Zu zeigen, wie groß ein kleines Leben sein kann, das ist der Sinn des Erzählens. Die amerikanische Autorin Hanya Yanagihara hat diese Aufgabe in ihrem Roman Ein wenig Leben ernst genommen. Denn dieses Buch hat von allem zu viel: Zu viele Seiten, zu viele Figuren und gleichzeitig zu wenige, die man wirklich versteht, zu viele Tränen, zu viele Schicksale, zu viele Jahre und zu viele Tote.

Trotzdem und auch gerade deshalb klebt man an den Seiten dieses Romans. Weil man sich in dieser fast obszönen Fülle von Gefühlen suhlen kann, wie sonst nur in seinem eigenen Selbstmitleid. Weil Yanagihara in Zeiten des realitätsverbürgten Ich-Romans die Grenzen der Fiktion schamlos weitet. Mit einer Hiobsfigur, die nach einem Heiligen benannt, aber selbst und aus gutem Grund ohne jegliches Gottvertrauen ist. Und weil Yanagihara sich traut, große Fragen zu stellen: 

Wann endet die Vergangenheit? 

Wer bemisst den Wert eines Menschen? 

Was ist Familie? 

Sind Freundschaft und Liebe zwei Worte für dieselbe Sache?

Wo beginnt und wo endet das Erzählen? 

Zumindest der erste Teil der letzten Frage ist leicht zu beantworten: Weil Ein wenig Leben lange vor der Widmung und dem ersten Wort beginnt. Es beginnt mit dem Ruf, der dem Roman seit Erscheinen in den USA im Frühling 2016 vorauseilt. Also mit dem Erzählen über das Erzählte. Und es beginnt mit dem Cover, mit dem Bild eines Mannes von außergewöhnlicher Schönheit und einem schmerzerfüllten Gesicht. Beinahe 1.000 Seiten lang wird die Verzweiflung, von dem dieser Gesichtsausdruck erzählt, den Leser nun begleiten.

Gewalt und Liebe

Reicht die Fantasie nicht, kann man sich das Bild anschauen, wenn der Held Jude St. Francis das erste Mal zusammenbricht und sich vor Schmerzen auf dem Badezimmerboden krümmt, die Lippen fest aufeinandergepresst, damit niemand ihn hört; wenn er sich an Tagen, an denen er seine Beine kaum spürt und seinen Rollstuhl braucht, die Treppen seines Apartments in der Lispenard Street zwischen Lower Manhattan und Chinatown hochschleppt, weil der Aufzug kaputt ist; wenn er seine Wunden erst desinfiziert und dann verbindet, nachdem er sich mutwillig die Arme zerschnitten hat; wenn er an seine Kindheit als Waise im Kloster zurückdenkt; wenn er entscheidet, einen Mann in sein Leben zu lassen, für den Gewalt ein Ausdruck von Liebe ist.

Sind Freundschaft und Liebe zwei Worte für dieselbe Sache?

Auch auf diese Frage hat Yanagihara eine Antwort: Sie können es sein, wenn man mutig genug ist, es dazu kommen zu lassen. Mit all den Pflichten, die sich aus dem Lieben ergeben, der Verantwortung, der Enttäuschung. Denn bevor Ein wenig Leben ein Roman über Jude St. Francis wird, ist er eine Geschichte über vier Freunde und die Liebe, die man an Orten findet, an denen man sie am wenigsten erwartet. In einem keimigen Studentenwohnheim in Boston oder am klebrigen Tisch eines vietnamesischen Restaurants, in dem sich die vier nach ihrem Studium Woche für Woche in New York treffen.

Nicht richtig schwarz

Jude St. Francis: Waisenkind aus South Dakota, gefunden "in einem Müllsack voll mit Eierschalen altem Salat, verdorbenen Spaghetti", verschwiegen, weder an Männern noch an Frauen interessiert, voller Narben und auf dem besten Weg, ein brillanter Jurist zu werden. 

Jean-Baptiste Marion, kurz JB: das Kind haitischer Einwanderer, Muttersöhnchen, Rezeptionist bei einer Kunstzeitschrift in Soho, macht aus dem krausen Haar anderer Skulpturen. 

Malcolm Irvine: Sohn eines erfolgreichen afroamerikanischen Anwalts und einer weißen Mutter, Kind der Upper East Side, hadert damit, "nicht richtig schwarz zu sein", Architekt. 

Willem Ragnarsson: Landkind aus Wyoming mit skandinavischen Eltern, Frauenschwarm, jobbt in einem Restaurant, wartet darauf, als Schauspieler entdeckt zu werden.

Die vier Männer sind beste Freunde, verschiedenen Glaubens, verschiedener Hautfarbe und Herkunft, und doch sind sie gleich, weil sie Amerikaner sind und damit Hüter eines Traums, der trotz all seiner Irrationalität auch für sie Hoffnung verspricht. Das ist eigentlich nur ein Randaspekt der Geschichte, in der zweiten Amtswoche von Donald Trump als Präsident der Vereinigten Staaten aber erlangt es eine völlig neue Bedeutung.