"He" nennt Sarah Glidden ihn bloß, "er". Und ohne dass sein Name auch nur ein einziges Mal fällt in diesem Interview, ist klar, um wen es geht, wer "He" ist, wenn eine US-amerikanische Comicjournalistin derzeit über Herausforderungen journalistischer Arbeit spricht. Auf einem der Bücherstapel, die das Büro ihres Berliner Verlags füllen, liegt ein Band von Hannah Arendt. Sie könne sich gar nicht erklären, warum das gerade alle lesen, scherzt Sarah Glidden, eine wache, etwas nervöse Frau Mitte dreißig. Gerade noch hat ihr Verleger von Adornos Studie The Authoritarian Personality berichtet, sie hat zu ihrem Ringblock gegriffen und sich den Titel in eiligen Großbuchstaben notiert: "He" steht im Raum, namenlos, aber präsent.

Man schämt sich fast, ihr diese Fragen zu stellen, nach den Fake-News, dem Vertrauensverlust in Presse und Medien. Denn eigentlich ist Sarah Glidden nicht nach Deutschland gereist, um als US-amerikanische Botschafterin zu sprechen. Im vergangenen Herbst ist ihre Graphic Novel Im Schatten des Krieges erschienen – wobei, Graphic Novel, das trifft es nicht ganz. Zwei Monate lang hat Glidden zwei befreundete Journalisten 2010 bei einer Recherchereise durch den Irak, Syrien und die Türkei begleitet und ihre Erlebnisse in einem 300 Seiten dicken Buch zusammengefasst, das man vielleicht als autobiografische Comic-Reisereportage bezeichnen könnte.

Zwei Fragen stehen im Zentrum ihres Berichts: Welche Folgen hat die Invasion des US-amerikanischen Militärs im Jahr 2003 in dieser Gegend hinterlassen? Und wie funktioniert Journalismus, genauer: diese spezifische Form der Reisereportage? Als außenstehende Beobachterin verfolgt sie so die Arbeit ihrer beiden Freunde, hakt nach, verfolgt die Interviews, die sie mit geflüchteten Irakern führen. Bemüht darum, einen USA-kritischeren Einblick zu liefern als die"embedded journalists" während des Irak-Kriegs, ist die Gruppe stets auf der Suche nach Menschen, die bislang wenig zu Wort kamen. 

Ein folgenreiches Verbrechen

Für Konfliktpotenzial während der Reise sorgt die Begleitung eines Ex-Marines, der nach seinem Einsatz im Irak-Krieg erstmals in die Nahost-Nationen zurückkehrt. Er möchte mit Irakern ins Gespräch kommen, hält jedoch zunächst an seiner positiven Haltung zum Irak-Krieg fest ("Ich erinnere mich hauptsächlich an Lachanfälle und eine gute Zeit mit Freunden."). In der vierköpfigen Reisegruppe steht er damit allein da. Für Sarah und ihre beiden Freunde bestätigt sich mit jedem Tag der Reise, dass der Einsatz der amerikanischen Truppen ein folgenreiches Verbrechen gewesen ist.

Ein wenig naiv gestaltet sich Gliddens Erzählhaltung zunächst ("Mühsames Geschäft, aber hey, das ist Journalismus!"), doch vielleicht ist dieser Eindruck auch ein wenig der Übersetzung verschuldet ("Zur Recherche wenden sich Journalisten oft an Leute, die in dem entsprechenden Bereich tätig sind. Wegen einem sogenannten Expertengespräch."). So haben ihre Beobachtungen an mancher Stelle den Erkenntniswert eines Kinderbuchs. Lässt man sich jedoch auf diesen manchmal etwas lapidaren Singsang ein, mit dem sie das Vorgehen ihrer Freunde kommentiert, kann er sich bei zunehmender Komplexität durchaus als hilfreich erweisen: Nach 300 Seiten hat man den Eindruck, einen ausgiebigen, angenehm nicht-westlichen Blick auf den Irak-Krieg gewonnen zu haben.

Immer im Bild: Der blonde Schopf, den Sarah Glidden ihrem Alter Ego verpasst © Reprodukt


"I think that comics can trick people into reading things", sagt Sarah Glidden. Comics seien eine Möglichkeit, Menschen, die sich vom Weltgeschehen lieber fernhalten, die der depressing news müde seien, dazu zu bringen, sich mit Themen wie Flucht und Migration auseinanderzusetzen. Dass sie mit Fiktion, Kindheit und weniger komplexer Unterhaltung assoziiert seien, könne so zum Vorteil werden: Hätte Art Spiegelman die Geschichte seines Vaters im Holocaust in Prosaform verfasst, wäre Maus – Die Geschichte eines Überlebenden also nicht als Comic erschienen – wie viele Menschen hätten diese Aufzeichnungen gelesen? Sarah Glidden legt eine Pause ein.