Die Flucht beginnt mit einer Rückkehr. Das Zimmer ist noch so, wie die Erzählerin es verlassen hat: zerwühltes Bettzeug, schiefe Bücherstapel, leere Kleiderbügel im offenen Schrank. Die Schreibmaschine steht auf dem Tisch, die Tasten bedeckt von einer Staubschicht. Man weiß nicht, wie lange die Heimkehrerin weg gewesen ist, wie viel Zeit der Staub hatte, sich im Zimmer breitzumachen – und man weiß auch nicht, wohin es nun weitergehen wird. Man ahnt allerdings recht schnell, dass die Reise, von der hier erzählt wird, mit dem wendigsten aller Fortbewegungsmittel angetreten wird, einem Vehikel, das Zeit und Raum und die schnöde Wirklichkeit in Nullkommanix überwinden kann: mit der Sprache. "Die Sonne ist hinter den Schornstein gekrochen, darauf sitzt eine Krähe und knackt eine Nuss. Ich drehe ein neues Blatt Papier in die Schreibmaschine ein und hacke in die Tasten: Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch."

So beginnt der Debütroman der Mittzwanzigerin Michelle Steinbeck, der ebendiesen geheimnisvollen Titel Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch trägt. Steinbeck wurde im schweizerischen Lenzburg geboren wurde, am Bieler Literaturinstitut hat sie Schreiben studiert, und heute lebt sie in Basel und Zürich. Die biografischen Angaben im Klappentext scheinen noch das Verlässlichste zu sein, was uns in diesem Buch begegnet. Denn nach den ersten beiden Seiten und nachdem das Blatt in die Schreibmaschine eingezogen ist, geraten die Sätze aus dem Gleichgewicht, wird uns der Boden unter den Füßen weggezogen.

Mickriges Glück

Wir finden uns fortan im freien Fall durch surreale Welten, in denen vermeintlich tote Kinder in Koffern durch die Lande geschleppt und unbenannte Städte durchquert werden müssen, aus dem Schoß hexenhafter alter Frauen pelzige Krokodile kriechen, Fischkuchen ein Grundnahrungsmittel zu sein scheint, Hunde sprechen und irgendwo am Horizont des Meeres, unsichtbar meist in der diesigen Ferne, die Insel der geflohenen Väter liegt. Loribeth heißt die Ich-Erzählerin, sie kommt einem zunächst vor wie eine Mischung aus Alice im Wunderland und Pippi Langstrumpf, und ihre Welterkundung oder Pilgerschaft hat nicht zuletzt das Ziel, einem abwesenden Vater näher zu kommen, etwas Verlorenes, vielleicht die eigene Kindheit, wiederzufinden: sich anzudocken an Menschen und Sprechweisen.

Die Begegnungen, die Loribeth hat, kippen meist ins Absurde. Die Szenen haben etwas leicht Verzerrtes. Man kneift zuweilen die Augen zusammen und erhascht so Partikel einer Realität, die man zu kennen glaubt. In der geht es – selbstverständlich – um das richtige Leben in einer falschen Umgebung, ums Kinderkriegen und Erwachsenwerden, um die große Frage nach dem Glück und dass am Ende das Glück doch nur etwas Mickriges sein könnte. Aber schon im selben Satz kann die Traumlogik wieder das Regiment übernehmen, und man hat das Gefühl, mit einem Bein noch in der bekannten, mit dem anderen in einer fremden und magischen Welt zu stehen.

Schillernder Kinderblick

Man hinkt immer hinterher. Das hat etwas Berauschendes, und die aufgekratzte, überdrehte Sprache von Michelle Steinbeck, die überraschungsreich ist und sich aus dem Märchen speist, der Bibel und dem Surrealismus, erschöpft sich nie. So ist da auf jeder Seite ein wunderbares Chaos, es gibt kaum eine Situation, die auf eine andere referiert – was nicht heißt, dass die Erzählung nicht durch Motive und Stimmungen zusammengehalten würde.

Am Ende wird, mit zwar nicht neuen, aber schönen, unkonventionellen Mitteln, eine alte Geschichte erzählt: davon, wie sich das Jungsein anfühlt, wie Verzweiflung zu Mut wird, Ruhelosigkeit zur Suche nach Wahrheit oder zumindest einem eigenen Leben. "Du bist noch sehr Kind in dir drin, seufzt die Alte." Zum Glück! Es ist nämlich ein bemerkenswerter, sehr schillernder Kinderblick, mit dem die Ich-Erzählerin der Welt begegnet. Wo das hinführt? Eigentlich ist das gar nicht so wichtig. Zu einem kleinen und vielversprechenden literarischen Kunststück führt es auf jeden Fall.

Michelle Steinbeck: Mein Vater war ein Mann am Land und im Wasser ein Walfisch. Roman. Lenos Verlag. Basel 2016. 152 Seiten. 19,90 Euro.