Eigentlich, so sagt Peter Kurzeck, sei er beim Schreiben immer noch drei oder fünf oder acht Jahre alt. Wenn er sich die Frage stelle: "Wem erzähle ich die Welt?", dann komme er zu der Erkenntnis, dass er stets zu dem Kind spreche, das er selbst einmal war. In dieser Erkenntnis stecken viele Deutungsansätze für Peter Kurzecks Werk. Vor allem aber erklärt sie möglicherweise den Tonfall, in dem Kurzeck gesprochen hat; jenen unverwechselbaren, melodiösen, leicht singenden Tonfall des Märchenerzählers, mit dem Kurzeck seine Zuhörer einfängt und umgarnt. Man kommt da nicht mehr weg. So wie Kurzeck die Welt und ihre Gegenstände umkreist hat, unermüdlich, weil er nicht anders konnte, so zieht er uns mit seiner warmen Stimme, dem gerollten R und den stets überraschenden Beobachtungen in seinen Kosmos hinein. Und wer da wieder heraus will, dem ist nicht zu helfen.

Mehr als drei Jahre sind vergangen, seit Peter Kurzeck in Frankfurt am Main gestorben ist. Mittlerweile hat sein Lektor und engster Vertrauter Rudi Deuble aus dem unübersichtlichen Nachlass das im vergangenen Jahr erschienene Romanfragment Bis er kommt zusammengesetzt. Und dass Kurzeck auch ein Meister des freien, assoziativen Erzählens ist, beweist noch einmal die soeben erschienene CD Für immer, die aus Aufnahmen besteht, die im April 2007 gemacht wurden und aus denen auch das unfassbar schöne Hörbuch Ein Sommer, der bleibt entstanden ist. Klaus Sander, Betreiber des Audiolabels supposé, hat die Aufnahmen thematisch zusammengeschnitten, sodass wir es in Für immer nun nicht mit einer beliebigen Resterampe, sondern mit einer veritablen Kurzeck-Poetik zu tun haben.

Dass Teile dessen, was hier zu hören ist, nahezu wortwörtlich mit dem Kapitel Wie ich Schriftsteller wurde aus dem vom Literaturwissenschaftler Jörg Döring initiierten Erzählprojekt Unerwartet Marseille aus dem Jahr 2012 übereinstimmen, ist keinesfalls störend und spricht zudem für die Qualität der druckreifen Sätze, die in Kurzeck abgespeichert waren. Ganz davon abgesehen: Im Grunde ist es immer toll, ihm zuzuhören, ganz gleich, was er sagt. Denn die wichtigste Arbeit des Schriftstellers, so Kurzeck, sei es, die richtige Melodie zu finden.

Du musst jetzt Schriftsteller sein!

Wie also wurde er Schriftsteller? Geschrieben hat er schon immer. Als er volljährig wurde, gelobte er sich, so lange für die Schublade zu schreiben, bis die Texte so gelungen waren, wie er es sich vorstellte. Dann kam der 19. August 1971, der Geburtstag seiner Mutter, die zu diesem Zeitpunkt allerdings schon tot war. Und beim Aufwachen die Gewissheit: Du darfst nicht mehr zur Arbeit gehen. Du musst jetzt Schriftsteller sein.

Kurzeck kündigte seinen Job als Personalchef bei der US-Army von einem Tag auf den anderen. Und plötzlich hatten seine Zeitstrukturen sich komplett geändert. Man erfährt viel in dieser mit rund 70 Minuten vergleichsweise kurzen CD über Peter Kurzecks Motivation, über seinen Antrieb, seinen Schreibdrang. Das Manische seiner Prosa, die Erinnerungssucht wird von ihm selbst als Urtrieb charakterisiert. Sein Gedanke seit Kindheitszeiten: "Du darfst nichts vergessen!" Und wenn man tagtäglich mit diesem Gedanken lebe, werde man entweder verrückt oder man finde den Ausweg in die Kunst.