Um den Briefwechsel zwischen dem Philosophen Martin Heidegger und seinem Bruder Fritz herrschte seit Längerem Raunen und Rätselraten. Wer in den mehr als 500 Briefen gelesen hatte, die seit 2014 im Deutschen Literaturarchiv in Marbach lagern, kannte zwar deren Brisanz, durfte aber auf Geheiß der Heidegger-Erben nicht daraus zitieren (DIE ZEIT  Nr. 11/15. Nun haben die Erben offenbar auf die heftige internationale Diskussion über den Antisemitismus Heideggers in den seit drei Jahren erscheinenden Schwarzen Heften reagiert und einer gekürzten Veröffentlichung der Briefe zwischen 1930 und 1946 in dem jetzt erscheinenden Band Heidegger und der Antisemitismus zugestimmt. Darin sind die philosophischen und politischen Teile der Korrespondenz enthalten – in der morgigen Ausgabe der ZEIT werden vorab erstmals besonders markante Passagen daraus zu lesen sein.

Sensationell neu ist daran die ungeschminkte Selbstauskunft über die politische Gesinnung. Liest sich Heideggers Antisemitismus in den Schwarzen Heften, einer Art Denktagebuch, noch seinsphilosophisch überhöht, zeigt er sich hier ganz direkt und unverhohlen antisemitisch. Zudem kann man in den persönlichen Briefen detailliert sehen, dass der – anders als bislang gedacht – politisch bestens informierte Freiburger Professor ein früher und leidenschaftlicher Anhänger des Nationalsozialismus ist.

Bereits Ende 1931 schenkt der 43-jährige Heidegger seinem Bruder Mein Kampf zu Weihnachten und rühmt den "ungewöhnlichen und sicheren, politischen Instinkt" Hitlers. Das rechte Minderheitskabinett unter Reichskanzler Franz von Papen, das mithilfe von Reichspräsident Hindenburg zwischen Juni und Dezember 1932 regierte, wird von Heidegger als jüdische Verschwörung kommentiert. Er beklagt, wie sich die Juden "allmählich aus der Panikstimmung befreiten, in die sie geraten waren. Dass den Juden ein solches Manöver wie die Papenepisode gelungen ist, zeigt eben, wie schwer es auf jeden Fall sein wird, gegen alles, was Großkapital und dergleichen Groß- ist, anzukommen." Am 13. April 1933 schreibt Heidegger schließlich begeistert: "Es zeigt sich ja von Tag zu Tag, in welche Größe jetzt Hitler als Staatsmann hinaufwächst. Die Welt unseres Volkes und des Reiches ist in der Umbildung begriffen, und jeder, der noch Augen hat zu sehen und Ohren zu hören und ein Herz zum Handeln wird mitgerissen und in eine echte und tiefe Erregung versetzt."

Hitler ein "außergewöhnlicher Kerl"

Das Engagement Heideggers für Hitlers Staat inklusive NSDAP-Beitritt erweist sich als logische Konsequenz eines weltanschaulichen Gesinnungstäters. Keineswegs ist es die Entscheidung eines opportunistischen Karrieristen oder die ahnungslose Verirrung eines Unpolitischen, wie man es jahrzehntelang zur Entlastung des Philosophen hören konnte. Auch dürfte die Annahme eines sehr eigenwilligen Nationalsozialismus Heideggers, der angeblich frei von jedem Rassismus sei, nun endgültig revidiert sein.

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Der Bankkaufmann Fritz Heidegger (1894 bis 1980) war zeitlebens die wichtigste Vertrauensperson für den Philosophen: "Der einzige Mensch, den er wirklich hat, ist sein Bruder", schrieb Hannah Arendt 1952. Deutlich weniger Briefe von ihm als von seinem Bruder haben sich erhalten; in denen wirkt dieser zwar ebenfalls republikfeindlich, aber distanzierter gegenüber dem Nationalsozialismus als Martin, der ihn ständig politisch überzeugen will. Kurios allerdings können Fritz' Assoziationen durchaus werden: "Ich weiß nicht, ist es reine Täuschung oder nicht: Manche Haltung und der Blick Hitlers auf den jetzigen Bildern erinnern mich oft an Dich. Dieser Vergleich allein führte mich schon manchmal zu der Folgerung, daß Hitler ein außergewöhnlicher Kerl sei" (3. April 1933).