In der NZZ beklagt Felix Philipp Ingold den Niedergang der Literatur: Heutige Autorinnen und Autoren beherrschen kein Deutsch mehr. Verwechseln dem Akkusativ mit den Dativ (oops!), Schreiben ein Kauderwelsch aus street talk, iPhone-Sprech und hingeschluderter Rede. Die Literaturkritik, von Ingold nur noch als der "Betrieb" bezeichnet, unterstützt den Verfall der literarischen Sitten. Es herrscht allgemeine Rat- und Orientierungslosigkeit.

Hohe Literatur aber braucht einen hohen sprachlichen Ton, um damit eine Differenz zum profanen Sprachgebrauch zu setzen. Solch antiquierte Distinktionsmerkmale erscheinen heute vielen nur noch wie eine Reminiszenz an eine längst verlorene Glanzzeit des literarischen Schreibens. Bei Peter Handke, so könnte man Ingolds Ausführungen um ein Beispiel ergänzen, funktioniert es gerade noch, aber bald wird damit wohl endgültig Schluss sein.

Klaus Kastberger, geboren 1963, ist Juror des Bachmann-Preises, Professor für Neuere deutschsprachige Literatur am Franz-Nabl-Institut der Universität Graz und Leiter des Literaturhauses Graz. © Clara Wildberger

Im Spiegel ruft Martin Doerry zeitgleich und mit genau gegenteiliger Implikation die Krise der Germanistik aus: Dem Massenfach fehlt jegliche gesellschaftliche Relevanz. Professorinnen und Professoren sowie die ihnen gehorsam nacheifernde Jung-Intelligenzija haben sich in einen hohen Schwurbelton verschanzt, den vor der Tür ihrer Seminarräume kein Mensch mehr versteht. Die öffentliche Breitenwirkung von früheren Giganten des Faches (und ich verzichte hier bewusst auf die Namen, die Doerry nennt, weil man über sie durchaus auch anderer Meinung sein kann) erregt heute nur noch eines: hartnäckigen Verdacht. Wer heute so wie die alten Männer des Faches spricht, schließt sich selbst aus den heiligen und wohlbestallten Hallen der akademischen Exzellenz aus und bringt sich um jegliche Karrierechance.

Getrennte Zwillinge

Beide Artikel, die mittlerweile auch schon etwas differenziertere Kommentare hervorgerufen haben, sind von der Zahl der Wörter, die sie auf ihre Sache verwenden, nicht zu knapp geraten, dafür aber in ihrer Argumentation recht pauschal. In meiner Zusammenfassung erscheinen die Anwürfe noch simpler. Das ist gut so, denn gerade darin wird klar, wie sehr die beiden vermeintlichen Krisen zusammenhängen. Es geht um das Verhältnis von Literatur und Germanistik. Wie siamesische Zwillinge, die nach der Geburt getrennt wurden, stehen beide Bereiche heute isoliert in der medialen Landschaft.

To put it germanistisch: Das Narrativ zwischen Literatur und Literaturwissenschaft ist zerbrochen. Lehrende des Faches erleben es in ihrer täglichen Praxis. Wenn man in einem einführenden Proseminar die Anwesenden fragt, warum sie überhaupt da sind, bekommt man selten Begeisterungsbekundung für Literatur zu hören. Dutzende andere Gründe werden genannt, manche auch verborgen: Lehrer werden, Probleme diskutieren, besser Deutsch lernen, leicht zu einem universitären Abschluss kommen. Begeisterung für Literatur wird heute oft erst während des Studiums geweckt, oft gar nicht. 

Neue Anforderungen

Die Germanistik braucht sich darüber nicht zu wundern. In den letzten Jahrzehnten hat sie sich selbst von der Literatur verabschiedet. Die hohen literarischen Töne des alten Goethe erschienen ihr oft weniger attraktiv als das neue Video von Robbie Williams und die neue Unübersichtlichkeit der neuesten deutschsprachigen Literatur zu komplex, um sich auf diesem weiten Feld auch noch selbst zu positionieren. Zudem hat die Germanistik Anforderungen und Aufgaben dazugewonnen, von denen die alten Kempen des Faches noch nicht einmal wussten, dass sie und die damit verbundenen Forschungsparadigmen überhaupt einmal existieren würden.

