Als Paul Klee das Angebot erhielt, Curt Corrinths Kurzroman Potsdamer Platz zu illustrieren, war er ein wenig skeptisch. Das lag an der etwas zweifelhaften literarischen Qualität des Buches. Die Dichtung, schrieb Klee an seinen Kollegen Alfred Kubin, sei nicht gerade besonders, aber dankbar. Also machte er sich, der nur höchst selten als Illustrator in Erscheinung trat, ans Werk. 1920 erschien eine Vorzugsausgabe des Bandes in einer limitierten Auflage von 500 Exemplaren, später folgte noch eine Volksausgabe. Wer das Buch in den letzten Jahren antiquarisch erwerben wollte, musste etwas tiefer in die Tasche greifen. Das lässt sich nun zum Glück umgehen: Corrinths expressionistischer Ekstaseroman ist von dem kleinen, seit einer Weile in Berlin ansässigen Verlag Walde + Graf ausgegraben und neu aufgelegt worden – eine originalgetreue Wiederveröffentlichung des Textes samt der zehn Lithografien Klees. Man dürfte dem Dichter kein allzu großes Unrecht tun, wenn man behauptete, dass der Band vornehmlich wegen Paul Klees Beitrag auch heute noch von Interesse ist und jede Neupublikation lohnt. Der Text selbst ist ein pathosgeladenes und bürgerschreckendes Manifest der Libertinage, sprachlich wie moralisch.

Das von Paul Klee illustrierte Cover des Romans von Curt Corrinth © Verlage Walde + Graf

Hans Termaden heißt der unbedarfte Held, der von seinem Schöpfer in die weite und große Welt gesandt wird, und die war auch damals schon Berlin. Der junge Mann trifft in der brodelnden Stadt ein, noch nicht ganz ahnend, was sein Autor im Schilde führt: "Frühlingstage schwangen fliederweiß wie diese, und Abend ertrank schon sanft gleitend in besternter Nacht – hoch, hoch und blau und silbern diademte Himmel – als müdgeraster D-Zug aufseufzend verebbte im tosenden Hallenhafen des Potsdamer Bahnhofs." Da ist er nun also, der Novize, und will etwas Gescheites anfangen mit seinem Leben. Hier entscheidet sich sein Schicksal, und das meint es gut mit ihm: Termaden fällt in die Arme einer Prostituierten, die das Weibliche schlechthin verkörpert und den "Jünglingsleib" seufzend in Empfang nimmt. Was dann passiert, kann nur der Dichter selbst mit einem wohligen Stöhnen kundtun: "Purpur wogt. Flatternde Rechte giert. Kreise rollen sphärisch. Äther donnert Hymnen. Gott erschafft ein abermal. 'Du – du - -' Röcheln küßt Röcheln tot."

Gegen die Hosenträgerspießer

Man kann es sich in etwa vorstellen, was da im Dirnenbett geschieht. Schier unvorstellbar ist aber, was dann kommt. Termaden wird zum Anführer einer sexuellen Befreiungsbewegung, die selbst das sündige Berlin so bislang nicht gesehen hat. Gegen Hosenträgerspießer, preußische Moralapostel und bigotte Zaungäste des bunten Treibens zieht Termaden mit den gefallenen Damen zu Felde, immer mehr Jünger und vor allem leichtbekleidete Jüngerinnen schließen sich ihm an und suchen "gotthafte" Erlösung: "ah, so gebar Europa seinen Messias". Die Stunden "dionysischer Lust" sollen die düster grauen Tage ablösen, die weiblichen Triebe dürfen nicht länger vom Patriarchat unterdrückt werden – ziemlich forsche Gedanken zur damaligen Zeit. Und selbst die "armbandgeschmückten geschminkten Männer der Tauentzienstraße", die ihre Existenzweise vom alles überschwemmenden weiblichen Luststrom in dunkle Winkel verbannt sehen, können beim Showdown mit den liebestrunkenen Termaden-Anhängern nichts ausrichten, ebenso wenig übrigens wie der "verhöhnte Staat". Eine "niegesehene Revolution raketete über Berlin".

