Jetzt gibt es nur noch einen Fakt, der das Nobelkomitee vor seiner eigenen Entscheidung und uns Liebhaber klassischen Schreibens vor seinen Auswirkungen retten kann: Bob Dylan ist Elena Ferrante. Sollte sich der amerikanische Folkbarde aber doch nicht hinter der vielleicht nur mutmaßlich italienischen Autorin verstecken, haben nicht nur die Schweden, sondern hat der ganze weltweite Literaturbetrieb ein Problem. Er ist dem Untergang geweiht.

Klaus Kastberger, geboren 1963, ist Juror des Bachmann-Preises, Professor für Neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz und Leiter des Literaturhauses Graz. © Clara Wildberger

Erstmals wird mit dem höchsten Preis, den es für die Literatur gibt, ein Mensch ausgezeichnet, der kein einziges literarisches Werk vorzuweisen hat. Unter seinem ersten Decknamen Bob Dylan hat Robert Zimmerman, dieser außergewöhnliche und von vielen bewunderte Mann, eine neue Form des poetischen Ausdrucks in die große amerikanische Song-Tradition gebracht. So wurde der Entscheid für ihn dann auch begründet. Geschenkt. Auch zeigt Dylan sich in seinen Texten von Arthur Rimbaud, Charles Baudelaire und gar noch der Bibel beeinflusst. So viel weiß Wikipedia. Am Ende aber sind es doch immer nur lyrics, die er geschrieben hat, und eben keine Lyrik. Da konnte die Kulturwissenschaft bislang noch so viele Symposien zu seinem Werk veranstalten: So viel war fix, und dabei blieb es. Keine Lyrik, nirgends. Nur lyrics, überall.



Die Entscheidung der Schweden krempelt das alles um. Honorige Akademien, ehrwürdige Preiskomitees, bislang unangefochtene Expertengremien, eilends zusammengerufene Schiedsgerichte, Literarische Terzette und Quartette, druckfrische Fernsehformate, altbackene Jurys und am Ende gar noch die hipsten Publikumsvotings werden sich gezwungen sehen, mit der mutigen und zukunftsweisenden Entscheidung der Schweden mitzuhalten. So lässt der Nobelpreis für Dylan die Dämme brechen. Ab jetzt ist alles möglich.

Literaturnobelpreis - "Für die Schaffung neuer poetischer Ausdrucksformen" Der amerikanische Folk- und Rockmusiker Bob Dylan gilt als einer der einflussreichsten Songwriter des 20. Jahrhunderts. Nun wird er mit dem Literaturnobelpreis geehrt. © Foto: Jim Lo Scalzo/dpa

Rammstein und Josef Winkler im Duett

Der Prix Goncourt geht an die Enkelin von Édith Piaf, weil das französische Publikum überzeugt ist, dass die junge Frau mit gesampelten Multimediafiles der großen Tradition des Chansons in digitaler Weise neues poetisches Leben einhaucht. Der Prix Aristeion geht an Roger Waters von Pink Floyd. Der Büchner-Preis geht aus niedrigeren Gründen an Mireille Mathieu. Der Man Booker International Prize geht an Fiston Mwanza Mujila, nicht für seinen Roman, sondern die Art seines afrikanischen Schrei-Vortrags. Die Entscheidung des Vorjahrs wird für ungültig erklärt und aufgehoben.

Der österreichische Volksmusiker Andreas Gabalier erhält die Carl-Zuckmayer-Medaille und den Adalbert-Stifter-Preis für ein und dieselbe Liedstrophe. Das handschriftliche Original der vier Zeilen wandert ins Deutsche Literaturarchiv in Marbach. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht an eine Autorin aus Griechenland, deren mehr als 300 Bootlegs die Misere der Flüchtlinge im Land beschreiben, allerdings im Deutschen Buchhandel nicht erhältlich sind. Rammstein und Josef Winkler teilen sich den Deutschen Buchpreis für ein gemeinsames Duett. Der Text wurde als Broschüre in einem Berliner Kleinstverlag veröffentlicht. Dieser hat den neuen Wind, der im Betrieb weht, als einer der ersten erkannt.

Der Bachmann-Preis geht an ein Trio aus der rätoromanischen Schweiz, der Steiermark und aus Niedersachsen, das die Jurybegründungen des Vorjahres als Obertoncollage bringt. Denis Scheck beurteilt, wenn er in seiner Sendung schlechte Bücher wegwirft, nicht mehr deren Inhalte, sondern nur noch die Geräusche, die sie, wenn sie aufschlagen, machen. Elke Heidenreich bezichtigt den Retro-Walkman, auf dem ein Autor aus Hamburg im Schweizer Literaturclub seine Rückkoppelungsloops von Goethegedichten abspielt, des Wahnsinns. Der österreichische Staatspreis für Literaturkritik geht an den Artikel Blowin' in the Wind von Klaus Kastberger, weil er die letzten Tage der Literatur in allen Details richtig und punktgenau vorausgesagt hat. Der Text wird bei der Preisverleihung gejodelt, die Sparte daraufhin eingestellt.