Hatte Dylan früher seine Quellen oder Zitate in den Liedern noch offengelegt, so schmilzt er sie nun schier unkenntlich zusammen. Aus den Songs und seinem Gesang sprechen die Stimmen der Vorfahren – die Blues-, Jahrmarkt- und Minnesänger, die Poeten und Gaukler, die antiken Dichter und Underground-Poeten jüngerer Zeiten. Letztlich spürt man bei Dylan in jeder Zeile den Impuls, sich zu entziehen, auch die Bilder, die in der Öffentlichkeit von ihm kursieren, loszuwerden. Und dabei zu einer eigenen Wahrheit vorzudringen. Damit schafft er immer neue Bilder und Mythen.

Den Dylanologen freut's. Heinrich Detering antwortete im Sommer im Interview auf die Frage, ob es denn nicht ein grobes Missverständnis wäre, wenn man ihn nun wirklich einmal mit dem Literaturnobelpreis ehren würde: "Dylan könnte gut ohne den Nobelpreis für Literatur weiterleben und -arbeiten. Er ist auch kein genuiner Kandidat, insofern er halt kein 'richtiger' Schriftsteller ist, sondern ein Singer-Songwriter." Für Dylan bildeten das Verfassen literarisch ambitionierter Texte, das Komponieren und die Aufführung dieser Songs eine Einheit, in der jeder dieser Aspekte so wichtig sei wie die anderen. "Ja, ich würde ihm den Nobelpreis zusprechen, einerseits weil Dylan mit dieser performativen Songpoetry anknüpft an uralte Traditionen der Poesie." Andererseits, so Detering, sei das eine Kunstform, die so charakteristisch für das 20. Jahrhundert ist wie keine andere. Dank der medialen Gegebenheiten hätten sich ganz neue Möglichkeiten für eine aufführungsorientierte, gesungene Poesie ergeben. "Wenn man das auch als Entwicklung in der Geschichte der Literatur wahrnimmt, hat Dylan als einer ihrer größten Repräsentanten eine literarische Auszeichnung wie den Nobelpreis ganz sicher verdient."