Auch bei deutschen Verlagen ist die Publikationsmaschinerie zum Thema Donald Trump längst in vollem Gange. Biografien, Witzbände, Enthüllungsbücher, Wahlanalysen, alles ist dabei. Inmitten dieses publizistischen Mahlstroms finden sich zwei interessante Neuveröffentlichungen, die etwas Abstand zum tagespolitischen Geschehen wahren. Stattdessen werfen sie die Frage auf, was die Präsidentschaft Trumps für die USA, die Weltpolitik und die Zukunft der Demokratie im Zeitalter omnipräsenter Medieninszenierungen bedeutet.

Brendan Simms, Historiker in Cambridge, und Charlie Laderman, Historiker am King's College London, versuchen das Rationale im Irrationalen aufzuzeigen. Ihr gemeinsames Buch Wir hätten gewarnt sein können: Donald Trumps Sicht auf die Welt ist eine Studie zur Entwicklung von Trumps politischem Denken über die letzten Jahrzehnte hinweg. Auf der einen Seite hungere die Öffentlichkeit nach Informationen über Donald Trump, so Simms und Laderman, andererseits aber hätten die Kritiker es versäumt, sich ernsthaft mit Trumps Weltbild zu befassen. Der Schließung dieser Lücke möchten die beiden nachkommen und zeichnen anhand von Trumps zahlreichen Zeitungsinterviews und Fernsehauftritten seit den 1970er-Jahren die Ideenwelt des amtierenden US-Präsidenten nach.

Georg Seeßlen, dessen film- und kulturwissenschaftliche Analysen auch auf ZEIT ONLINE zu lesen sind, wählt in Trump! POPulismus als Politik einen gänzlich anderen Ansatz: Seeßlen analysiert die eklektische mediale Inszenierung Trumps zwischen Volksheld, Westerner und kapitalistischem Selfmademan und fragt, inwiefern der Erfolg Trumps die Manifestation einer weitreichenderen Verschiebung im Kräfteverhältnis zwischen Entertainment, Kapital und Politik darstellt.

Unkalkulierbare geopolitische Dynamik

Für Simms und Laderman geht von Donald Trump weniger eine Gefahr für die USA, als für den Rest der Welt aus. Die Befürchtungen vor den innenpolitischen Folgen von Trumps rechtspopulistischem Kurs sind für Simms und Laderman einerseits verständlich. Andererseits, da sind beide sicher, werde Donald Trump im Inland von einer widerstandsfähigen Zivilgesellschaft und einem robusten System aus checks-and-balances in die Schranken gewiesen. Weitaus größer sei der Handlungsspielraum des US-Präsidenten in der Außenpolitik. Anlass zur Sorge ist für die Autoren Trumps "Ablehnung der liberalen internationalen Ordnung" samt deren bilateralen Verträge, Bündnisse und Verpflichtungen. Ein Kratzen an dieser mühsam über die letzten Jahrzehnte aufgebauten Ordnung droht laut Simms und Laderman eine unkalkulierbare geopolitische Dynamik zu entwickeln. "Die übrige Welt" werde "die Macht seiner Präsidentschaft stärker zu spüren bekommen als die Amerikaner selbst."

Simms und Laderman vertreten die Annahme, dass weniger Trumps Unberechenbarkeit, sondern vielmehr seine Konstanz das Problem ist. Denn die ebenso schlichte wie verblüffende These von Wir hätten gewarnt sein können ist, dass sich aus Donald Trumps öffentlichen Äußerungen über die letzten Jahrzehnte hinweg, angefangen mit einem NBC-Fernsehinterview aus dem Jahr 1980, eine zusammenhängende politische Agenda destillieren lässt. Das mag angesichts der vielen publizistischen Psychogramme, die Trump als launisch und erratisch beschreiben, verblüffend klingen. Jedoch wird diese Position anhand des Quellenmaterials das Simms und Laderman ausgewertet haben überraschend deutlich.

Kind der 1950er Jahre

Das Paradox besteht für die beiden Historiker weniger darin, dass man sich kein adäquates Bild davon machen könnte, was von einem Präsidenten Donald Trump zu erwarten ist, sondern dass insbesondere europäische Regierungen "Trumps Weltanschauung weiterhin missdeuten und sich irren, was die Tiefe seiner Überzeugungen angeht."

Die "Wiederherstellung der nationalen Größe der Vereinigten Staaten" ist für Simms und Laderman das zentrale Konzept in Donald Trumps politischer Gedankenwelt. Trump wird im Buch als Kind der 1950er Jahre beschrieben, einer Ära grenzenlosen amerikanischen Selbstbewusstseins, in der viele US-Bürger dachten, es sei ausgeschlossen, "dass Amerikas Macht irgendeine Weltgegend nicht erreiche". Trump knüpfe mit "seiner Hauptbotschaft" die USA "aus Auslandsverpflichtungen zurückzuziehen" an dieses Allmachtsverständnis an. Wie viele der im Buch zitierten Interviews deutlich machen, sind Trump die internationalen Bündnisse militärischer wie wirtschaftlicher Natur ein Dorn im Auge, befürchtet er doch beständig, dass die USA dadurch benachteiligt würden.