Es gehört zu den Kuriositäten der heutigen Mediengesellschaft, dass die Seelenlagen von Politikern in ähnlicher Dringlichkeit besprochen werden wie ihre politischen Entscheidungen. In Talkshows müssen sie sich fragen lassen, was sie bei diesem oder jenem Ereignis "gefühlt" hätten, und sollte eine Präsidentengattin einmal unausgeglichen gucken, wird selbst der flüchtigste Gesichtsausdruck kurz und klein interpretiert. Der kollektiven Intimität, die solche Berichterstattung herstellen will, kann man kaum entfliehen.

Der Journalist Konstantin Richter hat nun ein Buch geschrieben, in dem es fast ausschließlich um das Innenleben von Angela Merkel geht. Sein kurzer Roman Die Kanzlerin schildert einen temporären Ausschnitt, von Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise über Merkels Ausspruch "Wir schaffen das" und die angebliche Grenzöffnung bis zum Abkommen mit der Türkei. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, wann der erste Depp einige der privatesten Dinge über die Kanzlerin, die in diesem Roman stehen, wütend in Internetforen hineintriumphiert. Dann träfe Richter jedoch keine Schuld.

Er hat seinem Buch sicherheitshalber die Gattungsbezeichnung "Fiktion" beigestellt und weist darauf hin, dass es sich nicht um eine "Dokumentation tatsächlicher Geschehnisse" handele. Wo der Journalist aufhören muss, weil er von dem, was andere Menschen wirklich denken, nichts wissen kann, da kommt der auktoriale Erzähler und darf alles hinzuerfinden, getreu dem Spruch von Peter Esterházy: Es ist elend schwer zu lügen, wenn man die Wahrheit nicht kennt. Eine "Anmaßung", wie es in der Süddeutschen Zeitung jüngst hieß, ist dieser Vorgang jedenfalls nicht.

Bundestagswahl - Die Raute hat ausgedient Der Wahlkampf 2017 wird für Merkel schwierig – und deshalb will sie ihn anders angehen. Zeit für eine neue Gestik, jenseits der Merkel-Raute.

Hackbällchen wie Buletten

Und Richter hat ja auch nette Einfälle: Dass die Kanzlerin einem hölderlinlesenden Flüchtling anonym über Amazon Bücher schenkt. Dass die Kanzlerin im schwarzen Politikerfluchtwagen sofort ermattet einschläft. Und dass die Kanzlerin anfängt, sich von ihrer Person zu entfremden, sich selbst mit dem Bild zu verwechseln, das Biografen und Journalisten von ihr über die Jahre gezeichnet haben und sich ständig fragt, ob sie glücklich ist. Merkel schickt vergnügte Emojis an ihre Kollegen, geht mit ihrem Lebensgefährten, der meistens nur "Sauer" heißt, zum Griechen (Hackbällchen, "die sich nicht wesentlich von Berliner Buletten unterschieden", 14,90 Euro) und gießt sich abends das Weinglas bis zum Rand voll.

Es ist nicht ohne Reiz, Merkels Privatleben literarisch auszumalen, die Frage ist aber, ob das ein ganzes Buch trägt, und ob man all die Orte (Schlafzimmer, Küche, Bad), an die es an einen bringt, wirklich so genau sehen möchte. Wozu also die schweißnassen Abende in Bayreuth, die vergrübelten Momente in der Skylounge, wo der Kanzlerin "die besten Ideen" kommen und die "subtropischen Lüftchen", die Merkels Haut auf Staatsbesuchen streicheln? Wozu diese Drolligkeit, mit welcher der Autor das Innenleben der Kanzlerin möbliert und sie zur Kunstfigur macht?

Nun muss ein Roman über Politiker ja nicht zwingend ein politischer Roman sein, aber wenn Konstantin Richter schon keine journalistische Erkenntnis in Aussicht stellt, könnte man ja wenigstens auf eine literarische Erkenntnis hoffen. Spiegel Online will darin eine "geniale Persiflage auf die Obsession unserer transparenten Ära" erkannt haben. Und man kann es durchaus als parodistische Motivation ansehen, das Leben von Angela Merkel zur Seifenoper zu steigern. Sie macht Joachim Sauer das Frühstück, schneidet in der Uckermark den Lavendel zurück, trinkt Eisenkrauttee, holt zu festlichen Anlässen den roten Blazer aus dem Schrank, und das Rauschen der Kanzleramtsklimaanlage hält sie für eine gute Metapher, ihr fällt aber nicht ein, wofür. Der Wallungswert der ganzen Übung entspricht allerdings dem Satz: "Sie trug ein lebendiges Türkisgrün, als sie in Spandau aus der Limousine stieg."

Hier gibt's wirklich nichts zu sehen

Die Kanzlerin wird auf die Dauer zur recht witzfreien Kolportage, in der man erfährt, was Richter denkt, was Merkel denkt, was wiederum häufig in Groschenromangedanken endet: "Nichts ist leicht im Leben, und alles hat seinen Preis. Also auch das Glück." Es ist, als wolle der Autor sagen: Leute, hier gibt's wirklich nichts zu sehen. Das wäre aber kein Grund, dieses Buch zu Ende zu lesen, das sich von den Klischees und Ressentiments, mit denen es offenbar spielen möchte, selbst nicht befreien kann. Dem Vorurteil, dass die Kanzlerin eine gefühlsferne Realpolitikerin sei, entgegnet Richter auf einer der ersten Seiten: "Sie hatte, was das Emotionale anging, wirklich Fortschritte gemacht."

Wie zum Beweis isst Merkel gerührt von Cosi fan tutte Würstchen, erzählt dem indischen Premierminister ergriffen, dass man damals im Osten keine Mangos kaufen konnte, fällt in der Oper in Ohnmacht und schluchzt erschöpft in Gegenwart von Joachim Sauer, was zu Szenen wie dieser führt: "Und er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie auf den Mund. Eine rasche Berührung war das nur, ein Küsschen eher als ein Kuss, und in dieser Form auch völlig angemessen. Denn Sauer und die Kanzlerin waren ja nicht Tristan und Isolde." Und die Frage, was alles daran Realität ist (relativ wenig) und was Fiktion (so ziemlich alles), wird ohnedies unerheblich, weil man auf den 176 Seiten recht schnell aufhört, sich für beides zu interessieren. Der Ärger aber, der ist echt.

Konstantin Richter: Die Kanzlerin. Kein & Aber, Zürich 2017, 176 S., 18 €.