"Das Pflegeheim ist ein Reagenzglas, in dem Chemikalien vermischt werden. Nur gibt es keinen Chemiker, der diesen Prozess überwacht und lenkt. Nur Pflegerinnen mit Feuerlöschern, die versuchen, den Schaden zu begrenzen, wenn die Stoffe miteinander reagieren." Man könnte sich jenes bunte Soziotop, das Frédéric Zwicker in seinem Debütroman Hier können Sie im Kreis gehen beschreibt, beinahe als einen Zirkus vorstellen, als eine Manege tragikomischer Clowns: Da trifft man auf die alte Klantsch, die ihren Rollstuhl wie einen Rammbock einsetzt, den "Primus der Genitaltüchtigkeit" und nimmersatten Widmer, die missionarische Christin, Gehörlose und Sehnsüchtige, heimatlose Wanderer.

Was angesichts dieses facettenreichen Ensembles nach gehöriger Aktivität klingt, gleicht allerdings einem Eiertanz auf der Stelle. Es ist eine Bewegung gegen das Irrewerden, ein letztes, manchmal zähes Aufbegehren gegen den bevorstehenden Tod. "Die Geschichten, die hier enden, enden alle schlecht", so der 91-jährige Icherzähler Johannes Kehr. Nach dem Tod seiner Frau und dem Suizid seines unsteten Sohnes Paul hat es auch ihn in diese Aufbewahrungsanstalt verschlagen. Seitdem lebt er als "scheindementer Patient" in einer Art inneren Emigration. Jenseits ethnografischer Beobachtung des Innenlebens des Pflegeheims gibt er uns einen immer tieferen Einblick in seine Biografie und erzählt von seiner Kindheit, von seinem alkoholkranken Vater, seinen Schuldgefühlen, die ihn seit Pauls Suizid plagen, von einer fragilen Welt.

Nur Puzzleteile im Kopf

Dass der Leser in jenes Labyrinth, in dem die Heimbewohner Tag für Tag herumirren, derartig hineingezogen wird, hängt mit dem Genre an sich zusammen. Denn die inzwischen unter dem Label "Pflegeheimroman" gehandelten Texte haben eines gemein, das Zwickers Erzähler präzise selbst auf den Punkt bringt: "Ein Pflegeheim ist ein Haus der Erinnerung, ein Haus der Geschichten." 


Angefangen bei Erica Pedrettis Kuckuckskind oder Was ich ihr unbedingt noch sagen wollte (1998) über Annegret Helds Die letzten Dinge(2005) bis hin zu Arno Geigers Der alte König in seinem Exil (2011) etablierte sich in der letzten Dekade ein literarisches Setting, das nach Narrativen und Stimmen der Alten fragt. Pflegeanstalten werden als Orte des Erzählens entdeckt. Sie dokumentieren das Verdämmern ihrer Insassen, ohne deren fantasievollen Reichtum zu übersehen. Während etwa Geigers Text – wohl der ästhetisch bislang ausgereifteste des Nischengenres – auf der einen Seite detailliert die Demenzepisoden der völligen Entrückung schildert, wenn der Vater des Erzählers beispielsweise beginnt, mit der Tagesschaumoderatorin im Fernsehen zu sprechen, schafft er auf der anderen Seite Momente hellsichtiger Innigkeit. Hat Vater und Sohn über Jahrzehnte nichts verbunden, finden sie nun durch Krankheit und Alter zueinander.

Indem Frédéric Zwicker für seinen Roman eine tagebuchartige Struktur wählt, macht er zugleich das Fragmentarische der Geschichten seiner "Könige des Chaos" deutlich. Demenz kennt weder Kontinuität noch Ordnung. Wer an ihr leidet, lebt mit Puzzleteilen im Kopf. Mal gruppieren sich die Erinnerungen zu einem Bild, ein andermal erinnern sie an Splitter eines zerbrochenen Spiegels. Bringt man das noch einmal zusammen? Wie lässt sich ein schwindendes Leben noch ordnen? Und was kann Literatur dazu beitragen?

Respekt und Verständnis

Autoren von Pflegeheimromanen nehmen in der Regel kein Blatt vor den Mund. Ihre Texte meistern zweierlei: Sie legen entschieden die gesellschaftlichen Missstände frei, zeigen, wie die soziale Gemeinschaft ihre moralische Verantwortung verdrängt. Bezeichnenderweise ist in Hier können Sie im Kreis gehen die Rede vom "verschlissenen Menschenmaterial" oder von "Schalenmenschen", bei denen nur noch die "verrotteten Überreste eines Gehirns" übrig geblieben sind. Doch die Literatur geht auch weit über ein Lamento hinaus. Sie zeugt von einer Alternative zur Abschiebung. Gerade indem sie den Gedächtnisfundus der Alten als Quelle des Erzählens begreift, die verstreuten Geschichten aufsammelt und sortiert, gibt sie diesen Menschen ihre Würde zurück.

Respekt, Anerkennung und Verständnis – in diesem Geist begegnet jedenfalls der 1983 in Lausanne geborene Autor Zwicker seinen Figuren. Entstanden ist sowohl eine Hommage an das Alter und das Altern, als auch ein unüberhörbarer, jedoch keineswegs besserwisserischer Weckruf. Sprachlich mag man diesem Buch so manches nachsehen. Viele Phrasen à la "Aber das Leben hat mich gelehrt, dass die Liebe fast immer bloß die halbe Wahrheit ist" oder Teilsätze wie "dass es deine Magie war, die mich zurück ins Leben brachte" wirken abgedroschen und leer. Wer jedoch in die vielen kleinen Episoden eintaucht und all den Abgeschobenen und Randständigen derart nah kommt, vergisst bisweilen, dass er sich in einem konstruierten Universum bewegt. Zwicker überzeugt, weil er uns vor Augen führt, wie ungemein existenziell und dem Leben zugewandt Lesen sein kann.

Frédéric Zwicker: Hier können Sie im Kreis gehen. Nagel & Kimche. 160 Seiten, 20,00 Euro.