Sie war da. Aber stets irgendwie so, als wäre sie nicht da. Symptomatisch dafür war eine Lesung Ilse Aichingers, zu der sie knapp nach ihrer Rückübersiedlung nach Wien Anfang der neunziger Jahre in den Hörsaal eins des Neuen Institutsgebäudes eingeladen war. Für die Wiener Avantgarde bedeutet dieser Ort historischen Boden. Ende der sechziger Jahre fand an ihm das statt, wofür der Wiener Boulevard die schöne und bleibende Bezeichnung "Uni-Ferkelei" fand. Oswald Wiener, Peter Weibel, Günter Brus und andere Exponenten der Wiener Aktionskunst nutzen eine vermeintliche Diskussionsveranstaltung zum Thema "Kunst und Revolution" für eine Performance, in der bürgerliche Tischmanieren grotesk übertrieben wurden. Es wurde öffentlich uriniert und gekotet, die Exponenten wurden verurteilt und des Landes verwiesen.

Zwanzig Jahre später betrat Ilse Aichinger mit einem Lächeln den Raum, um aus ihrem soeben erschienenem Buch Kleist Moos Fasane (im Titel stecken drei Wiener Straßennamen) zu lesen. Unter heftigem Willkommensapplaus des randvoll gefüllten Saals mit seinen steil aufragenden Sitzbänken betrat die Autorin das Podium. Ging hinter den langen Katheder, stolperte, stürzte und war plötzlich verschwunden. Im Saal war es augenblicklich still. Eine Stille, die so lange anhielt, bis sich Aichinger, gestützt von einem herbeigeeiltem Helfer, wieder aufgerappelt hatte und sich mit dem haarscharf gleichen Lächeln wie zuvor wieder über dem Pult zeigte.

Es ist eine Kunst des Verschwindens, die Ilse Aichinger aus dem Schrecken der Geschichte gemacht hat. In Wien musste die Autorin im Jahre 1942 mitansehen, wie ihre Großmutter und andere Angehörige deportiert wurden. Ihre Zwillingsschwester Helga hat es mit einem der letzten Hilfstransporte nach England geschafft. Ilse aber und ihre Mutter überlebten, sich klein machend, in der Stadt. Geschützt wurden die beiden lediglich von einer absurden Widersprüchlichkeit in der nationalsozialistischen Gesetzgebung. Die Verantwortlichkeit einer Alleinerzieherin für ihr Kind wurde dabei vor die Bestimmungen der Rassengesetze gestellt. In geduckter Haltung verharrten die beiden jahrelang. Unter der ständigen Bedrohung, dass es sie jederzeit treffen könnte.

Überleben als Kinderspiel

In ihrem einzigen Roman, dem 1948 erschienenen Buch Die größere Hoffnung, fasst Aichinger die Situation in ein surreales Tableau. Begriffe, die nötig scheinen, um den Schrecken zu verstehen, Wörter wie "Nationalsozialismus" oder "Jude", kommen in dem Buch nicht vor. Die größere Hoffnung ist kein Bericht über das Vergangene, nein: Dem Leser wird hier ganz unmittelbar das Kindergesicht der Erinnerung gezeigt. Daraus resultiert ein ungeheuer zarter und fragiler Text, der in der deutschsprachigen Literatur singulär ist. Ein Überleben des Nationalsozialismus, dargestellt als Kinderspiel.

Ausgehend von diesem Buch greift bei Aichinger ein Prozess des Abspeckens und Ausradierens alle späteren Werke. Es ist ein Schreiben der sukzessiven Reduktion, in dem sich alles gegen das Groß-Werden der Form und die Größe der Darstellung sperrt. Ein sanfter Hohn ist bei Aichinger auf alles spürbar, was nach einer Entwicklung zu Höherem aussieht. In dem Erzählband Schlechte Wörter spricht sie es aus: Die besten Wörter könne sie nicht mehr verwenden, sondern nur mehr die zweit- oder drittbesten. Für eine solche Autorin ist die beste aller möglichen Welten nicht mehr zu haben.

Anfang der fünfziger Jahre war Aichinger an der Hochschule für Gestaltung in Ulm tätig. Bei einer Tagung der Gruppe 47, die später ihre berühmte Spiegelgeschichte (1952) ausgezeichnet hat, lernte sie Günter Eich kennen. Mit ihm lebte sie bis zu seinem Tod im Jahr 1972 erst in Deutschland und danach im Salzburger Ort Großgmain. Der gemeinsame Sohn Clemens Eich, gerade dabei, sich als Schriftsteller zu etablieren, stirbt nach einem tragischen Unfall 1998. Ilse Aichingers literarische Produktion war zu diesem Zeitpunkt fast zum Erliegen gekommen. Angeregt von ihren Wiener "Lebensmenschen" Richard Reichensperger begann sie aber dann doch wieder neue Texte zu verfassen, ursprünglich geplant als eine Art von Kolumne für eine Tageszeitung.