Auszug aus einem Comic der Reihe "Captain Berlin" © Geschichte: Jörg Buttgereit, Text und Bleistift: Levin Kurio, Reinzeichnungen: Rainer F. Engel. Farben: Marte und Levin Kurio

Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi und Kim Jong Il sind tot, und als man gerade das Gefühl hatte, dass der comicfigurhafte Typ des "irren Diktators" so gut wie ausgestorben sei, da installieren sich ausgerechnet die USA, die diese real existierenden supervillains bisher bekämpft hat, selbst einen. Na, vielen Dank.

Nun kann uns wirklich nur noch einer retten: Captain Berlin, "der einzig wahre deutsche Superheld", geschaffen 1944 vom antifaschistischen Widerstand, um Adolf Hitler zu besiegen. Ein biologisch manipulierter Mensch, der nur sehr langsam altert und so bis zum heutigen Tag das Gute verteidigt; der den Kampf aufnimmt gegen den Elefantenmenschen, gegen mutierte Echsenmonster aus Fukushima, gegen Kim Jong Il und alle anderen Knallchargen dieser Welt.

Erfunden hat Captain Berlin der Hörspiel- und Filmregisseur Jörg Buttgereit, selbst 1963 im geteilten Berlin geboren, der sein künstlerisches Leben dem B-Movie verschrieben hat, markantestes Erzeugnis: der Nekrophilie-Horrorfilm-Instant-Classic Nekromantik (1987/1991).

Schon 1982 drehte Buttgereit einen noch extrem trashigen Zehnminüter über Captain Berlin, der erste Gegenspieler hieß Mister Synth. Es dauerte rund 25 Jahre, bis Buttgereit Captain Berlin wieder hervorkramte und in einem aberwitzigen Skript gegen Adolf Hitlers Gehirn und Graf Dracula zugleich antreten ließ, das Ergebnis wurde zwischen 2006 und 2009 zu einer Hörspiel-, Bühnen- und Spielfilmfassung verarbeitet.

Der DVD zum Film lag wiederum ein kleines Comic bei, umgesetzt vom Weissblech-Verlag, wo Captain Berlin seit 2013 schließlich auch regulär erscheint und das mit gutem Erfolg. Ungefähr halbjährlich werden neue Episoden veröffentlicht und so ist Captain Berlin endlich bei sich selbst angekommen: im Comic, dem Heimatmedium für Superheldengeschichten.

Der Weissblech-Verlag ist dabei in der deutschen Comiclandschaft so etwas wie die logische Heimat für Captain Berlin: Hier verweigert man sich dem Graphic-Novel-Trend, als einer von wenigen Verlagen setzt Weissblech ganz auf die klassischen Heftchencomics und bedient ein Genrespektrum zwischen Grusel, Splatter und Pornografie. "HorrorSchocker", "ZombieTerror", "Drogengeile Teenieschlampen" oder "Derber Trash" heißen die Reihen des Verlags, den Levin Kurio schon 1992 als 14-Jähriger gründete. Bis heute leitet er ihn und ist auch in Captain Berlin für Texte, Vorzeichnungen und Kolorierung verantwortlich, während sich Jörg Buttgereit um die Redaktion und die groben Storylinien kümmert.

Unterhose über dem Anzug

Und wie die beiden Captain Berlin in Szene setzen, das ist eine herrliche Emulation des Golden und Silver Age des Superheldencomics: markante Striche, satte Farben, realistische Proportionen ausdrucksstarke Gesichter. Auch gekleidet ist Captain Berlin klassisch, mit Unterhose über dem knallgelben Spandexanzug, Maske über dem Gesicht und der Berliner Bärenflagge als Cape. Dass er als Superwesen gezüchtet wurde, um Hitler zu stoppen, teilt er mit seinem Namensvetter Captain America. Und seine bürgerliche Zweitexistenz als wenig erfolgreicher Journalist teilt er mit Superman.

Inhaltlich sind die Geschichten der bisherigen Ausgaben nur lose verbunden und ein wirrer Ritt durch Pulp-Klischees und die bundesdeutsche Nachkriegsgeschichte. Rudi Dutschke tritt genau so auf wie ein irrer Sektenführer, der in einer verlassenen Pyramide haust. Im aktuellen sechsten Teil muss es Captain Berlin nun mit dem Feind aus dem Osten aufnehmen: Genosse Berlin, ausgewählt aus den produktivsten Werktätigen der Deutschen Demokratischen Republik und mittels Rotlichtbestrahlung und Raketenstiefeln zum sozialistischen Übermenschen aufgebrezelt.

Mit einem Katapult wird Genosse Berlin direkt ins Herz der kapitalistischen Frontstadt Westberlin geschossen, während Captain Berlin ganz andere Probleme hat: Dem überforderten Junggesellen ist das Kostüm im Trockner auf Babyleibchengröße geschrumpft. Derartiges comic relief gehört zu Captain Berlin genau wie eine gewisse Limitiertheit seiner Fähigkeiten. Es ist nämlich gar nicht so sicher, dass ihm immer alles gelingt.

Auf Trump hacken ja alle herum

In Heft 7 bekommt Captain Berlin es mit dem horriblen VHS-Mann und dessen hirnerweichenden Videodromstrahlen zu tun, Jörg Buttgereit verarbeitet so seine persönlichen Erfahrungen mit der hysterischen Zensurpolitik im Deutschland der achtziger Jahre. Und anschließend? Wird Captain Berlin sich des neuen Irren aus den USA annehmen? Eher nicht, meint Jörg Buttgereit, das wäre schließlich wenig originell – auf Trump hacken momentan ja schließlich alle herum.

Das ist vielleicht auch ganz gut so, wenn man sich Captain Berlins allerersten Versuch anschaut, Adolf Hitler zu stoppen: Kaum hat er Hitler aus seinem Besprechungsraum in der Wolfsschanze gezerrt, um ihn vor den Völkerbund zu bringen, da explodiert im Inneren die Bombe der Operation Walküre. Aber er bleibt der beste – und einzige! – Superheld, den Deutschland jemals hervorgebracht hat.