Der politische Wahnsinn und die gespaltene Gesellschaft in den Vereinigten Staaten: Um das zu erklären, wird derzeit oft auf Literaten zurückgegriffen: Richard Ford beispielsweise, Martin Amis oder T. C. Boyle. Im Interview lässt sich leichter über die Wirklichkeit sprechen, lassen sich leichter Urteile fällen über Politik und Gesellschaft als in Romanen. Nur stellt sich die Frage, ob klare Aussagen dem überhaupt angemessen sind, da man meistens hören wird, was man eh schon denkt, zumal als Leser von Schriftstellerinterviews. Im Roman spricht der Erzähler, im Interview der Autor. Insofern stellt vielleicht die Form des Essays eine Chance für den Schriftsteller dar, sich zwar nicht auf eine von ihm geschaffene fiktionale Welt, sondern auf unsere Welt zu beziehen, zugleich aber eine Brille aufzusetzen, die alles ein wenig verschiebt.

Seit Jahren macht sich in den USA eine essayistische Stimme bemerkbar, die sich der Zuschreibung entzieht, literarisch oder intellektuell intervenierend zu sein. Teju Cole wurde 2011 schlagartig berühmt mit seinem Roman Open City, in dem ein in Nigeria aufgewachsener Protagonist, dessen Mutter Deutsche war, durch New York läuft und in seinen Gedankengängen die Widersprüchlichkeiten seines Daseins in den Widersprüchlichkeiten dieser Stadt spiegelt.

Sein ursprünglich 2006 in Lagos geschriebenes Blog Every day is for the thief wurde dann ebenfalls zum Erfolg und auch als Fotograf hat er sich einen Namen gemacht. Seine Popularität verdankt er aber vor allem den Texten, die in den einflussreichsten Publikationen des Landes erscheinen: im New Yorker, im Atlantic, im New York Times Magazine und vielen anderen Zeitschriften schreibt er über Kunst und Kultur, über politische Szenen, die er beobachtet und über einzelne Texte und Fotografien, die ihn prägen.

Jetzt wurden einige dieser Essays in einem Band versammelt – Vertraute Dinge, fremde Dinge, und dass die deutsche Ausgabe fast zeitgleich mit der amerikanischen erschien, spricht dafür, dass Cole hier einen Nerv getroffen hat. Coles Schreiben nährt sich vor allem aus einem selbstbewussten Eklektizismus, der seine afrikanischen Wurzeln (ähnlich wie der Erzähler aus seinem Roman ist auch er in Nigeria aufgewachsen), seinen US-amerikanischen Alltag (er lebt hauptsächlich in New York) und seine europäische kulturelle Bildung (er studierte europäische Kunstgeschichte) zusammenwürfelt und dadurch produktive Gedanken hervorbringt.

Das Buch ist in drei Teile gegliedert, die mit "Lesen", "Sehen" und "Dort sein" überschrieben sind. In Schwarze Körper reist er in die Schweiz, genauer: in das knapp 1.500 Einwohner starke Leukerbad im Kanton Wallis, im Gepäck den Text Ein fremder im Dorf des afroamerikanischen Schriftstellers James Baldwin. Dieser kam 1953 dorthin, um herauszufinden, wie es sich anfühlt, "in einem ausschließlich von Weißen bewohnten Ort schwarz zu sein". Cole stellt diese Reise jetzt gewissermaßen nach, versucht herauszufinden, was sich geändert hat für einen Schwarzen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Und was gleich geblieben ist.

Anders als Baldwin zum Beispiel fühlt Cole sich nicht durch die europäische Kultur gedemütigt, sondern nimmt sich, was ihm gefällt, um seine eigene Position zu stärken: "Es gibt keine Welt, in der ich zugunsten – sagen wir mal – der Sonette Shakespeares auf die numinos machtvolle Yorubadichtung verzichten wollte, noch eine, in der ich Kammerorchestern, die Barockmusik spielen, den Vorzug vor der Kora, der Harfenlaute Malis, gäbe. Ich nenne das alles mit Freuden mein. Ich kann gegen weiße Vorherrschaft sein und mich trotzdem für die gotische Baukunst begeistern." Von einer Wanderung in den Bergen kehrt Cole ins Hotel in Leukerbad zurück, schaltet den Laptop an und wird von Nachrichten überwältigt – in den USA sind die Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung erneut gewaltsam mit Polizisten kollidiert, die so stark bewaffnet scheinen, dass sie "kaum noch von Invasionstruppen zu unterscheiden waren".