Wer heute Aufmerksamkeit auf sich lenken will, der lügt am besten, dass sich die Balken biegen. Grüne Politikerinnen treten plötzlich für eine Fürsorgepflicht gegenüber Vergewaltigern ein, wilde Flüchtlinge kochen neuerdings deutsche Schwäne und der Papst soll Trump seinen Segen gegeben haben – eine schöne, neue Welt wird in der Gerüchteküche produziert. Münchhausen hätte sich bestens zurechtgefunden in unserem sogenannten postfaktischen Zeitalter.

Was manch einen noch zum Schmunzeln veranlasst, stellt derweil die demokratische Öffentlichkeit und die Glaubwürdigkeit der Medien auf eine harte Bewährungsprobe. Wie kann Meinungsbildung noch richtig stattfinden, wenn schon die nötige Informationsbasis nicht mehr gewiss ist? Welche Folgen entstehen, wenn Falschmeldungen das Wahlverhalten der Menschen beeinflussen?

Gesellschaftspolitisch scheinen die Auswirkungen fatal. Und für die Literatur? Für sie, die uns so gern in fiktive Universen verschleppt, müsste diese Gegenwart doch ein perfekter Nährboden sein. Durchaus, denn wie der grandiose Roman Lass mich nicht allein mir ihr des Wiener Popautors Tex Rubinowitz  vermuten lässt, könnten wir bald schon eine regelrechte Renaissance des unzuverlässigen Erzählens erleben. Sich auf Rubinowitz' Parlando einzulassen, heißt, nicht zu viel für bare Münze zu nehmen. Es siege die Unsicherheit, das Nebulöse, die Erfindung! 

Sammelsurium als Kern des Werks

Obgleich sich der Ich-Erzähler selbst als Tex Rubinowitz vorstellt und biografische Parallelen nicht zu leugnen sind, werden wir mehr und mehr hinters Licht geführt. Am Anfang herrscht Katerstimmung, weil sich der Protagonist in einer fundamentalen Schreibkrise befindet. Was könnte der Stoff für ein neues Buch sein? Ein gefundener Schädel im Wald? Zumindest ließe sich daraus eine erstklassige Medical Detectives-Geschichte stricken, über die der Schriftsteller so gern erzählt – neben Abschweifungen zu ABBA, Almodóvar-Filmen und der Entwicklung einer Apfelphilosophie. 

Vielleicht darf es aber auch eine Liebesepisode mit der Schauspielerin Anja Kruse sein? Oder doch eher die Erzählung des Schicksals eines Arbeitskollegen, der sich beim Masturbieren selbst strangulierte und zuvor heimlich wie ein Agent Informationen über den Autor Tex Rubinowitz zusammentrug? Das alles, was als Sammelsurium den Kern des Werks ausmacht, klingt recht abstrus. Ist es auch. Bald scheint noch nicht einmal mehr klar, wer da überhaupt erzählt. Je mehr wir über jenen Kollegen, mit dem der Autor bei einem Filmverleiher gearbeitet haben soll, erfahren, desto mehr drängt sich der Verdacht auf, dass es in manchen Passage nicht Rubinowitz ist, der schreibt, sondern ebenjener Abdul.

Ordnung im vermeintlichen Chaos

Doppelte Böden, metafiktionale Arrangements, ein permanentes Gleiten zwischen wahr und falsch kennzeichnen dieses intelligente Verführungs- und Verwirrspiel, das raffiniert das romantische Doppelgängermotiv und die faustischen zwei Seelen in einer Brust aktualisiert. Das Unbewusste des sich selbst auf die Schippe nehmenden Autors schafft sich Raum und bringt unser Wirklichkeitsempfinden ins Wanken. Zurück bleibt ein "Haufen Weinerlichkeit", ein Rubinowitz in der Krise: "Die Ratlosigkeit wird unsterblich, oder weniger pathetisch: wird zu einem Gelee, in dem ich eingeschlossen bin, immer unbeweglicher und immer sehnsuchtsloser. Weshalb nicht ich, sondern etwas in mir Dinge macht, über die ich mich wundere."

