ZEIT ONLINE: Herr Bernstein, es gibt ein neues Buch von Ihnen, Frische Gedichte.

F. W. Bernstein: Ich könnte Ihnen jetzt gar keins vorsagen, ich weiß gar keins auswendig.

ZEIT ONLINE: Macht nichts. Ich kann auch nur das erste, Mein Programm: "Ihr sucht / Verse von schnatternder Wucht? / Ihr findet sie hier: / Alle von mir!" Großartig. Wollten Sie mit dem Titel dem drohenden Etikett Alterswerk ironisch etwas entgegensetzen?

Bernstein: Das war zunächst nur ein Arbeitstitel, weil ich schon länger bei der Antje Kunstmann im Wort war, endlich neue, frische Sachen zu liefern. Ironie ist da drin, die ist überhaupt immer drin, wenn man nicht so dick aufträgt und keinen dröhnenden Bedeutungstitel haben will. Aber etwas besonders Satirisches wollte ich gar nicht machen, "frisch" ist ja ein Adjektiv, das man nicht unbedingt mit ästhetischen Produkten in Verbindung bringt, sondern eher mit Gemüse.

ZEIT ONLINE: Es gibt ja einige Gedichte, in denen Sie Ihr Alter thematisieren, etwa in Guten Morgen!, wo sie sich lyrisch erst einmal wieder neu "zusammenfügen": "Wie war die Nacht? Was tut heut’ weh?"

Bernstein: Ach ja, es gibt aber auch genügend jüngere Leute, die Schwierigkeiten haben mit Auas. Das gehört dazu. Mein Sohn, der ist so alt wie Sie, mit dem kann ich mich hervorragend unterhalten über solche Zipperlein, der hat vielleicht sogar schon ein paar mehr als ich.

ZEIT ONLINE: Sie haben über ihre selbst sogenannten Gelegenheitsgedichte mal geschrieben: "Sie entstehen mit anderen über andere für andere." Sie, Robert Gernhardt und F. K. Waechter hat man oft in einem Atemzug genannt. Sie haben häufig auch zusammengearbeitet. Seit vielen Jahren müssen sie nun allein dichten. Fehlt Ihnen dieser Austausch?

Bernstein: Der fehlt mir nicht allein bei der Produktion, aber natürlich auch dort. Wir haben vieles gemeinsam gemacht. Als in den Schulen – ich war ja auch mal Lehrer – die Gruppenarbeit aufkam als Entwurf gegen die bürgerliche Einzelarbeit, da merkte ich, dass die Kollegen zwar eine Theorie dafür hatten, aber nie wirklich eine Gruppenarbeit gemacht haben. Und ich war bei der besten Gruppe überhaupt mit dabei, davon lebe ich eigentlich noch heute.

ZEIT ONLINE: Wie kann man sich das praktisch vorstellen? Haben Sie zusammen an einem Schreibtisch gesessen und sich die Reime gegenseitig zugeworfen?

Bernstein: Das war nicht vom Schreibtisch abhängig. Das konnte auch auf einer Wanderung sein, Gernhardt war ja ein großer Wanderer. Jeder hatte da einen Zettel in der Tasche, auf dem er sich was notierte, während Gernhardt die Vögel aufzählte, er war ja auch Hobbyornithologe und "birdspotter", wie er das nannte. Diese Erleuchtungen unterwegs gaben dann wieder neue Anregungen. Dass ich da mitmachen durfte bei solchen Profis, das war schon was. Aber zwischendurch waren mir auch mal zwei, drei Sachen gelungen und so durfte ich dabei bleiben. Es ging oft um Alltagssituationen, die wir zusammengetragen haben. Die klassische Alltagsituation: Zwei Männer stehen vor einem Haus. Der eine sagt: "Alles klar?" Und der andere: "Nö."

ZEIT ONLINE: In einem Gedicht sprechen Sie vom "Bedeutungsschmutz", in einem anderen postulieren Sie, "Sinnverlust ist Lustgewinn". Nur Nonsens ist es doch aber auch nicht, der Ihnen unterläuft.

Bernstein: Ja, darüber habe ich mit Gernhardt eine längere Diskussion geführt, wir haben uns fast schon gestritten. Er meinte, ein bisschen Sinn muss ja sein. Insofern ist der Begriff Nonsens hier vielleicht nicht ganz richtig. Ich glaube aber im Englischen bezeichnet er auch nicht die völlige Sinnfreiheit, es muss schon ein Restsinn da sein. Ich habe da mal so getan, weil es sich so schön gereimt hat, als sei der Sinn völlig unnötig, das stimmt natürlich nicht. Auch die Absage an den Sinn ist ja Sinn.

