Die kleinen Apartments gleichen sich in ihrer Ödnis verströmenden, sterilen Möblierung, von der Glasauflage auf dem Schreibtisch bis zur Anzahl der Herdplatten in der Kochnische. Doch während in ihrem Zimmer Stille und Leere herrschen, beobachtet die Ich-Erzählerin Annika gegenüber reges Treiben, hört Lachen und Musik. "Ich war immer allein, sie nie", stellt sie gleich zu Beginn von Kristina Pfisters Roman Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten fest. Und ergänzt wenig später: "Ich betrachtete sie, als wäre sie die Hauptfigur in einem Film, in dem ich nur eine Statistenrolle ergattert hatte." Annika kennt "sie" bis dahin nur aus der Ferne, doch kurz darauf steht "sie" vor ihrer Tür: Marie-Louise.

Die Begegnung ist der Motor für das weitere Geschehen, das sich im Debütroman der 1987 geborenen Kristina Pfister entspinnt. Annika und Marie-Louise sind beide knapp Mitte zwanzig; und der Film, um den es hier geht, ist das Leben. Annika, die einen Bachelor in Kulturwissenschaften hat, erscheint ihr eigenes als ein trostloser Streifen in schwarz-weiß. Sie hangelt sich von einem schlecht bezahlten Praktikum zum nächsten, zieht dafür von einer Stadt in die andere. Von der Sinnlosigkeit der Tätigkeiten, die dort gefragt sind, ist sie so überzeugt wie sie sich der vermeintlichen Notwendigkeit dieses prekären Nomadentums nicht verweigern kann. Bis sie Marie-Louise trifft.

Deren Leben scheint der ersehnte Gegensatz zu sein, der Film in bunten Farben, voller verheißungsvoller Bilder. Am Ende ihres ersten Aufeinandertreffens sind beider Aussichten allerdings recht vernebelt. Rauchend und betrunken sitzen sie auf dem Dach des trostlosen Apartmentbungalows. Marie-Louise will am nächsten Tag nach London reisen, ohne festen Plan. Gucken, was geht, sich einen Job suchen. Plötzlich springt Annika – wohl vom Impuls getrieben, etwas Irrationales und Unvernünftiges zu tun – in die Tiefe. Der Schmerz im linken Knie wird sie in der kommenden Zeit an Marie-Louise erinnern.

Selbstzweifel als stärkste Kraft

Die Begegnung führt zu einer Veränderung in Annikas Leben, zu einer Verweigerung, die zunächst alles andere als eine aufsteigende Kurve anzeigt. Wie einer "dieser fetten Blauwale, die überall in Neuseeland an den Stränden lagen und langsam verreckten", fühlt sie sich, als sie zurück zu ihrer Mutter geht, in jene Kleinstadt, aus der zufälligerweise auch Marie-Louise stammt. Dort versinkt sie tagelang im Bett, hockt vor Zombie-Computerspielen. Denkt an Marie-Louise. Fühlt dem Trägen, dem Mutlosen in ihrem Magen nach, schwer wie ein Stein, der "mich am Boden hielt".

Die Pubertät liegt schon eine Weile zurück, die mögliche Midlife-Crisis noch in weiter Ferne. Pfister erzählt von der Haltlosigkeit, von einer Krise dazwischen. Wie wäre die zu benennen? Viele offene Fragen, vieles ist erst am Anfang von etwas – die Zuversicht aber, die gerade im Ungefähren des Möglichen liegen kann, fliegt Annika nicht an. Der Selbstzweifel ist die stärkste Kraft. Dicht gefolgt vom Bezweifeln dessen, was gemeinhin als sinnvoll  und erstrebenswert erachtet wird.

Der Druck ist größer geworden

Annika ist eine empfindsame Person, sie kann und sie will sich nicht (mehr) anpassen. Und das ist in Zeiten von durchmodularisierten Bachelor- und Masterstudiengängen, von als selbstverständlich erachteten Auslandsaufenthalten und ebenso selbstverständlich erwarteten lückenlosen Lebensläufen ein noch größeres Problem geworden. Das Studium als eine Phase umfassender Persönlichkeitsbildung? Schnee von vorgestern. Der Druck ist größer geworden und er setzt früher ein.

"Wieso hast du nichts vorzuweisen, was normale Menschen in deinem Alter vorzuweisen haben? (...) Du bist ja jetzt auch nicht mehr die Jüngste", muss sich denn auch die 24-jährige Marie-Louise von einem etwa Gleichaltrigen anhören. Da haben sich die beiden jungen Frauen schon wiedergetroffen. Marie-Louises Trip nach London war ein Reinfall, die anschließende Reise nach Portugal aber toll. Jetzt ist sie wieder da, ihre Uroma liegt im Sterben.