Im Anfang herrscht erst einmal Chaos, ein großer Brei. Dann lichten sich die Nebel, Reines und Trübes streben auseinander. Himmel und Erde trennen sich. Ein Rumpeln, und die beiden sind wieder vereint und haben die zehntausend Dinge erzeugt. 129.600 Jahre dauert ein Weltenzyklus, und es sind ihrer schon viele durchs Land gegangen. Im gegenwärtigen liegt auf dem Blumen-Früchte-Berg ein himmlischer Stein, der alsbald ein Ei gebiert. Ein Affe kriecht aus ihm hervor; im nächsten Moment befinden wir uns in einem Universum bevölkert von himmlischen Scharen, Berggeistern und Dämonen, und besagter Affe ist zum Anführer einer abertausendköpfigen Affenschar geworden. Irgendwann blitzt der Affenkönig den Jadekaiser im Himmel scharf an, und da ahnt man ihn schon, den kommenden, titanischen Aufruhr, den der Buddha höchstpersönlich wird schlichten müssen.

So steht es im ersten Kapitel des 100 Kapitel starken chinesischen Romans Die Reise in den Westen. "Die beseelte Wurzel keimt, der Quell nimmt seinen Lauf / Mit innerer Vervollkommnung beginnt der Große Weg", lautet die Überschrift dieses Kapitels, und das klingt eigentümlich fremd – eben sehr chinesisch. Handelt sich bei diesem Text, der in China dem Genre des xiǎoshuō 小說 (wörtlich: "kleine Erzählung") zugerechnet wird, überhaupt um einen Roman in unserem, im alteuropäischen Sinne? Oder ist er vielleicht nur eins jener Traumstücke aus längst verschollenen Zivilisationen, wie sie selbst in Zeiten zunehmender Globalität noch überall in der Welt herumliegen?

Fangen wir mit etwas Geschichte an: Die früheste erhaltene, anonym publizierte Fassung der Reise in den Westen ist auf 1592 datiert. Die Autorschaft wird gewöhnlich Wu Cheng'en zugeschrieben, einem Dichter und konfuzianischen Beamten aus der Ming-Dynastie (letzte Sicherheit gibt es hier, wie so oft in China, nicht); durch die Jahrhunderte wurde dieser Text in zahlreichen Fassungen gedruckt, meist kommentiert und mit kunstvollen Holzschnitt-Illustrationen versehen.

Eine himmlische Revolte

Seit dem frühen 20. Jahrhundert gilt Die Reise in den Westen als der wichtigste Roman des vormodernen Chinas und wurde dementsprechend millionenfach in Ostasien verbreitet; eine gekürzte Fassung wurde im Jahr 1942 von Arthur Waley (Monkey) ins Englische übersetzt, die vollständige Jahrzehnte später (1977–1983) von Anthony C. Yu; im Deutschen liegt Die Reise in den Westen erst seit 2016 vollständig vor, kongenial übertragen von Eva Lüdi Kong. Die Übersetzung ist mit dem diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet worden.

Die Handlung ist schnell zusammengefasst: Im ersten Teil des Romans (Kapitel 1–7) wird beschrieben, wie die Revolte fehlschlägt, die der Affenkönig Sun Wukong in mythischer Vorzeit gegen den Jadekaiser entfesselt. Zu Beginn des zweiten Teils (Kapitel 8–12) steht die Entscheidung Buddhas, den Menschen in Ostasien, die zur Zeit der Tang-Dynastie noch nicht viel vom Buddhismus wissen, die wichtigsten heiligen Schriften zukommen zu lassen.

Jetzt muss nur noch ein Bote gefunden werden, der die beschwerliche Reise von China nach Indien und zurück auf sich nimmt. Dazu auserkoren wird der Mönch Xuanzang, mit Beinamen Tripitaka. Der dritte Teil des Romans (Kapitel 13–100) erzählt von Xuanzangs Reise in den Westen, die 14 Jahre währen soll und in deren Verlauf er unzählige Dämonen und Unholde überwältigen muss, bevor er die heiligen Schriften aus Indien heil in die chinesische Hauptstadt befördern kann.

Auf der Reise bildet sich eine regelrechte Pilgertruppe um Tripitaka: Da ist Eber Bajie, vormals ein himmlischer Würdenträger, der jedoch für seine Verfehlungen in die Menschenwelt verdammt und halb als Mensch, halb als Schwein wiedergeboren worden ist; außerdem Sandmönch, der ehemalige General Gardinenroller, der versehentlich eine Vase der Königinmutter des Westens umgestoßen hat und deshalb in Monstergestalt zur Welt gekommen ist; sowie nicht zuletzt der Affenkönig Sun Wukong, der die Reise als Sühne für seine himmlische Revolte auf sich nimmt.