Bereits mit seinem für den Preis der Leipziger Buchmesse 2014 nominierten Debütroman Am Ende schmeißen wir mit Gold geriet Fabian Hischmann mitten in eine Literaturdebatte. Die Absolventen der Schreibschulen in Leipzig und Hildesheim, so hieß es, könnten zwar schreiben, hätten jedoch nichts erlebt und daher nichts zu erzählen. Hischmann, Jahrgang 1983, hat an beiden Schulen studiert. Sein Ich-Erzähler Max Flieger wusste im Roman wenig bis nichts mit sich anzufangen, heulte mit Ende 20 noch immer seiner Jugend hinterher und unternahm schließlich eine Reise, um sich ganz seiner Selbstfindung hinzugeben.

Nun hat Hischmann mit Das Umgehen der Orte seinen zweiten Roman vorgelegt, eine weitere Coming-of-Age Geschichte. Zu Max Flieger, mittlerweile 36, gesellen sich eine Reihe jüngerer Figuren: Lisa wiegt 90 Kilo, liebt Schokoriegel und Frauen. Sie friert nie und geht zum Abkühlen ins Eisstadion. Anne hat gerne das Sagen. Samuel ist verheißungsvoller Nachwuchsautor und nach wenigen Kapiteln tot. Niklas steht auf Tim. Hannes stalkt Gus van Sant und möchte einen Film über das Erwachsenwerden drehen. Knapp ein Dutzend Figuren treten in kurzen und längeren Episoden auf, die sich zwischen 2004 und 2020 abspielen. Zwischendurch stirbt Matt Damon, und Nick Cave verschwindet an Board seiner Yacht. Sein Hilferuf beendet den Roman und damit eine lange Irrfahrt: "This is Nick Cave, captain of the Henry Lee. I've lost orientation … Can anyone hear me…", ruft er.

Verloren wie Cave driftet das gesamte Figurenensemble dahin. Es sind Teenager auf der Schwelle zum Erwachsenwerden und Orientierungslose auf spätem Selbstfindungstrip. Auf der Suche nach sich selbst, nach Liebe, Freundschaft und Zugehörigkeit fliehen sie vor ihrer Kindheit und dem Klammergriff der Eltern. Tracy Chapmans You better run, run, run, run im Ohr verteilen sie sich über Australien, die Westmännerinseln, Königsburg und Island, wo sich ihre Wege immer wieder kreuzen.

Als Hannes von seinem Professor gefragt wird: "Noch ein Film über das Erwachsenwerden, willst du das wirklich? Braucht das jemand? Immer wieder?" stellt sich zugleich die Frage: Noch ein Buch über das Erwachsenwerden? Braucht das jemand? Hannes weiß keine Antwort, will sich Gedanken machen, kommt aber nicht darauf zurück.

Reihum lässt Hischmann seine Figuren zu Wort kommen. Jede hat Gründe für das eigene Scheitern, für Angst oder Resignation, für ein halbfertiges Leben, für Antriebs- und Perspektivlosigkeit. Mal treffsicher, mal ausschweifend schildert der Autor die Macken und Ungereimtheiten seiner Figuren, schafft in der Beschreibung greifbare Charaktere und trittsichere Sätze, die wie kleine Inseln aus dem Wasser ragen. Dazwischen jedoch überwiegen Episoden, die so versatzstückhaft und unzusammenhängend aneinandergereiht sind, dass die Charaktere nur kurz aufleuchten und schnell wieder verblassen.

Wie die Bernsteinfliegen

Passagenweise folgt man den Geschichten gerne, verliert sich mit dem Autor und seinen Figuren. Hischmann liefert Schnappschüsse und Momentaufnahmen, die das Nicht-Erwachsenwerden-Können seiner Figuren festhalten. Wie Bernsteinfliegen stecken sie in einem Bewusstsein, in dem nur das eigene Ich und die Gegenwart gelten. Sie haben keine Perspektiven, keine Überzeugungen und machen unreflektiert Gebraucht von einem Angebot an Möglichkeiten. Unterbrochen einzig von melancholisch unterlegten Erinnerungstrips in die eigene Kindheit: "Wir schlecken Paprikapulver von Kartoffelchips. Wir gurgeln mit Limonade. Wir hissen einen Kissenbezug. Wir nennen uns Bande. Wir ahnen noch nichts", heißt es gleich zu Beginn.

Hinter dem vermeintlichen Kindheitsidyll liegt oft die Ursache für abgründige Emotionen verborgen. Um vorwärts zu kommen, müssen die Suchenden freilich das bewältigen, was sie als Schatten ihrer Jugend begreifen. Doch Hischmanns Figuren versäumen es, Konflikte zur Sprache zu bringen. Den Zugang zu sich selbst finden sie nur vermittelt in Film- und Musikzitaten. Oder der Beschreibung einer kupferfarbenen Morgensonne. So schippert der Roman an der Beschreibung von Oberflächenphänomenen entlang und verliert sich zwischen Sätzen, deren Wiederholungen oft redundant erscheinen: "Wenn er an den Termin denkt, die Maschine, den Schlauch, kriegt er das Zittern. Wie ein Windhund im Winter. Wie Cassius Clay. Wie einer, der Angst hat."

Die Geschichten verlaufen, fransen an zu vielen Enden aus. Was bleibt, ist lediglich ein Figurenmosaik, dessen Gesamtbild den adoleszenten Aggregatzustand der Orientierungslosigkeit beschreibt und bis in die verlängerte Gegenwart deutet. Der Autor begnügt sich damit, abzubilden, was ist. Er wirkt so verloren wie Anne, Hannes und Tim. Und so liest sich auch der Roman wie eine Sammlung aus Notizen und Zustandsbeschreibungen. Aber es erschließt sich aus kaum einer Szene dieses Romans die Dringlichkeit, warum er überhaupt erzählt werden musste.

Fabian Hischmann: Das Umgehen der Orte. Berlin Verlag, 2017. 205 S., 18 €.