Tatsächlich? Gibt es nicht doch eine Ordnung im vermeintlichen Chaos? Immerhin erklärt der Ich-Erzähler in verschiedenen Passagen die Konstruktion seines bewusst überkonstruierten Werks selbst, spricht von einer "Summe aus disparaten und autarken Teilen" oder zeichnet Gespräche mit seinem Lektor nach. Was sich dann doch klar nach Fakten und einem hellsichtigen Geist anhört, erweist sich auf den zweiten Blick oftmals wiederum als Unsinn. So ist die Rede von seinem letzten Buch "Virna", das allerdings tatsächlich Irma hieß, oder von einer Reise an den Genfer See, an dem Rubinowitz nie war. Auch dass er, wie behauptet, kaum auf Facebook präsent sei, kann man nicht bestätigen. Das Gegenteil ist der Fall: Fast stündlich trifft man dort auf sein verschlafenes Profilbild.

Annäherung an das große Wort "Wahrheit"

Indem Rubinowitz Erfundenes und Wirkliches vermischt, kreiert er einen spannenden Privatheitsmythos und führt uns zugleich das Funktionieren einer Fake-Kultur vor Augen. Er versetzt uns in die Selbstbeobachtung. Sobald wir beginnen, seine Pinocchio-Manier anzuzweifeln, wird uns klar, wie einfach wir zu manipulieren sind.

Zwar würde es der Schriftsteller selbst wohl ablehnen, von Lass mich nicht allein mit ihr als einem aufklärerischen Buch zu sprechen. Doch das ist es. Genauso wie etwa Wolf Kampmanns Gustav (2014), in dem ein ebenfalls unzuverlässiger Erzähler den historischen Verlauf der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts völlig entstellt. Genauso wie der Klassiker Lolita von Vladimir Nabokov über einen Intellektuellen, dessen gepflegte Erzählweise nur die Abgründe seiner sexuellen Perversion verschleiert. Es sind Werke, die sich selbst entlarven und den Leser zur Wachsamkeit aufrufen. Der Witz darf dabei nicht fehlen. Peter Michalziks kabarettistisches Diskursdrama Spiel ohne Grenzen, großartig uraufgeführt am Nationaltheater Mannheim, etwa überführt das Setting des Fake-Infotainment in eine gleißend-satirische Quizshow. Was es über die Flüchtlingskrise noch glauben soll oder nicht – irgendwann weiß das Publikum es einfach nicht mehr.

Lachen geht immer

Mittlerweile vermögen viele Falsches von Richtigem zu trennen, andere gehen nach wie vor Demagogen auf den Leim. "Hassen ist das Hartgeld des Artikulationsprekariats" ist eines der ebenso provokativen wie deftigen Bilder von Rubinowitz, das insbesondere den Zorn von Abgehängten und Modernisierungsverlierern in den sozialen Netzwerken verdeutlicht. Ihre Affinität für Weltverschwörungstheorien hat das Potenzial zur Spaltung. 

Wo weder Politiker noch die Medien die derzeit erhitzten und in Teilen verblendeten Gemüter zusammenbringen, bleibt die Frage, ob Literatur diesbezüglich mehr erreichen kann. Ehrlicherweise muss man wohl zugeben: wahrscheinlich nicht. Ein Rubinowitz dürfte trotz der überragenden Könnerschaft, die seinen Roman auszeichnet, kein Massenmagnet sein. Gleichwohl liefert er eine Chance zur Verständigung und vielleicht auch zur Annäherung an das große Wort "Wahrheit". Indem er alle Register des absurden Humors zieht, schafft er etwas Verbindendes. Lachen funktioniert bekanntermaßen immer.

Doch geht diese Annäherung zugleich mit einem Riss oder einem Bruch einher, zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte, zwischen Realität und Schein. So gelangt das Echte und Authentische, das Unverstellte, gerade in seiner entstelltesten Form zur Blüte. Ist Tex Rubinowitz am Ende vielleicht doch einfach nur Abdul? Ein obsessiver Anja-Kruse-Stalker? Und schnüffelt Daniel Kehlmann, wie man uns in diesem Roman weismachen will, tatsächlich gern an Persil-Waschpulver? Wissen tun wir es nicht. Aber der Zweifel versteht sich schon als der Anfang einer jeden Suche nach dem Guten und Wahren.

Tex Rubinowitz: Lass mich nicht allein mit ihr. Rowohlt. 288 Seiten, 19,95 Euro.