Wenn man nachts über die leere Autobahn fährt und die vereinzelten Lichter von Hochhaussiedlungen davon künden, dass man sich langsam einer Stadt nähert, dann fragt man sich zuweilen einen Augenblick lang, was für Leben sich hinter diesen beleuchteten Fenstern wohl abspielen mögen, die so umrahmt vom Dunkel eine eigenartige Mischung aus Verlorenheit und Geborgenheit aussenden. Bald darauf, wenn das helle, nervöse Zentrum der Stadt erreicht ist, ist der Gedanke an die Geschichten dort an den Rändern zumeist auch schon verflogen.

Die stillen Trabanten heißt der neue Erzählband von Clemens Meyer, in dem er von Menschen erzählt, die ihr Leben an der Peripherie der Erregungszentren verbringen. Meyer tut das in einem Ton, der so behutsam und leise ist, als wolle er diese Figuren nur ja nicht brüsk in eine ausgeleuchtete Mitte stoßen, wo sie unseren neugierigen Blicken preisgegeben wären. Und als wolle er sie nicht stören in diesen wenigen Momenten, in denen sie ihre Einsamkeit – denn einsam sind sie alle – vielleicht nicht wirklich vergessen, aber doch beiseiteschieben können, weil für eine Weile die zaghafte Hoffnung besteht, dass da jemand ist, mit dem man etwas teilen könnte. Es muss ja nicht gleich das Leben sein. Womöglich erst einmal nur einen Piccolo in der Bahnhofskneipe, wie bei den beiden älteren Frauen, die dort ins Gespräch kommen.

Die eine, Christa, gehört zu den Reinigungstrupps, die ankommende Züge säubern müssen, die andere, Birgitt, arbeitet in einem Friseursalon im Bahnhof. Keiner dieser chaotischen modernen Salons mit dröhnender Musik, darauf legt sie Wert, sondern ein "sauberer, ruhiger und gut geführter Betrieb". Birgitts Sommermantel, bemerkt Christa, mag abgewetzt sein, ist aber noch immer elegant. Es sind diese scheinbaren Beiläufigkeiten, durch die Clemens Meyers Figuren in einer stets etwas traurigen, aber würdevollen Schönheit erstrahlen.

Von zartem Glanz

An dem Abend, an dem sich die Frauen das erste Mal begegnen, liegen neben Christa zwei Kirschkerne. Am Ende ihrer Schicht ist sie wegen dieser Kerne, die sie irgendwo in den Ritzen zwischen den Bahnsitzen übersehen hat, zu ihrem Vorgesetzten zitiert worden. Als Birgitt sie fragt, was es auf sich habe mit den abgenagten Kernen, antwortet Christa, sie wolle sie einpflanzen, auf dem Hof ihres Wohnhauses, damit zwei Bäume daraus wachsen und sie Kirschverkäuferin werden könne. Wieder so ein Moment, bitter und zugleich von zartem Glanz. Erst nachdem sie sich ein wenig besser kennen, wird Christa verraten, dass sie sich schämte für die Kerne, die Belege ihrer Unachtsamkeit.

Nicht nur in der Geschichte Späte Ankunft erzählt Clemens Meyer in einem wie von Müdigkeit überschatteten Ton, der durch die variierte Wiederholung einzelner Formulierungen etwas Rhythmisches, sanft Wogendes erhält, melancholisch, ohne je sentimental zu werden. Wie in einem kaum zu entwirrenden Gespinst gehen Erinnerung und Gegenwart ineinander über, sind nicht scharf aneinandergeschnitten, sondern fließend.

Wenngleich sich Christa, fast wie in einer Liebesbeziehung, nach den Begegnungen mit Birgitt sehnt, dann scheint es doch unsicher, ob aus den Treffen in der Bahnhofskneipe eine Freundschaft werden wird, lösen sich doch in den anderen Erzählungen all die fragilen Verbindungen unversehens wieder auf, als glitten sie den Figuren unmerklich durch die Finger. Als würde eines dieser erleuchteten Fenster, das für eine kleine Weile Geborgenheit versprochen hat, erlöschen.

In der Erzählung Der Spalt etwa, in der ein junger Mann seine Wohnung verlässt, nachdem dort eingebrochen wurde, nachts durch die Stadt streift und schließlich im Treppenhaus eines Hauses, das er für leerstehend hält, von einer alten Frau angesprochen wird. Sie erkennt in ihm den lange vermissten Enkel, der von einem Militäreinsatz zurückkehrt. Der junge Mann klärt den Irrtum der alten, womöglich verwirrten Frau nicht auf und schmiegt sich probeweise in dieses fremde Leben. Oder ist diese Verwechselung gar kein Versehen? Weiß die alte Frau sehr wohl, dass sie einen fremden Mann bekocht, um den leer gewordenen Platz in ihrem Leben zu füllen? Ihr Enkel wird nicht mehr zurückkehren, er ist bei dem Einsatz gestorben, das liest der Fremde in Akten, die in der Wohnung verwahrt sind. Nach einem Tag, vielleicht zwei Tagen verlässt er die Altbauwohnung wieder, heimlich, nachts, gekleidet in der Uniform des Verstorbenen.