Wie wir lieben lautet der Titel eines im Februar erschienenen Essays. Der Autor: Friedemann Karig, geboren: 1982, Beruf: irgendwas mit großen Medien. Und um gleich mal klarzustellen, welche Stoßrichtung Wie wir lieben einschlägt, hat er seinem Sachbuchdebüt den Untertitel Vom Ende der Monogamie gegeben.

Das klingt erst einmal groß. Aber war Monogamie denn jemals wirklich hip? War es nicht im Gegenteil spätestens seit, sagen wir, der Erfindung der Antibabypille relativ en vogue, monogame Dogmen abzulehnen? Sang Joni Mitchell nicht schon 1968 "There's a drummer and a dreamer / And you know there may be more"? War es Rio Reiser nicht 1986 schon "egal, wo du heut pennst"? War bei Belle and Sebastian auch 1996 alles halb so wild, "'cause we're seeing other people"? Und forderte Peaches nicht zehn Jahre später "two guys for every girl"?

Die breite Masse hat diese Haltung jenseits von popkultureller Rezeption nie erreicht. Neu ist es dennoch nicht, dieses – ja, was denn? Dem Gegenstück zur Monogamie fehle noch das Vokabular, schreibt Karig. "Freie Liebe", "wilde Ehe", "Polygamie", das führe eher in die Gedankenwelt von "Swinger-Läden, Hippie-Camps, zu den vergilbten Teetassen ewig notgeiler Alt-68er". Stimmt. Und deshalb habe er ein Buch geschrieben, das von der Liebe erzählt, "die mehr will", eine Annäherung ohne programmatische Schlagworte, und, das betont er, kein Handbuch.

Monogamie, das erfahren wir im Prolog, sei ein "Desaster": Zerbrochene Familien, alleinerziehende Eltern, das Dasein von Scheidungskindern, die Einsamkeit urbaner Singles, all das sei dem monogamen Alltag zu verschulden, der aus "lügen, betrügen, verletzen, verlassen" bestünde. Da mag was dran sein. Doch der direkte Zusammenhang zwischen der Entscheidung für sexuelle Exklusivität und dem Single-Scheidungs-Großstadt-Übel scheint ein wenig herbeigezaubert.

Die ersten beiden Kapitel kreisen, irgendwie nahe liegend, erst einmal um Sex, "in letzter Zeit" und "damals". Es geht um die prähistorischen Jäger und Sammler, um das Prinzip der kollektiven Elternschaft innerhalb promiskuitiver Horden, um männliche und um weibliche Sexualität in ihrer, hm, Ursprünglichkeit. So erfahren wir unter der Überschrift Sex in der Höhle, dass nicht nur langes Sitzen, sondern auch monogames Verhalten nicht unserer Anatomie entspräche: Der "Hindernisparcours", den das Spermium überwinden müsse, um in den Körper der Frau zu gelangen, diese "interne Selektion" also, genannt "Spermienkonkurrenz", sei ein Indiz für unsere Bestimmung zur Polygamie. Auch die Größe der männlichen Hoden sei als ein solches zu verstehen: "Hat eine Spezies also richtig dicke Eier, kann man davon ausgehen, dass die Männchen häufige Ejakulationen haben und die Weibchen in der Gegend herumschlafen."

Romantisch bis zum Äußersten

Nicht nur der "Männchen und Weibchen"-Kosmos ist irritierend, Karigs Argumentation ist es ebenso. Seine Entfremdungsrhetorik, nach der das Individuum seinen eigentlichen, authentischen, amourösen Wesenskern wiederfinden müsse, mutet reaktionär romantisch an. Auf wie viele Bereiche unseres alltäglichen Daseins ließe sich die Sehnsucht nach einem Urzustand anwenden? Warum schreibt nicht mal jemand ein Buch darüber, dass es dem menschlichen Zusammenleben viel zuträglicher wäre, in Urlauten zu kommunizieren?

Friedemann Karig möchte auch Kritik loswerden. Die weibliche Sexualität sei viel zu stark durch einen phallozentrisch, sei es darwinistisch oder freudianisch, geführten Diskurs geprägt, bemängelt er – um sich eine halbe Seite später selbst über die "höhere 'erotische Flexibilität'", die Frauen "quer durch alle Spezies" gemein sei, auszulassen. Er könne dabei geradezu neidisch werden: Im Vergleich mit der weiblichen Sexualität schneide die männliche ab wie "ein hölzernes Boot gegen ein Hovercraftboot. Wie ein Bleistift gegen ein Smartphone. Wie Blümchen gegen Beyoncé. Sie verstehen schon." Man versteht eben nicht. Oder höchstens, dass hier jemand Gefallen an der Sloterdijk'schen Überhöhung weiblicher Sexualität gefunden hat. Die im Verlauf des Buches in ihr Gegenteil umschlägt, wenn von Sexarbeiterinnen als "Huren" und von männlichem Ejakulat als "menschliches" die Rede ist.