Der Fachbereich "Deutsch als Zweit- und Fremdsprache" beispielsweise ist in den letzten Jahren an den Universitäten stark angewachsen und agiert ­– fern von Literatur – vor dem Hintergrund eines ganz anderen und nicht weniger gesellschaftsrelevanten Auftrages. Die Fachdidaktik (ebenfalls stark ausgebaut) zerstückelt Texte und steckt die isolierten Teile in Zusammenhänge, die ihr bedeutsamer erscheinen als der Zusammenhang des literarischen Werkes. Auch eine Gegenbewegung gibt es innerhalb des Fachbereiches mittlerweile. Aber dieses Bekenntnis zum "Ganztext" reicht oft nur soweit, als dafür im Unterricht Zeit bleibt. So gibt man sich meist doch mit Teiltexten zufrieden: Der Zauberlehrling, vorletzte Strophe. Der Mann ohne Eigenschaften, Kapitel 8.

Die gesellschaftliche Relevanz von Literatur und Germanistik

Der Sprachwissenschaft sind die Schwurbeleien der literaturwissenschaftlichen Kollegenschaft seit jeher suspekt. Auch die Pioniere der Digital Humanities bezweifeln die alten hermeneutischen Methoden der Lektüre und haben die eigenen längst auf Empirie umgestellt. Schließlich die Literaturwissenschaft selbst: Gerade auch sie hat, animiert von diversen turns der letzten Jahrzehnte, aus Literatur heraus oft lieber Wege zu Schatten, Schwarmintelligenzen und anderen kulturellen Bedeutsamkeiten genommen und sich wenig bis gar nicht mit den ästhetischen Eigenarten literarischer Werke beschäftigt.

So hat das Fach in einem seiner zentralen Kernbereiche, der Interpretation von Literatur und der Vermittlung dieses Wissens an die Gesellschaft, stark an Kompetenz verloren. Hervorragende Vertreter jener "alten" Germanistik waren und sind (und das vergisst der Spiegel) auch außerhalb der Bundesrepublik und dort gar noch ein Stück weit länger zu finden. Der 2008 viel zu früh verstorbene Wendelin Schmidt-Dengler beispielsweise oder die mittlerweile emeritierten Professoren Peter von Matt oder Claudio Magris vermitteln in ihren Arbeiten glaubhaft, dass sowohl die Literatur als auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr unmittelbare gesellschaftliche Relevanz hat.

Von Zukunftssorgen befreit

Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass alle drei Genannten ihre spezifischen Aktivitäten an der Peripherie (Wien, Zürich und Triest) und eben nicht in den Ballungsräumen der bundesdeutschen Germanistik entwickeln konnten. Hätte ihre Begeisterung, ihre Verve, ihr didaktisches Vermögen und die Art und Weise, in der sie Persönlichkeit über das Korsett der Methode stellen, in der heutigen Hochschulgermanistik mehr Nachfolge gefunden, würde allein schon das reichen, um Felix Philipp Ingold von seinen Sorgen um die Zukunft der Literatur zu befreien.

Eine Germanistik, die von einer solchen Energie für die Literatur beseelt ist, möchte man sich wünschen. Eine Germanistik, die in Zeiten der Krise nicht sofort in völlig unangemessene Norm- und Regelpoetiken verfiele und damit auch der Literaturkritik Vorgaben liefern könnte. Eine Germanistik, die kraftvoll behauptet, dass ihr weder um die Zukunft der Literatur noch um die Zukunft des eigenen Faches bange ist, weil dieses Fach zu formulieren weiß, warum die Gesellschaft Literatur braucht.

Trippeln mit den Unterschenkeln

Hören wir doch endlich mit dem apokalyptischen Totentanz um die Literatur auf. Eine so lebendige und heterogene Szene des Schreibens wie heute hat es in der Geschichte der deutschsprachigen Literatur niemals zuvor gegeben. Meist wird der Tanz des Untergangs auch nur von denen aufgeführt, die in den Institutionen der Literatur an den sichersten Positionen sitzen, ein Trippeln allein mit Unterschenkeln.

Die Literatur aber, liebe Freunde des gedruckten Buches und des digitalen Wortes, wird es immer geben, notfalls auch ohne Literaturwissenschaft. Spannend für die Germanistik bleibt die Frage, ob es das Fach schafft, in der Literatur weiterhin seinen Gegenstandsbereich zu definieren. Ein erster Schritt dahin wäre es, den Ansturm der Gegenwart auf die Literatur der Gegenwart nicht als Bedrohung zu empfinden, sondern ihn als notwendige Ingredienz der literarischen Entwicklung zu verstehen.