Ein zentraler Moment in Alfred Hitchcocks Das Fenster zum Hof ist jener, in dem der vermeintliche Mörder, den Jeff von seinem Fenster aus beobachtet, unerwartet zurückblickt. Dieser Blick durchbricht die vierte Wand zwischen Zuschauern und Darstellenden und enttarnt damit nicht nur Jeff, sondern auch uns als Voyeure. Jäh überführt er uns unserer passiven Mittäterschaft, unserer sadistischen Hoffnungen auf ein "echtes" Verbrechen.

Die namenlose Ich-Erzählerin in Katie Kitamuras drittem Roman Trennung verbringt ihre Tage zwar nicht mit einem Fernglas am Fenster, doch mimt auch sie am liebsten die unsichtbare Beobachterin, die sich ihren ausufernden und bisweilen ziemlich morbiden Fantasien hingibt.

In einer Schlüsselszene des Buches sitzt sie in der Lobby eines fast leeren Hotels an der Südspitze Griechenlands und belauscht mehrere Seiten lang einen auf Griechisch geführten Streit zwischen der Hotelangestellten Maria und dem Taxifahrer Stefano. Minutiös protokolliert sie Gestik, Mienenspiel und Stimmlage und denkt sich, wie bei einem Film ohne Ton, eine komplexe Geschichte unerwiderter Liebe dazu aus, die dem Leser am Ende völlig plausibel, ja zwingend erscheint. Irgendwann fängt Maria so plötzlich ihren Blick, als hätte sie die ganze Zeit gewusst, dass sie beobachtet wird. Die Zuschauerin fühlt sich ertappt, und mit ihr der Leser. Zugleich stellt sich die Frage, ob das, was sie gesehen hat, ein objektiver Ausschnitt der Wirklichkeit war, oder vielmehr eine für sie bestimmte Inszenierung.

Notorisches Fremdgehen

Projektion und Realität, Maskerade und Authentizität, Schweigen und Verrat – unaufdringlich, ja beinahe en passant erzählt Kitamura diese großen Themen anhand ihrer fast schon novellenhaft reduzierten Geschichte eines getrennten Paares.

Bereits am Anfang der Reise steht eine jener kleinen Lügen, die man im Englischen white lies nennt, vielmehr: die Vorenthaltung einer Information, die zunächst nichtig erscheint. Auf das inständige Drängen ihrer Schwiegermutter hin fliegt die Ich-Erzählerin nach Griechenland, um ihren verschwundenen Ehemann Christopher zu suchen. Dass sie bereits seit einem halben Jahr getrennt sind, weiß Christophers Mutter nicht.

Besonders sympathisch wirkt dieser Ehemann in absentia nicht gerade: ein attraktiver, wohlhabender Schriftsteller, der besessen ist von der Anerkennung anderer, insbesondere jüngerer Frauen. "Unsere Ehe wurde durch das geformt, was Christopher wusste und ich nicht", fasst die Erzählerin sein notorisches Fremdgehen lakonisch zusammen. Auch er scheint ein Meister der Maskerade zu sein: Allzu gezielt weiß er seinen Charme einzusetzen, hat sogar im Lauf der Zeit eine Reihe von Gesten und Mienen perfektioniert, die er für besonders anziehend hält. 

Losgelöst von Emotionen

Angeblich recherchiert er in Griechenland für ein Buch über Trauerrituale, doch in Wahrheit ist er wohl eher auf der Suche nach Bettgeschichten. All dies beschreibt die Erzählerin nüchtern, bisweilen mit leisem Spott, doch gänzlich ohne Hass. Tatsächlich scheint sie mit diesem Mann abgeschlossen zu haben. Sie will ihn um die Scheidung bitten, so ihr Vorhaben, als sie ins Flugzeug steigt – doch als sie in Griechenland ankommt, rückt diese Intention in immer weitere Ferne. Die anfängliche Lüge gewinnt an Raum, während die Ich-Erzählerin mehr und mehr mit ihrer Rolle der liebenden Ehefrau verschmilzt, die sie ihrer Umgebung vorspielt.

Christopher, wird ihr gesagt, sei auf unbestimmte Zeit verreist. Sein Hotelzimmer hat er behalten; darin herrscht ein Chaos, das auf einen überstürzten Aufbruch hindeutet. Die Leerstellen und unguten Vorboten spiegeln sich in der kargen Landschaft am südlichen Zipfel Griechenlands: Waldbrände haben die Natur verkohlt und unwirtlich zurückgelassen; über dem verarmten Landesinneren hängt ein modriger Geruch. Meuten streunender Hunde, Reminiszenzen an die Todeswächter der griechischen Mythologie begleiten die Erzählerin auf ihren Streifzügen. All das beschreibt Kitamura jedoch nicht im aufgewühlten Stil einer romantischen Übertragung innerer Zustände auf die Außenwelt, sondern klinisch und kühl, losgelöst von jeglichen Emotionen.