ZEIT ONLINE: Man hat das ja als Ideologiekritik verstanden und so muss man es wohl auch verstehen. Wenn man das Konzept Kunst aufweicht, sich also wehrt gegen das hehre Kunstgetue, gegen das Genieideal usw., da kommt ja der Sinn durch die Hintertür wieder ins Spiel.

Bernstein: Dieses Getue gibt es zurzeit eigentlich nicht mehr. Das lebt doch auch von der Erinnerung, als man ein Genie feierte. Die genialischen Gedichte von Goethe wie die Harzreise im Winter, das sind eigentlich die, die sich heute noch am besten halten können, die sind gar nicht so groß poetisch. Da gibt es mächtiges Gedröhne und Gedöns, die haben aber auch einige Qualitäten, die mit der Komik zu tun haben.

ZEIT ONLINE: Es gab doch aber in den fünfziger und sechziger Jahren diese Benn-Schule, in der die Kunst als eine Art Religionsersatz herhalten musste. Das gibt es bei den jüngeren Lyrikern auch wieder, scheint mir.

Bernstein: Ja, aber da hat man natürlich den Benn völlig missverstanden. Wenn Benn ein Gedicht anfängt in seinem Parlando, "Hör zu, so wird der letzte Abend sein, wo du noch ausgeh’n kannst". Und dann zählt er auf, wie viele Zigaretten er raucht und wie viel Bier er in der Kneipe hat und am Schluss hebt er noch kurz ab und macht das ganze Weltall zuständig. Dieser trockene Plauderton, den er da drauf hat, das ist eigentlich der Benn, der mir sehr nahe ist.

ZEIT ONLINE: Aber die Kunstreligion, die er aufmacht, die hat er schon ernst gemeint, oder? Da ist er ganz Nietzscheaner.

Bernstein: Ja, und wo die Religion ins Spiel kommt, da liefert er dann auch wieder dankbares Material, bei dem das Lästern angebracht ist. Ich würde jetzt übrigens auch keine Nonsensreligion machen wollen und behaupten, dass dies das einzige Wahre und Gültige ist.

ZEIT ONLINE: Apropos Lästern. Es gibt ja ein paar parodistische Gedichte in diesem Band, Rilke-Parodien vor allem. Man hat gar nicht den Eindruck, dass Sie ihren Gegenstand erledigen wollen, es klingt eher ein bisschen nach Verehrung.

Bernstein: Ja, würde ich auch sagen. Rilke hatte diesen hohen Ton, diesen schönen Ton, nahe dran an dem, was man früher mal Kitsch nannte, als man noch solche Angst hatte vor Kitsch, ich kenne die überhaupt nicht. Versuchen Sie das mal, lesen Sie mal ein paar Rilke-Gedichte, wenn Sie danach einen Brief schreiben, sind Sie drin in diesem Ton. Das ist eine Anregung durch das Sprachmaterial, das er verwendet.

ZEIT ONLINE: Mir fällt da Peter Rühmkorfs Parodiekonzept ein, der das Parodierte auch nicht verlachen wollte, sondern eher zeitgemäß weiterdichten, es aktualisieren.

Bernstein: Ja, dem würde ich zustimmen und Gernhardts Parodiebegriff noch hinzunehmen. Der hat sich parodistisch viel mit Heine beschäftigt und für ihn war das eher ein "nachäffen", kein kritisches Fertigmachen. Es gibt ja Menschen, die können hervorragend Dialekte nachahmen, das bewundere ich sehr. Und damit ist das zu vergleichen. Außerdem, bei den Malern gilt ja: Der Anlass für ein Bild sind andere Bilder. Und der Anlass für ein Gedicht sind andere Gedichte. Sehen Sie, mir wird oft nachgesagt, mal kritisch, mal höhnisch, ich sei so gebildet. Natürlich bin ich gebildet, ich habe sogar mal Schmalspurgermanistik studiert und da natürlich einiges gelesen. Von irgendwo holt man seine Sachen nun mal her. Und wer gebildet ist, hat natürlich auch viel Material, um damit zu spielen. Ich wehre mich immer gegen die Diffamierung von Bildung, als wenn man so ein reines Arbeiterdeutsch sprechen müsste.

 ZEIT ONLINE: Auf der anderen Seiten findet das ganz und gar Profane, das Niedere, die Banalität des Alltags bei Ihnen ja besondere Beachtung.

Bernstein: Ja, natürlich. Und als Kontrast dazu wabert im Hintergrund der hohe Ton.