Zu den Lieblingsreisezielen des erschöpften Homo oeconomicus, in einem Atemzug mit Mallorca oder der Toscana zu nennen, gehört seit einigen Jahren eines, das ganz ohne Flughafen und Bahnanschluss auskommen muss: das Ich. Die Reisenden pilgern. Sie wallfahren. Zu ihrer Identität. Egal wie heidnisch sie sind. Doch einfach ist die Selbstfindung nicht: Sogar wenn das Ziel nah scheint, kommt man irgendwie nicht hin.

Ohne historische Vorbilder sind die Selbstfindungsreisen der Gegenwart natürlich nicht. Davon zeugen unter anderem zig Regalmeter an (mehr oder weniger) fiktionaler Reiseliteratur, angefangen bei der spätantiken Aithiopiká über den Fortunatus und Goethes Italienische Reise bis hin zu Jack Kerouacs On the Road, dem Manifest der Beat Generation.

Zu den neuen Reisenden und Suchenden der Schriftstellergilde gehört der Guatemalteke Eduardo Halfon. In seinem 2014 auf Deutsch erschienenen "Roman in zehn Runden"mit dem Titel Der polnische Boxer reiste er der Nummer nach, die sein jüdischer Großvater auf seinem Arm tätowiert hatte – und die eben nicht dessen Telefonnummer war, wie Halfon als Kind glauben sollte. Die Reise des Autors war mit dem Boxer offensichtlich noch nicht abgeschlossen: Im Hanser Verlag erscheint nun Signor Hoffman, eine Sammlung von acht Prosastücken. Dass Halfon schreibend weiterreisen muss, ist logisch – zumindest wenn das Reisen irgendetwas mit Selbstfindung und das Selbst irgendetwas mit seinen Wurzeln zu tun hat: Halfon ist in Guatemala-Stadt geboren, teilweise in den USA aufgewachsen, hat polnisch-libanesische Vorfahren und ist, so seine Selbstdefinition aus dem neuen Erzählband, ein berenteter Jude, der großväter- und mütterlicherseits drei arabische Anteile hat.

Zum Scheitern verurteilt

Tatsächlich sind die in Signor Hoffman versammelten Texte auch eine Auseinandersetzung mit dem Judentum des Erzählers. Er will sich von der Religion freimachen. Oder genauer: freigemacht haben. Doch das ist nicht ganz unproblematisch, wie sein Bruder in der Erzählung Tel Aviv war ein Ofen, die die Reise zu der Hochzeit der orthodoxen Schwester schildert, andeutet: "Ob es dir passt oder nicht, sagte er, ob du es annimmst oder nicht, du bist genauso jüdisch wie die. Er sagte: Das ist so. Er sagte: Das ist dein Erbe. Er sagte: Du hast das im Blut." So zitiert es der Erzähler. Und obwohl in diesem Fall der literarische Text als Vermittlungsinstanz benutzt wird, lässt sich behaupten, dass der Erzähler dem Autor zumindest sehr ähnlich ist. Nicht nur, weil er in allen Geschichten denselben Namen wie er trägt, nämlich Eduardo Halfon. Und zwischendurch auch mal Signor Hoffman. Aber dazu später.

Eine Geburtsreligion zu haben, hat für Halfon etwas buchstäblich Unvorstellbares. Ohnehin stößt er sich am Unumstößlichen, was wiederum dazu führt, dass die Suche nach dem Ich zwar legitim, aber von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. "Ich bin eben viele", erklärt der Erzähler in Weißer Sand, schwarzer Stein, zwar "mit einer gewissen Ironie", aber auch mit einer gewissen Konsequenz. Und das multiple Erzähler-Ich passt ideal zum Erzählen selbst. Schon sein Großvater, so heißt es in dem Text an anderer Stelle, habe begriffen, "dass eine Geschichte wächst, sich häutet, dass sie einen Balanceakt vollführt auf dem Hochseil der Zeit; er begriff, dass eine Geschichte in Wirklichkeit viele Geschichten ist".

Selbstfindung als Prozess

In Signor Hoffman vermischen sich in den einzelnen Erzählungen dementsprechend viele Geschichten. Das Reisen bedeutet für Halfon nämlich nicht nur, den Ort zu wechseln, sondern auch, sich den Assoziationen, Erinnerungen, Bezügen hinzugeben, die im Buch durch Leitmotive wie Gerüche, Autos oder Zigaretten inhaltlich hervorgerufen und stilistisch verknüpft werden. Die Reisen des Erzählers sind insofern Orts-, Zeit- und Identitätsreisen. Auf die Spitze getrieben wird dieses Prinzip in der Erzählung Kloster, dem literarischen Highlight des Buches. Dort fährt Halfon mit Tamara, die bereits im Polnischen Boxer in seine Geschichten trat und ihm nun zufällig am Flughafen von Tel Aviv über den Weg läuft, ans Tote Meer. Er beginnt dort, vor einer biblisch aufgeladenen Hintergrundkulisse und in einer hocherotischen Situation, eine Erzählung von Holocaust-Überlebenden, die sich verkleidet haben, ja, die sich sogar verraten haben, um den Nazis zu entkommen. "Jeder Mensch entscheidet, wie er sich retten will", schließt er hoffnungsvoll. Doch dann setzt er nach: "Obwohl das alles in Wahrheit gelogen ist, sagte ich zu ihr. Aber wir kaufen uns unsere eigene Lüge ab, sagte ich zu ihr. Und wir alle klammern und an den Namen, der uns am meisten überzeugt, sagte ich zu ihr. Und wir alle spielen die Rolle, die unsere beste Verkleidung uns vorgibt, sagte ich zu ihr. Aber keiner ist von Bedeutung, sagte ich zu ihr. Am Ende rettet sich niemand."

Dazu passt, dass Halfon am Ende des Buches zwar durch Guatemala, Belize, Israel, die USA, Italien und Polen gereist ist, sich dabei immer weiter umkreist hat, aber irgendwie nicht ankommt. Die Selbstfindung bleibt ein Prozess, der nicht frei von (Selbst-)Widersprüchen ist. Halfon spielt das Gantenbeinsche Verkleidungsspiel sogar ganz bewusst mit: Weil ein polnischer Aufzugportier seinen Namen nicht versteht, nennt er sich Hoffman. So war er in der ersten Geschichte des Buches bei einer Podiumsdiskussion von seinem italienischen Gastgeber vorgestellt worden: als Signor Hoffman.

Während der historische Reiseroman meistens mit der Rückkehr des Helden schließt, endet Halfon also wieder in Polen, bei seinem Großvater gewissermaßen. Dorthin kehrt er zurück. Seine Heimat ist das nicht, denn Heimat, so scheint es, ist immer woanders. Und das Ich ist immer ein anderer. Deswegen kann die Reise nicht aufhören. Und das Schreiben auch nicht. Im Falle von Eduardo Halfon ist das auch gut so. Zumindest für die Leser.

Eduardo Halfon: Signor Hoffman. Aus dem Spanischen von Luis Ruby. Hanser Verlag, München 2016. 192 S., 20 €