Erst wenn man diesen eigenwilligen Roman über ein ungewöhnliches Paar der US-amerikanischen Autorin Lauren Groff zu Ende gelesen hat, kann man erkennen, wie viel schon gleich zu Beginn über den Kern dieser Beziehung bloß gelegt ist. In wenigen Sätzen offenbaren sich aus der Perspektive der Figur Lancelot sowohl Irrtum wie auch eine Art Wahrheit über seine Ehe mit Mathilde. Es ist eine sinnliche, vor Glück aufgeheizte Szene am Strand – nach sehr kurzer Zeit haben die beiden gerade mal 22-Jährigen geheiratet –, als Mathilde sich seinem überschäumenden "Besitzerstolz" entzieht:

"'Niemand gehört irgendjemanden. Zusammen sind wir etwas Neues.' Er betrachtete sie nachdenklich, biss sie sanft in die Nasenspitze. Er hatte sie in diesen zwei Wochen mit jeder Faser seines Herzens geliebt, und der Blick dieser Liebe machte sie für ihn transparent, sie war aus Glas. Er konnte bis zu ihrem grundguten Kern hindurchsehen. Doch Glas ist zerbrechlich, er würde behutsam mit ihr umgehen müssen. 'Du hast recht', sagte er, dachte jedoch, Nein, und sann darüber nach, wie elementar sie einander gehörten. Mit welcher Gewissheit."

Lancelot, genannt Lotto, ist ein großer Narzisst. Einer mit der Gabe, hell und leuchtend zu erscheinen, um sich letztlich doch immer nur selbst ins rechte Licht zu rücken, während er blind bleibt für die Erfahrungen anderer Menschen. Dass er dennoch eine Wahrheit über Mathilde und sich erkennt, wenn auch ohne deren ganze Dimension zu erahnen, ist eine schöne Volte von Lauren Groff. Denn so legt die Autorin nahe, dass beide, Lancelot wie Mathilde, sind tatsächlich auf eine existenzielle Weise aufeinander verwiesen. Dessen ist sich auch Mathilde sicher. Doch sind ihre Beweggründe andere, als ihr Mann glaubt. Sie ist vielleicht aus Glas – aber sie ist nicht mehr leicht zu zerbrechen. Und sie ist undurchsichtig, erst recht für ihn, der glaubt, sie ganz zu (er)kennen.

Die Schöne, die Heilige

Die 38-jährige Schriftstellerin Lauren Groff legt mit Licht und Zorn ihren dritten Roman vor. Mit "Licht" ist dessen erste Hälfte überschrieben, in der sie sich ganz Lotto zuwendet; im zweiten, mit "Zorn" betitelten Teil geht es um Mathilde – wie eine Erwiderung auf den ersten Teil liest sich der zweite. Er ist Ergänzung, Weiterführung und vor allem in vielem eine Widerlegung dessen, was wir über Lotto und seine Wahrnehmung Mathildes und ihrer gemeinsamen Ehe erfahren haben.

Lauren Groff © Megan Brown

Um Lottos Geschichte zu erzählen, geht Groff bis in die Jugendzeit der Eltern zurück. Überbordend und üppig ist ihre Erzählweise, mit fast surrealen und fantastischen Zügen stattet sie Vater und Mutter aus. Ihr Florida flirrt und strahlt warm. Dahinein wird Lotto geboren. Und in einen erarbeiteten Reichtum, der ihm schon selbstverständlich ist. Der frühe Tod des Vaters; die Verbannung ans Internat, in die Ferne, weil die Mutter seine FreundInnen für die falschen hält. Lotto leidet, berappelt sich und entdeckt diese Eigenart an sich: die Menschen für sich einzunehmen, ein Leuchten, von dem sie sich persönlich gemeint fühlen. Er ist ein Theaterstar auf der Schulbühne. Er schläft mit vielen Mädchen. Bis er Mathilde begegnet. Die Schöne. Die "Heilige". Die Mutter ist mit der Heirat nicht einverstanden und entzieht ihm die finanzielle Unterstützung.

Mathilde hält ihrem Mann den Rücken frei und arbeitet für zwei, als sein Schauspieltalent sich als zu gering erweist. Immer lächelnd. Und immer für gute Partys sorgend, trotzdem. Bis Lotto schließlich seine Begabung als Dramatiker entdeckt, eine beachtliche Karriere startet. Auch hier erweist sich Mathilde als unentbehrlich – als selbstverständlicher Teil seines alltäglichen Lebens; als Motor, der seine Kreativität am Laufen hält.