Wenn man in der Spex oder der taz einen klugen Text zu popkulturellen Themen liest, bei dem Schnoddrigkeit und Geistesblitz Hand in Hand gehen, dann stammt er meistens von Fatma Aydemir. Die 1986 in Karlsruhe geborene Journalistin leitet seit Kurzem das zweisprachige Onlineprojekt taz.gazete, vorher hat sie allerdings noch Zeit für ihr Romandebüt gefunden.

Ellbogen, so der Titel, ist eine transkulturelle Coming-of-Age-Geschichte, in der es ordentlich auf die Fresse gibt. Hazal, die Erzählerin des Romans, kommt schließlich aus dem Wedding, wo es bekanntlich nicht sonderlich zimperlich zugeht. Tagsüber sitzt sie in einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme, wie es in feinstem Bürokratendeutsch heißt, und schreibt aussichtslose Bewerbungen am Fließband, bevor es zu einem Aushilfsjob in der Bäckerei ihres Onkels geht. Abends steckt Hazal unter der Glocke ihres lieblosen, traditionellen Elternhauses, in dem Mädchen zu gehorchen haben und Erdoğan abgöttisch verehrt wird. Sie weiß sich damit einzurichten: "Es geht nur darum, den anderen überzeugende Lügen zu erzählen und sich nicht erwischen zu lassen. So funktioniert Familie. Immer sachlich bleiben."

Hazals einziger Lichtblick sind die nächtlichen Skype-Sessions mit Mehmet, einem Deutschtürken, der wegen seiner prallen Strafakte abgeschoben wurde und sich nun in Istanbul durchschlägt. Hazal ist ein bisschen verknallt in Mehmet, noch mehr aber in ihre Idee von Istanbul, das sie nur "aus dem Fenster des Busses, der uns jeden zweiten Sommer vom Flughafen in unsere stinklangweiligen Käffer kutschiert", kennt.   

Unerwarteter Totschlag

Die Mise en Scène des Romans geht mit einer ordentlichen Portion Milieu einher, was sich natürlich auch sprachlich niederschlägt: Hier mal ein "Spasti", da mal ein "Opfer", und "Kartoffeln", wohin man schaut, wobei Letzteres schon wieder ganz charmant ist. Kurzum: Die Milieuschilderung trägt in etwa so dick auf wie Hazals Freundin Elma Make-up über ihre Aknenarben.

Allerdings befreit sich Ellbogen just in dem Moment aus der sozialen Enge, als die Mädchen einmal zum Feiern ausbüxen. Aufgebrezelt und angesäuselt scheitern sie an der Berghain-Tür, die hier ironischerweise eine semantische Überhöhung als Tür in die kartoffeldeutsche Gesellschaft erfährt. Diese eine Zurückweisung zu viel kulminiert in einer Gewaltorgie, an deren Ende die Mädchen einen Studenten vor die U-Bahn schubsen. Ein Totschlag, der ziemlich unerwartet in den Plot einbricht. Man fragt sich bei der Lektüre wirklich, wo ein solcher Ausbruch herkommt, schließlich hat man Hazal über hundert Seiten als aufgeweckte und einigermaßen reflektierte Person kennengelernt.  

Postmigrantische Identitätsbefindlichkeiten

Schauplatz des zweiten Teils von Ellbogen ist Istanbul, wohin Hazal nach der Tat flieht. Zu Mehmet, den sie außerhalb ihrer Skype-Konferenzen noch nie getroffen hat. Plötzlich fängt es an Spaß zu machen, diesem verlorenen Mädchen durch die Stadt zu folgen, die sie sich immer als das Paradies auf Erden ausgemalt hat. Dann aber stinkt es in den Parks nach Scheiße, der Müll wird nicht abgeholt und bettelnde Kinder ziehen Schnupftabak. Was lange als wärmender Gegenentwurf zur kalten teutonischen Lebensart herhalten musste, entpuppt sich plötzlich als ziemlich raues Pflaster. Erst recht für junge Frauen, deren Türkisch dann auch noch schlecht ist. Indem Aydemir eine Blindgängerin wie Hazal in die jetzige Türkei verpflanzt, gelingt ihr allerdings überzeugend, das regressive gesellschaftliche und politische Klima dort einzufangen.

So schön es auch zuweilen ist, diese diffuse Gemengelage durch das feingestellte Sensorium einer jungen Deutschtürkin zu erfahren, zur Gänze geht einfach nicht auf, was die Autorin hier zusammenbringt. Das Wissen um Hazals Verbrechen macht einigermaßen unmöglich, sich auf ihre postmigrantischen Identitätsbefindlichkeiten einzulassen. Wobei Aydemir dankenswerterweise die erzählerisch langweiligste Lösung einer melodramatischen Läuterung auslässt. Und selbst wenn der Roman in der Nacht des gescheiterten Putsches aus dem Juli letzten Jahres endet, wird Ellbogen nicht einmal annähernd ein politischer Entwicklungsroman. Dafür ist Hazal zu schlicht angelegt. Vielleicht krankt der Roman aber auch einfach nur an seiner Struktur, die letztlich vollkommen auf dem missglückten Totschlag im U-Bahnhof aufsitzt. Von da an nämlich liest sich das Buch mit einigem Gewinn, was nur Gutes heißen kann für Aydemirs nächsten Roman.

Fatma Aydemir: Ellbogen. Carl Hanser Verlag, München 2017. 272 S., 20,- €.