Sogar den aufgeschlossensten Expressionisten dürfte dieser lautmalerische Exzess, der D-Zug-gleich über jede Seite hinwegdonnert, schon damals etwas überspannt vorgekommen sein. Corrinth überreizt sprachlich seine sinnliche Schlachtenbeschreibung beträchtlich, alles ist in Bewegung und aus dem Ruder, verrutscht und grell. Er übertreibt es mit Inversionen, kitschigem Verkündigungsschwall und seinem großmäuligen Gebrüll dermaßen, dass es in der Übertreibung beim heutigen Lesen schon wieder sehr lustig ist. Vielleicht, das ist aber nur ein Verdacht, hat Corrinth selbst mit sämtlichen Versatzstücken des Expressionismus ironisch gespielt und die Sache nicht so ganz ernst genommen – die Normübertretungen hat er allerdings sehr bewusst gesetzt. Konservativen Kreisen gefiel, was sie da lesen mussten, aus moralischen Gründen jedenfalls gar nicht. Die katholische Monatsschrift Der Gral erkannte "Pornographie in der undeutschen, leicht nachzuschmierenden Sprache des Novellisten Sternheim"; vor der "deutschen Staatsumwälzung" hätte so ein Machwerk nur heimlich vertrieben werden können. Die Zensur hatte Corrinth, wen wundert's, ebenfalls an den Hacken; einige gewagte Passagen widersprachen der herrschenden Sitte doch sehr. Der Roman wurde wegen Verstoßes gegen den Anstand sogar beschlagnahmt. Ein explosives Buch also, literaturhistorisch interessant, literarisch ein wenig fragwürdig. Bilder- und fantasiereich sind diese Ekstatischen Visionen aber auf jeden Fall, das muss man ihnen lassen.

Von den Nazis verboten

So etwas in der Art meinte Paul Klee wohl, als er davon sprach, dass die Dichtung nicht besonders, aber dankbar sei. Seine Zeichnungen greifen das dynamische Geschehen dementsprechend rasant auf. Als abstrakte Ekstasen könnte man seine Zeichnungen beschreiben. Manchmal auch gar nicht abstrakt, sondern durchaus rauschhaft und den sexuellen Schwung der Seiten in die Bilder tragend. Es ist eine chaotische, zerborstene Welt, die Paul Klee aus dem überbordenden Text von Corrinth destilliert: ein Berlin, das den Schock des Ersten Weltkriegs abschütteln muss. Skurril und obszön, verspielt und hingeworfen – so erscheinen diese Zeichnungen, die zudem einen ganz eigenen Witz haben und die fickrige Unruhe des Textes kritzelig fortführen.

Paul Klee war damals schon ein bekannter Maler. Und Corrinth? Er veröffentlichte unverdrossen weiter, sorgte noch für ein paar mindere Skandale und Ende der zwanziger Jahre für Aufsehen mit seinem Drama Trojaner, das den Nazis nicht gefiel, weshalb seine Werke nach deren Machtergreifung erst einmal verboten wurden. Das Verbot wurde irgendwann aufgehoben, er konnte wieder publizieren, emigrierte mehr oder minder innerlich, seine Bücher wurden braver, ein Kriminalroman war dann auch dabei. Nach 1945 versuchte er sich zunächst als Buchhändler im Rheinland, bis er 1955 nach Ost-Berlin übersiedelte. Dort starb er 1960 mit 75 Jahren, von der Literaturgeschichte fast vergessen. Aber eben doch nicht ganz, wie die Wiederveröffentlichung seiner visionären Fantasie einer sexuellen Revolte mitten in Berlin belegt.

Curt Corrinth: Potsdamer Platz oder Die Nächte des neues Messias. Ekstatische Visionen. Roman. Mit Illustrationen von Paul Klee. Walde + Graf. Berlin 2017. 96 Seiten. 16,50 Euro.