Mir war lange klar, dass ich ein Buch über Entwurzelung schreiben wollte. Über ein Gefühl, das uns in der Atmosphäre der Unsicherheit, in der wir heute leben, in all seinen Ausprägungen begegnet, einige von ihnen schön, andere überaus bedrohlich. Ein Buch über "Zuhause", über etwas, das viele Leute meinen, wenn sie dieser Tage wieder über "Heimat" sprechen und doch damit verwechseln. Aber genauso lange, wie mir klar war, dass ich dieses Buch schreiben wollte, genauso lange wehrte ich mich dagegen, und ich wusste nicht, warum. Erst als ich an den Punkt kam, an dem ich dachte, ich würde nie wieder etwas schreiben können, wurde mir bewusst, dass ich, wenn es ein ehrliches Buch werden sollte, auch über mein Aufwachsen als schwules Kind in Mecklenburg-Vorpommern schreiben musste und genau das nicht wollte.

 

Vor ein paar Jahren schenkte meine Schwester mir ein Fotoalbum, das mich zum Weinen brachte. Das erste Foto dieses Albums, digital vergrößert, leicht körnig, zeigte meine Schwester, meinen älteren Bruder und mich. Ich hatte es noch nie gesehen. Ich muss ungefähr drei oder vier gewesen sein. Wahrscheinlich wurde das Bild in einem Winter zu Beginn der achtziger Jahre aufgenommen, an einem alten, aus Wellblech und Holzlatten zusammengezimmerten Hühner- und Entenstall, der nur ein, zwei Jahre später einem sozialistischen Modellspielplatz weichen sollte, umrandet von Pappeln und pflegeleichten Kamtschatka-Rosen. Meine Geschwister, etwa neun und zwölf Jahre alt, stehen hinter mir, beide haben ihre Hände auf meine Schultern gelegt und strahlen in die Kamera. Das Foto wühlte mich so auf, weil es eine Zeit repräsentierte, die ich vergessen hatte. Ich konnte mich nicht mehr an den Parka und die weiten Mini-Schlaghosen erinnern, die ich darauf trug, nicht mehr an die Situation, in der es entstanden war. Aber in die Augen meines Bruders, der schon lange nicht mehr lebt, und in die meiner Schwester zu schauen, auf die Kinder, die wir einmal waren, rüttelte etwas in mir auf, weckte ein verschüttetes Wissen – das Wissen um eine Zeit der Unbeschwertheit und des Beschütztseins, eine Zeit, deren Existenz mir völlig entfallen war. Ebendas war der Grund, warum mir die Tränen kamen: Die Erinnerung an eine Zeit, bevor ich jeden Tag Angst hatte und bevor ein nicht enden wollender Terror Einzug in mein Leben hielt.

In Amerika gibt es das Sprichwort, dass es eines ganzen Dorfes bedürfe, um ein Kind zu erziehen. Es braucht aber auch ein ganzes Dorf, um ein Kind zu misshandeln. Lange wollte ich die Erlebnisse, die ich als Kind machte, im Alter zwischen vier und zwölf Jahren, nur darauf zurückführen, dass ich ein feminin wirkender Junge war, dem man ansehen musste, dass aus ihm später einmal ein schwuler Mann würde. Ich habe sie lange als eine typische Geschichte der Ausgrenzung verstanden, wie sie überall auf der Welt stattfindet, auch heute noch. Und vielleicht war es auch nicht mehr als das. Vielleicht war meine Kindheit auch bloß von dem geprägt, was der britische Psychoanalytiker Adam Phillips in seinem Buch Side Effects einmal als das gewöhnliche "Trauma des Kindseins" beschrieben hat, dem Umstand, dass wir uns alle ein Leben lang davon erholen müssten, einmal Kind gewesen zu sein, weil jede Kindheit mit ihrem hilflosen Ausgesetzt-Sein mehr ist als ein Mensch ertragen kann. Doch innerlich kann ich meine Erlebnisse als Kind nicht von der Gegend, in der ich aufwuchs, und ihrer Menschen trennen. Erst seit kurzem muss ich nicht mehr jeden Tag an sie denken.

