Ein gelungener Buchtitel kann vieles transportieren, idealerweise aber weist er dem Leser schon vorab die ungefähre Richtung des Lektürewegs. Unendlicher Spaß könnte ein unterhaltsames, aber auch endloses Lesevorhaben werden. Die Ästhetik des Widerstands liefert sicherlich keine Wohlfühlprosa, Sommerhaus, später hingegen könnte schon eher lebensgefühlig, zugänglich poetisch daherkommen.

Mit ganz offenen Karten spielt der Titel Kurzer Roman über ein Verbrechen von Ralph Hammerthaler. Liest man noch die paar Sätze auf dem Buchrücken, die darüber informieren, dass "verlorene Jugendliche in einer Kleinstadt" Pornos drehen und sich an immer drastischere Szenen wagen, hat man mit wenig Fantasie schon die Romanhandlung rekonstruiert.

Und trotzdem sind Schnellschüsse unangebracht. Der ehemalige Redakteur der Süddeutschen Zeitung scheint bewusst die Spannung von der Handlung zu nehmen. Der Autor, der zuletzt als Stadtschreiber in Rheinsberg die ostdeutsche Provinz genauer untersuchen konnte, setzt hingegen einen deutlichen Fokus auf das poröse Sozialgefüge, auf dem sich der durchsichtige Handlungsverlauf fast folgerichtig zu vollziehen scheint.

Zufällig kommt Hammerthalers Erzähler in die nicht näher bezeichnete Kleinstadt im Brandenburgischen. Seine ehemalige Englischlehrerin und jetzige Geliebte hat sich dorthin versetzen lassen. Mit einigem Geschäftssinn treibt er dort eine Gruppe Jugendlicher zusammen, um im Keller eines unbewohnten Hauses Sexfilmchen zu drehen, die er später im Internet zu Geld macht. Til ist dabei, ein nicht sonderlich heller Nazi, und sein bester Freund und Klassenkamerad Arben, dessen Familie in den Neunzigern aus dem Kosovo nach Deutschland kam. Dann die Schwestern Lore und Mirka, die alle nur Pfirsich und Mücke nennen. Später kommt noch Gerhard dazu, ein Familienvater mit Bauchansatz, der "nicht im Traum daran gedacht hatte, sein Begehren je wieder ausleben zu können". Und dann ist da noch die bildhübsche und unnahbare Anna, zu der sich der Erzähler und Arben gleichermaßen hingezogen fühlen.

Für die Truppe wird der Sex im Keller zum Refugium in einer morschen Welt, aber auch zum Kitt für eine Gruppe, deren Teile neben der Matratze absolut nicht zusammenpassen. Das zeigt sich besonders deutlich an der politisch engagierten Mücke, die mit Til anbandelt, bis er mit seiner Kameradschaft ihr Parteifest überfällt.

Kurzer Roman über ein Verbrechen ist beileibe kein Schmuddelstück. Schilderungen der expliziten Szenen hält der Autor kurz, vielmehr interessiert ihn die Überlagerung verschiedener sozialer Milieus innerhalb der abgehängten Ostteile. Wie Hammerthaler mit Arbens Besuch bei den Großeltern im Kosovo einen postmigrantischen Konflikt hintuscht, ist einfach toll. Auch die Schilderungen von Lores und Mirkas Schufterei nach der Schule in der Pension ihrer Mutter, dank der die Familie den Kopf über Wasser hält, sind präzise erfasst, nüchtern und dabei doch randvoll mit Bedeutungen.

Von Traurigkeit befallen

Allerdings ist es gerade diese Stärke des Romans, die ihm letztendlich zum Nachteil gereicht. Leider bleiben diese Miniaturen eines Gesellschaftspanoramas selten, kurz und verschwinden meist viel zu schnell hinter dem Handlungskorsett, das möglichst direkt auf das angekündigte Verbrechen zuschreibt. Was wirklich bedauerlich ist. Einerseits kann Hammerthaler mit wenigen Strichen tiefe Figuren entwerfen, die auch ohne Gewalttat ausreichend narratives Potential mitbringen. Andererseits kommt man nicht umhin, das besagte Verbrechen mit der Sozialisation in einem dieser vergessenen Flecken des Landes in einen Zusammenhang zu bringen, von denen Brandenburg so einige hat. Oder wie es der Erzähler fasst: "Als ich in jene Kleinstadt gekommen war, hatte mich, wenn ich die Jugend betrachtete, ein unbestimmtes Gefühl von Traurigkeit befallen. Ich nahm ihre Unruhe wahr, ihr aufsässiges Benehmen. Aber was konnten sie schon erwarten?"

So liest sich dieser Roman aus dem zerfahrenen Stillstand der brandenburgischen Provinz, in der die Kellerorgien eine Realitätsflucht bieten, als Parabel auf den Zerfall der ostdeutschen Kleinstädte. Vorgeführt an einer schon verloren gegebenen Jugend, die für jede Abwechslung dankbar ist. Sei es nun ein Pornodreh mit Minderjährigen oder ein brennendes Flüchtlingsheim.

Ralph Hammerthaler: Kurzer Roman über ein Verbrechen. Verbrecher Verlag, Berlin 2016; 136 S., 19,00 €