Mit Bodo Kirchhoff kommt Frankfurt zu sich selbst. Immerhin wurde der Deutsche Buchpreis 2003 in einer Frankfurter Wohnung "ersonnen", wie es der Preisträger in seiner souverän professionellen Dankrede im Römer formulierte. Und auch, wie ihm der mit seiner prunkvollen Amtskette geschmückte Oberbürgermeister und Hausherr gleich gratulierte, zeigte: Man war zu Hause, man war in der guten Stube.

Ersonnen ist fürwahr auch die Novelle Widerfahrnis, mit der Kirchhoff den Preis endlich ergattern konnte. Die Worte sind immer etwas zu gewählt und es wird immer eine Prise Pathos mehr darübergestreut, als es das Grundrezept vorsieht. Das Wort "Widerfahrnis" steht nicht im Duden, dafür aber bei Heidegger – das ist einer der Schlüssel zum Geheimnis. Ein anderer ist die "ungeheure Begebenheit", die die tradierte Form der Novelle verlangt und die hier gezielt in den Bereich am Mittelmeer gestrandeter Flüchtlinge verlegt ist. Im Moment ist dies das brisanteste politische Thema und es wird geschickt verknüpft mit dem Lebensgefühl wohlsituierter, in die Jahre gekommener Kulturbürger, die aufgeklärt, desillusioniert und sehnsuchtsvoll sind und deshalb anfällig für Melancholie und Schmerz. 

Die Ausgangssituation ist: Ein Mann und eine Frau, er über sechzig, sie wohl ein bisschen darunter, haben einiges hinter sich und sind versucht, noch einmal jäh sprießende Frühlingsgefühle zu evozieren. Liebe und Italien und das Scheitern – diese Konstellation ist seit jeher unschlagbar.

Deutsche Italiengefühle

Bodo Kirchhoff lebt zwar in Frankfurt, gibt aber in seiner Villa am Gardasee Schreibkurse und kann immer mit den Erwartungsmustern einer entsprechenden Klientel spielen. Er greift tief in die Register deutscher Italiengefühle: Taormina mit seinen chinesischen Reisegruppen, überhaupt Sizilien mit seinen unerreichbaren Vorgaben und Riffen. Kirchhoff pflegt einen süffigen Stil, der gerade dadurch wirkt, dass er immer etwas zu sehr auf die Tube drückt. Abgesichert ist dies jedoch durch die wissende und vielleicht sogar ein bisschen augenzwinkernde Erzählhaltung: die Hauptfigur Reither (ohne Vornamen, das macht die Sache exemplarisch) ist ein gescheiterter Kleinverleger und Lektor. Es ist von ihm zwar in dritter Person die Rede, aber eingestreut sind immer mal wieder Hinweise einer souveränen Erzählerstimme, die man auch als innere Stimme Reithers lesen kann.  

Schon der erste Satz lautet: "Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt, wie man sagt, auch wenn er es nicht sagen würde, nur hier ausnahmsweise, womit hätte er sie begonnen?" Wichtig ist hier das "auch wenn er es nicht sagen würde", denn es wird ja trotzdem gesagt. Oder: "Es roch nach Bett, nach Banane, nach Haar. Nach Leben, aber das hätte er in kein Buch aufgenommen; die großen Worte, sie schrieben sich so schrecklich leicht hin." Wichtig ist hier das "das hätte er in kein Buch aufgenommen", denn es ist ja trotzdem aufgenommen ins Buch. Aber dann: "Reither lag auf dem Rücken und weinte – und er hätte das in einem Buch wohl auch so stehengelassen –, er weinte um sich und Punkt." Das ist der Klartext: Was so richtig das Herz zerreißt, wird stehengelassen. Und deshalb lautet die Kreuzung von italienischem Strand, Älterwerden und Literatur so: Reither ist einer, "der für alle Enttäuschten und doch weiterhin Hoffenden die Geschichten ihrer Jahre aus einem Meer von Sprache fischte".

Bodo Kirchhoff ist, betrachtet man das Anliegen, mit dem der Börsenverein des deutschen Buchhandels insgeheim diesen Preis auslobt, natürlich der ideale Träger des Deutschen Buchpreises. Das Buch ist flott geschrieben, man kann sich sofort in die Personen hineinversetzen, es ruft große Gefühle wach. Gleichzeitig weiß der Autor, was er da tut, er ist gebildet und setzt hin und wieder kleine Ausrufezeichen, die signalisieren: Das ist kein Kitsch! Aber es ist eben so! Und das Spiel mit dem Schicksal, mit der Vergeblichkeit, mit der Politik intensiviert noch alles, die Identifikationsmöglichkeiten sind klug aufgefächert. Deswegen ist das natürlich genau das Buch, das man seiner Tante gefahrlos unter den Weihnachtsbaum legen kann. Und auch ein möglicherweise von schlechtem Gewissen heimgesuchter Literaturinteressierter kann sich sagen: Dieser Autor ist intelligent. Er macht das einfach gut. Er ist professionell.

Natürlich wäre Thomas Melle mit seiner hautnah agierenden autobiografischen Krankheitserkundung der literarisch bei Weitem interessantere Buchpreisträger gewesen. Melle schafft es, für manische Phasen, für psychische Verästelungen eine angemessene Sprache zu finden. Das zeigt, wozu Literatur in der Lage sein kann, wenn man sie als Sprachkunst definiert. Kirchhoff hingegen suggeriert, dass er sehr wohl weiß, was Sprachkunst ist, nur: Er lässt ihr nicht das letzte Wort. Oder besser: Er lässt sie gar nicht erst zu Wort kommen. Am Lagerfeuer gibt es noch ganz andere Kriterien fürs Erzählen, unter der heimeligen Leselampe auch.

Im Rückblick ist es beim Deutschen Buchpreis interessant, wie sich von Jahr zu Jahr die Schwerpunkte verlagerten. Es hängt alles von der Zusammensetzung der Jury ab, das ist das Auffällige bei diesem Roulettespiel. Die Tante mit ihrem Weihnachtsbaum ist als Zielgruppe nicht immer ein Selbstläufer. Es ist durchaus möglich, dass ästhetische Überlegungen eine ebenso große Rolle spielen. Es gab das Jahr, in dem Kathrin Schmidt und Herta Müller um den Preis konkurrierten, es gab tolle Preisträger wie Ursula Krechel oder Terézia Mora, und es gab das Duell zwischen Lutz Seiler und Thomas Hettche. Von diesem Jahr wird vor allem bleiben, dass die Buchhändler endlich mal wieder rückhaltlos an ihren Umsatz denken dürfen.