Mir ist, als könnte ich bestimmte Bilder und Gesprächsfetzen mit den Händen greifen: einzelne Szenen, in denen ich selbst- vergessen mit dem ausrangierten Spielzeug meiner Schwester spielte, obwohl mir von meinen Eltern nahegelegt worden war, mich doch eher mit den Autos und der Eisenbahn meines Bruders zu beschäftigen, Szenen, in denen meinen Eltern und den Geschwistern erzählte, ich fände es langweilig, ein Junge zu sein, und hätte beschlossen, lieber ein Mädchen zu werden. Ihre Reaktionen changierten lange irgendwo zwischen Überraschung und Amüsement, zwischen einer gewissen Konsterniertheit und Gleichgültigkeit. Mein älterer Bruder und meine Schwester fanden daran zunächst nichts Ungewöhnliches. Und meine Eltern glaubten wahrscheinlich erst einmal, dass das nur eine Phase sei, aus der ich herauswachsen würde, etwas, das irgendwann einfach vorbei sein würde.

Auch wenn meine Eltern es heute nie zugeben würden, auch wenn sie sich im Laufe der Jahre zu den deutlichsten Homorechte-Kämpfern entwickelt haben, die man sich in jenem mecklenburgischen Landstrich vorstellen kann – mein aufflackernde zukünftige Identität muss für sie ein Affront gewesen sein. Wie hätte es auch anders sein sollen? Als ich Anfang der achtziger Jahre in den Kindergarten kam, galt Homosexualität in der DDR – genauso wie in der BRD – noch als Verbrechen. Schwulen Männer galten als psychisch krank, als potentielle Kriminelle und Sexualstraftäter. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis die schwul-lesbische Bewegung solche Vorurteile und die damit verbundenen Gesetze aus dem Weg räumen und zumindest die Mehrheit der westlichen Länder davon überzeugen konnte, dass Schwule, Lesben und Transgender Menschen sind. Die Weltgesundheitsorganisation strich Homosexualität erst 1993 aus ihrer Liste psychischer Störungen.

Als Kind hatte ich lange nur ein verschwommenes Bewusstsein davon, dass das, was ich wollte und was mich im Inneren ausmachte, exotisch war und nicht von der Mehrheit der Menschen um mich herum unterstützt wurde. Ich weiß aber auch noch, dass ich das lange nicht weiter schlimm fand. Erst später, im Kindergarten, änderte sich das radikal. Das Schlimme waren gar nicht so sehr die Direktheit und die Brutalität einiger Kinder, die automatisch auf jedes Anderssein einhauten, das sie bei anderen Kindern wahrnahmen. Vieles davon ließ ich zunächst an mir abprallen, oder ich wehrte mich. Das Schlimme waren die Erzieherinnen, die es sich zur Aufgabe erkoren hatten, mich "normal" zu machen.

Die Macht, die Leute wie sie in der DDR hatten, lässt sich mit der heutigen Situation nur schlecht vergleichen, in der Erzieherinnen regelmäßig an langen Elternabenden Rechenschaft über ihre Arbeit ablegen müssen. In der DDR hingegen waren Kinder eine seltsame Form öffentlichen Eigentums. Sie waren Objekte von Erziehungs- und Umerziehungsfeldzügen, von elaborierten Strafmaßnahmen und kollektiven Indoktrinationsprogrammen. Auch wenn heute einige meiner Bekannten und Freunde vergleichsweise positive und sogar glückliche Erinnerungen an ihre ostdeutsche Kindheit haben: Kinder waren im Allgemeinen Opfer einer staatlichen Planung, die festlegte, wie sie zu sein hatten. Man wollte ihnen vorschreiben, wie sie zu denken und zu sprechen haben, man wollte gewährleisten, dass sie einen vorgesehenen, am Reißbrett entworfenen Platz in der Gesellschaft anstreben, ja dass sie sich eine andere Lebensperspektive nicht einmal in ihrer Phantasie ausmalen. Jede Form von Andersartigkeit war eine Bedrohung für das System.