Spätestens seit 1929 – seit der Mutter aller Hotelbestseller, Vicki Baums Roman Menschen im Hotel – wissen wir: Das Hotel ist eine Welt und die Welt auch nur ein Hotel. ("Wir sind nur Gast auf Erden", weiß das Kirchenlied.) Luxus und Armseligkeit, Horror und Illusionen, Einsamkeit, verbotene Zweisamkeit oder Zwangsvergemeinschaftungen, Anonymität und Prominenz, Missachtung und Umsorgtheit, Abreisen oder Wiederkommen. Unzählige Romane und Filme erzählen davon. Mag es die Grand Hotels auch so nicht mehr geben, Filme wie The Grand Budapest Hotelwerden uns weiterhin faszinieren. Ein umfassender Sammelband über die Kino-Hotellerie (Film-Bühne Hotel, München: edition text u. kritik 2016, 28 Euro) weiß das überzeugend darzustellen. Und weiterhin werden Leute, die sich dort nie und nimmer zu wohnen erlauben können, über The leading hotels of the world informieren.

"Ich kenne nichts Erotischeres als Hotelzimmer – Räume der Liebe und des Todes" – so pathetisch klingt der erste Satz von Paul Theroux' jüngst erschienenem Roman Hotel Honolulu, in dem es dann entsprechend turbulent zwischen beidem hin und her geht. "Die halbe Menschheit wohnt jetzt in Hotels; und es ist schön, im Hotel zu wohnen, weil das einmal etwas anderes ist und nicht so wie zu Hause. Viele Leute ärgern sich, wenn es nicht so ist wie zu Hause, andere erleben etwas; und eigentlich leben wir Menschen ja doch, um etwas zu erleben. Ich ziehe immer von einem Häuschen zum anderen und ganze Bücher könnte ich zusammenschreiben." Das schrieb 1928 der Feuilletonist Victor Auburtin, kurz bevor er an den Folgen eines wenig hotelhaften Zwangsaufenthalts auf Korsika während des Ersten Weltkriegs starb.

Hotels sind Brutstätten der Literatur – und Autoren pflegen zu Hotels ein ganz eigenes Verhältnis. Einige wohnten und wohnen dort, von Joseph Roth bis Stuckrad-Barre, einfach so, oder machen, wie Adorno bemerkte, "aus den aufgezwungenen Bedingungen der Emigration die lebenskluge Norm". Andere leiden bereits unter einer einzigen Nacht unsäglich, jedenfalls auf ihren Lesereisen, worüber sie dann beredt klagende Geschichten schreiben, die sie wiederum auf Lesereisen vortragen. Autoren, gar erst Kritiker, sind gestrenge Kenner. Alfred Kerr etwa wurde nicht nur grantig, wenn der Henkel des Teekännchens beim Frühstück heiß oder das Zimmermädchen zu alt war – entfernt seien fürderhin alle seine Schriften aus den öffentlichen Bibliotheken –, sondern auch, wenn der Nachttisch innen nicht mit Glas oder Gestein den Nachttopf separierte: "Weil Holz anzieht."

Verirrungen und Verführungen

David Wagner ist seit seinem Debüt Meine nachtblaue Hose, u.a. wegen seines virtuos durch einen Supermarkt führenden Romans Vier Äpfel, zumal seitdem er für sein wiedergewonnenes Leben 2013 den Preis der Leipziger Buchmesse erhielt, kurz, dank seiner lebensklugen Eigen- und Fremdlebensbeobachtungen ein höchst willkommener Gast der Buchhandlungen, Gesellschaften, Goethe-Institute und überhaupt in aller Welt. Mithin ist er ein Hotelversierter, prädestiniert, über traumhafte oder schlaflose Nächtigungen zu schreiben. Unglaublich: Über einhundert Aufenthalte in der Zeit von 2013 bis heute! Er hat sie mitnotiert und nun herausgegeben. Dem Hotel als Kosmos setzt er den Kosmos der Hotels entgegen. Selbst den Etablissements jener Kette, die einst damit warb, dass man überall in der Welt auch im Dunklen sofort sich orientieren könne, würde er wahrscheinlich noch Unterschiede abgewinnen können, wie erst zwischen privat Geführten und Kettengliedern, kargen Herbergen und üppigem Luxusambiente, deutschen und solchen weltweit!

In Hotels begegnet man innen noch mehr als außen neben wenigen Meisterleistungen vielen Monstervorstellungen von Architektur und Design in flagranti. David Wagner führt Verirrungen wie Verführungen mit diplomatischem Geschick auf. Er weiß ja auch nicht, ob er nicht irgendwann noch einmal dort wohnen muss, vielleicht sogar in Hildesheim, wo man ihn ins Michaeliskloster nicht einließ. (Weder war das Evangelische Zentrum für Gottesdienst und Kirchenmusik zu voll, noch der Autor – man hatte sein flehendes Klingeln wohl trotz ziviler Tageszeit einfach überhört; immerhin bekam er später per Post eine Flasche Sekt zum Trost.) Von der deutschen Küste bis in die Schweiz und nach Österreich, von China bis Iran, von Norwegen bis Italien führen seine Notizen durch Hotels, deren Lieblingsfarbe derzeit Türkis zu sein scheint. Am eindrucksvollsten aber ist das Howard Johnson Plaza in Shanghai mit "senfgelb-türkis-beige-braun-dunkelbraun-gestreiften" Sesselpolstern.

Nun ist David Wagner nicht nur ein kluger Beobachter, sondern auch ein gut erzogener, freundlicher und höflicher Mensch, der mit Neugier, aber auch Nachsicht und allenfalls Verwunderung auf die Welt blickt. Wir werden von ihm also weder die Anwanz-Elogen noch die Geifer-Attacken der Internetbewerter erwarten können. Seine stärkste Kritik wohl: "so lala". Nur einmal ist er wirklich ein bisschen empört, als er nämlich in einem Frankfurter Luxushotel, dessen USP eine gläserne Duschkabine mitten im Zimmer ist, den Frühstückskaffee in einem dickwandigen Becher serviert bekommt: "Schmeckt gar nicht."